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Die ersten 2 Wochen in Nairobi – Leben in zwei Welten

Ein Bericht von Melanie Buchacker-Hajduk über ihren Einsatz als Kinderärztin in Nairobi, Kenia

Jetzt sind erst zwei Wochen meines Einsatzes vorbei und ich habe den Eindruck, ich kann schon unendliche viele Eindrücke in den Koffer der Erinnerungen packen. Eindrücke aus zwei völlig unterschiedlichen Welten.

Nach einem problemlosen Flug von Frankfurt nach Doha und Weiterflug nach Nairobi kam ich mit einer Stunde Verspätung an, beantragte mein Visum, zahlte 40 Euro, wechselte Geld, besorgte mir eine einheimische SIM-Karte, um mit den zu Hause Gebliebenen in Kontakt zu bleiben, und wurde von John, einem sehr freundlichen Fahrer abgeholt. Ich kam gerade rechtzeitig zum Frühstück. Elisa, die Kinderärztin, die ich abgelöst habe und Burghard, Internist, kochten gerade Kaffee und Eier, die es sonntags gibt. Mein mitgebrachter Käse und das selbstgebackene Brot waren natürlich sehr willkommen. Nach dem Frühstück packte ich meine Sachen aus. Ich erhielt natürlich das weit geschmähte Zimmer, ohne Fenster und nur durch einen Vorhang vom Kollegen getrennt. Ehrlich gesagt, ich habe es mir schlimmer vorgestellt. Man muss nachts die Tür auflassen, damit frische Luft ins Zimmer kommt.

Nachmittags fuhr ich mit Burghard und Elisa in die Stadt. Montagmorgen nach dem Frühstück gingen wir um 7:30 Uhr von der Unterkunft in die Ambulanz. Der Weg ist für mich auf der letzten Strecke sehr gewöhnungsbedürftig. Abfall jeglicher Art, stechender Geruch von Urin bei schwüler Luft, tosendem Lärm aus Musikanlagen, Menschengedränge, Autohupen, Geschrei…. und dann lese ich das Schild Mathare Hospital. Die Bänke waren bereits voll mit alten und jungen Patienten.

Schon früh morgens warten Patienten vor der Ambulanz

Schon früh morgens warten Patienten vor der Ambulanz

Vormittags habe ich Elisa noch über die Schulter gesehen: Esther, die Übersetzerin, ruft die Patienten auf, unterhält sich mit einer Mutter. In der Zeit sehen wir uns die Cliniccard an, in der die wichtigsten Daten eingetragen sind – von der Mutter beispielsweise der HIV-Status und vom Kind das Geburtsdatum, Impfungen, die Gabe von Vitamin-A und Entwurmung. Nach der körperlichen Untersuchung erfolgt der Eintag in die Karte nach dem SOAP-Schema = Anamnese, Untersuchung, Diagnose, Therapie. Mit Esther wird die Diagnose und Therapie besprochen, die dann für die Mutter übersetzt. Bei Bedarf werden Labordiagnostik und Folgetermine vereinbart. Das Krankheitsspektrum bei Kindern umfasst normale Erkältungen, Bronchitiden bis hin zu schweren Pneumonien, Unterernährung, Durchfällen, Malaria, Rachitis, Sichelzellanämie, Epilepsie, Impetigo, Scabies, Windelsoor, Unterarmfrakturen, Verbrennungen, um nur einige zu nennen.

Das Krankheitsspektrum bei Kindern reicht von einfachen Erkältungen bis hin zu Unterernährung und Scrabies

Das Krankheitsspektrum bei Kindern reicht von einfachen Erkältungen
bis hin zu Unterernährung und Scrabies

Der große Vorteil dieser Ambulanz ist, dass hier Kollegen verschiedener Fachrichtungen arbeiten, so dass ein kollegialer Austausch jeder Zeit möglich ist. Barbara und Ulli, die hier als Langzeitärzte arbeiten – beide fachlich sehr kompetent – kann man jeder Zeit um fachlichen Rat fragen. Zwischen meinem und Ullis Zimmer besteht sogar eine Verbindungstür, so dass der Austausch noch schneller geht. Davon profitiere ich sehr. Ich konnte zum Beispiel schnell fragen, ob das auf der dunklen Haut nun Scabies oder Windelsoor ist. Auch wenn ich mir einigermaßen sicher bin, frage ich lieber nach. Bei unterernährten Zwillingen vermutete ich, dass sie einen sogenannten Rosenkranz aufweisen, eine Veränderung an der Knorpel-Knochen-Grenze der Rippen, die bei Rachitis auftreten kann. Da ich einen solchen Rosenkranz noch nie gesehen habe, frage ich Ulli, der meine Vermutung bestätigte.

Im Untersuchungszimmer der Ambulanz

Im Untersuchungszimmer der Ambulanz

Barbara, die Leiterin des Projektes achtet darauf, dass die neuen Kollegen nicht nur in der Ambulanz tätig sind, sondern auch über den Tellerrand sehen und mitbekommen, was alles im Projekt geleistet wird. So durfte ich am ersten Mittwochnachmittag statt in der Ambulanz tätig zu sein, „Feeding-Rose“ auf ihren Hausbesuchen im Slum begleiten. Die wohl für mich bis jetzt emotional schwierigsten Eindrücke. Ganz positiv war ich überrascht wie sauber es in vielen der kleinen, dunklen Wellblechhütten war. Ganz im Gegensatz zu dem Unrat, der auf den Straßen liegt. Zunächst besuchten wir einen Mann Mitte dreißig. Er hatte vor fünf Jahren eine schwere Meningitis mit Folgeschäden. Er kann nicht allein aufstehen, um sich etwas zu essen machen. Seine Sprache ist sehr verwaschen. Seine Frau geht arbeiten, um Geld zu verdienen. Der Mann hatte seit zwei Tagen nichts mehr zu essen bekommen. Ich gebe ihm mein Brot, das ich mir morgens gemacht hatte. In einer kleinen Dose hatte ich noch einen Rest Studentenfutter. Beides aß er gierig auf. Rose hat eine unendliche Geduld und hörte sich ruhig an, was er zu sagen hatte, holte ihr Handy raus und versuchte zu organisieren, dass er Essen bekommt.

04_Ambulanz 16.7. 2013_©Melanie Buchacker-Hajduk

Unser nächster Besuch führte uns zu einer älteren Dame. Sie hat AIDS und muss sich um die Enkelkinder kümmern. Beide Eltern sind bereits an AIDS verstorben. Sie hatte gerade Bohnen gekocht und wollte unbedingt, dass ich bei ihr esse. Ich esse die Bohnen, esse aber bewusst nur die halbe Portion. Ich habe das Gefühl, Menschen etwas wegzuessen, die selbst nur wenig haben. Als Rose sah, dass ich nur die Hälfte gegessen hatte, aß sie den Rest. Die Gastgeberin war stolz, als der Teller leer war. Unser dritter Besuch war bei einem Mann ebenfalls Mitte Dreißig mit AIDS und Tuberkulose, der – so wie ich mitbekomme, auch wenn ich nur wenig verstehe – eine tiefe Depression hat. Er nimmt seine Medikamente nicht. Fast eine Stunde bemühte sich Rose ihn aufzubauen. Anschließend besuchten wir eine junge Frau, die erst kürzlich erfahren hatte, dass sie AIDS hat. Auch sie war völlig antriebslos. Beide Kinder sind bereits im sogenannten „Feeding-Progamm“. In der spärlichen Wellblechhütte steht hinter alten Möbeln ein fast neues Motorrad. Wie passt das alles zusammen? Wieder bemühte sich Rose lange, der Mutter eine Perspektive aufzuzeigen. Auf unserem Weg zum nächsten Patienten zeigte eine alte Dame Rose ihr offenes Bein und wollte wissen, was sie machen soll. Rose fragte mich und ich schlug vor, dass sie am nächsten Tag zu Ulli in die Ambulanz kommen solle, was sie auch prompt tat. Am Abend war ich froh, dass ich mich nach dem Essen mit den Kollegen über das Tagesgeschehen austauschen konnte.

05_Ambulanz 16.7. 2013_©Melanie Buchacker-Hajduk

Letzten Donnerstagmorgen war ich Gast bei der Fortbildung der Angestellten. Es ging um die Vernetzung einzelner medizinischer Organisationen in Kenia. Am Freitagmorgen war von 8:00-9:00 Uhr die Teambesprechung der Mitarbeiter. Hier berichten die Kollegen von ihrer Arbeit, ihren Vorhaben und Problemen.

Und dann kam das Wochenende mit einem völligen Kontrastprogramm. Wir erlebten ein Kenia von einer völlig anderen Seite, mit seiner wunderbaren Landschaft und Tierwelt. Norbert, ein Kollege, der bereits in diesem Projekt das neunte Mal ist, nahm uns mit auf einen Ausflug in den Sweetwaters Park. Luis, ein Österreicher, KFZ-Meister, lebt seit 13 Jahren in Kenia und ist mit Marion, einer Kenianerin befreundet. Er war unser Fahrer an diesem Wochenende. Nach einem wunderbaren Frühstück mit Ei brachen wir auf und besuchten zunächst nachmittags Marions Familie, die uns mit einem umfangreichen Essen verwöhnte. Dafür wurden extra die Möbel im Freien auf einem Hügel aufgestellt.

Kontrastprogramm: Einladung zum Essen unter freiem Himmel

Kontrastprogramm: Einladung zum Essen unter freiem Himmel

Als wir zum Sweetwaters-Park kommen, gebe ich zu, musste ich mich erst an die kenianische Mentalität gewöhnen. Es dauerte ewig bis wir zahlen konnten. Die Rechenmaschine ging nicht und und und…… Neu für mich waren auch die unterschiedlichen Preise für Touristen, Einheimische und Schüler. Nach ruhiger Überlegung komme ich zu dem Schluss, dass es eine gerechte Lösung ist. Wir sehen eine wunderbare Landschaft, Zebras, Giraffen, Elefanten und viele andere Tiere in freier Wildbahn. Abends essen wir noch in einem Lokal mit Forellenzucht und frei herumlaufenden Affen.

Der zweite Ausflug war mindestens genauso beeindruckend. Mit der alten Eisenbahn ging es von Freitag auf Samstag 17 Stunden von Nairobi nach Mombasa. Nach 45 Minuten stoppte der Zug das erste Mal für eine Stunde. Unser Vorteil. Konnten wir doch so ganz in Ruhe unser Abendessen im Speisewagen einnehmen. Auf dem Tisch lag die Speisekarte und stand Plastikgeschirr. Zunächst gab es Suppe. Dann wurden die neuen Plastikteller ganz vornehm mit Serviette gereicht und Gemüse, Reis, Kartoffeln und Fleisch aufgegeben. Als Nachtisch gab es Obstsalat. Den Tee goss die Dame dann so schwungvoll ein, dass die Hälfte auf der Hose des Kollegen landete, der es zum Glück mit Humor ertrug. Nachts hatte ich dann doch des Öfteren den Eindruck, statt im Bett auf dem Trampolin zu liegen. Morgens um 6:00 Uhr ging die Dame vom Speisewagen mit einer Klingel in der Hand durch die Flure. Wir hatten uns für 8:00 Uhr zum Frühstücken angemeldet. Der Kellner meinte dann, wir sollten um 7:00 Uhr frühstücken. Danach könnten wir dann bestimmt Elefanten sehen. Also wurden die Kollegen geweckt und um 7:00 Uhr gefrühstückt. Auf die Elefanten warte ich noch heute. Belohnt wurden wir, als die Sonne aufgegangen war, mit einer wunderschönen Landschaft mit viel Grün, Weite, Lehmhütten und Ackerbau.

Ein Ausflug in den Sweetwaters-Park

Ein Ausflug in den Sweetwaters-Park

Wenn der Zug mal wieder aus für uns undefinierbaren Gründen hielt, kamen gleich viele Kinder, aber auch Erwachsene gelaufen und baten um…. Man kann auch hier nur punktuell helfen. Ich finde das schwer auszuhalten.

In Mombasa waren wir in einem guten Hotel untergebracht. Die Turbulenzen der Zugfahrt steckten uns allen die nächsten Stunden noch in den Knochen, so dass wir kreislaufmäßig etwas instabil waren. Nach einer Pause und Dusche ging es aber auf zu neuen Taten. Wir besichtigten Fort Jesus und die Altstadt, machten einen Einkaufsbummel und gingen gut essen. Am Sonntag machten wir noch einen kleinen Abstecher zum Nordstrand, dort wo die wohlhabenden Touristen Urlaub machen. Am Nachmittag brachte uns der Flieger sicher wieder von Mombasa nach Nairobi zurück, so dass wir am Montag pünktlich mit der Arbeit beginnen konnten.

Nach so vielen Erlebnissen in den ersten zwei Wochen, bin ich gespannt, was die nächsten vier Wochen bringen werden. Und das ist nur eine Kurzfassung dessen, was ich bis jetzt erlebt habe.

Der Einsatz lohnt sich!!!!

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Rolling Clinic und ein bisschen Urlaub

Ein Bericht von Sabine Kuhlmann über ihren Einsatz auf Mindoro, Philippinen

Es sind nun ca. vier Wochen vergangen seitdem ich das letzte Mal geschrieben habe. Morgen geht es auch wieder in die Heimat. Den vierwöchigen Aufenthalt auf Mindoro fand ich sehr spannend und bereichernd. Man hätte ohne die Arbeit nie so einen Zugang zu der Urbevölkerung dieser Insel gehabt, denn sie leben relativ zurückgezogen in den Bergen. Jeden Tag brachen wir um 7 Uhr mit einem Ambulanz-Jeep in ein neues Dorf auf.

Mangyana-Dorf auf der Südtour

Mangyana-Dorf auf der Südtour

Die Fahrt dorthin dauerte meist ca. eine Stunde selten auch bis zu zwei Stunden, wobei der erste Teil der Fahrt auf einer asphaltierten Straße stattfand. Danach ging es über Stock und Stein im Schritttempo ins Dorf, was ich jedes Mal als neues Abenteuer empfand. Die Landschaft war sehr beeindruckend, mit vielen Kokospalmen und Bananenbäumen. In den Dörfern erhielten wir häufig viel Gemüse und Früchte als Aufmerksamkeiten für unsere Arbeit. Zweimal sogar auch ein lebendes Huhn, welches irgendwann im Topf landete. Die Bevölkerung in den Dörfern ist nicht so medizinisch gebildet wie in Manila, In vielen Dörfern ist das Zähneputzen nicht alltäglich, was sich deutlich am Zahnstatus manifestiert. Aber das Team ist sehr bemüht in jedem Dorf eine Gesundheitsstunde zu halten, indem sie etwas über Hygiene lernen und darüber, wie sie sich selbst bei Krankheiten helfen können. Auch wurde in jedem Dorf eine Kochstunde mit den Dorfbewohnern durchgeführt, wobei sie lernten, mit den Lebensmitteln, die ihnen aus der Natur zur Verfügung stehen, zu kochen.

Staff House der German Doctors für die Nordtour

Staff House der German Doctors für die Nordtour

Die Krankheiten in den Dörfern waren ähnlich wie in Manila, jedoch kamen in dem einen oder anderen Dorf manchmal vermehrt Hautkrankheiten oder Durchfälle vor. Berücksichtigen musste man vor allem, dass der nächste Doktor erst in vier Wochen wieder kommt. Manche Patienten sind bis zu acht Stunden für die Untersuchung gelaufen, da sie in verstreuten Dörfern leben.

In manchen Dörfern haben wir vor Ort frische Früchte, wie zum Beispiel junge Kokosnüsse, bekommen und zur Kaffepause gab es dann statt Kaffee frischen Kokosnusssaft und das dazugehörige Fruchtfleisch, welches sehr weich ist. Das würde ich als eines meiner Highlights der Tour bezeichnen, denn so etwas gibt es in Deutschland nicht und es ist sehr sehr lecker :-). Auch habe ich es sehr genossen, dass man in einigen Dörfern nach der Arbeit im Fluss schwimmen konnte. Das war sicherlich manchmal auch nur deshalb möglich, da wir im Vergleich zu anderen Monaten relativ wenige Patienten zu versorgen hatten. Meine Patientenzahlen haben meist zwischen 30 und 80 geschwankt, was entgegen meiner Befürchtungen gut zu meistern war.

Zwischen unseren neuntägigen Touren haben wir einen Kurzurlaub im Annunian Beach Resort gemacht. Dort fahren fast alle German Doctors hin und man bekommt 30% Rabatt auf das Zimmer. Das war sehr entspannend. Wir kamen zwar im strömenden Regen an, aber ab dem zweiten Tag war das Wetter wieder freundlich und warm wie gewohnt. Erfreulicherweise wehte am Wasser eine kleine Brise, die gut tat und eine Abwechslung im Vergleich zur schwülen Hitze war.

Nach der letzten Tour auf Mindoro hatten wir erneut vier Tage frei und verbrachten diese am Taal Vulkan, ein kleiner Vulkan zwischen Mindoro und Manila. Der Ort in dem wir unser Hotel hatten, hieß Tagaytay und lag etwas höher, sodass die Tagestemperatur geschätzt bei “nur” 25°C lag. An einem Tag machten wir eine Tour zum Vulkan, welche vom Hotel aus organisiert wurde. Hierbei wurde man in einem Tricycle (Motorrad mit Anhänger) zu einem Anlegesteg gefahren, fuhr mit einem Boot über den Taal Lake zum Vulkan und wurde mit einem Pferd inklusive Führer zum Krater gebracht. Da ich kein Pferdefan bin und auch ein paar Fotos auf dem Weg machen wollte, versuchte ich den Führer auf dem Rückweg davon zu überzeugen, dass wir herunterlaufen und nicht reiten. Nach mehrmaligem Nachfragen des Führers, ergab ich mich schließlich doch und wir ritten zurück.

Das Südtour-Team und ich beim Abendessen im Garten des Staff Houses für die Süd-Tour

Das Südtour-Team und ich beim Abendessen im Garten des Staff Houses für die Süd-Tour

Die letzte Woche in Manila war ähnlich wie die erste. Zwei Abende bin ich nochmal zur Mall gefahren und habe noch einige Souvenirs (getrocknete Mangos, philippinisches Kochbuch auf Englisch…) gekauft. Da es hier um 18:30 Uhr dunkel wird und einem geraten wird, in der Dunkelheit nicht alleine draußen herumzulaufen, musste man sich allerdings nach der Arbeit etwas beeilen. Nun wird es Zeit ‚Adieu‘ zu sagen. Gleich erwartet uns noch eine Diskussionsrunde, in der wir berichten wie es uns ergangen ist und ob wir Verbesserungsvorschläge haben. Danach bekommen wir noch ein Abschiedsständchen. Als Dankeschön habe ich schon gestern Pfannkuchen gebraten.

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Kinder lieben Khichurie

Ein Bericht von Luise Kirchhoff über ihren Einsatz in Chittagong, Bangladesch

Einmal pro Woche fahren wir ins CbC (community-based project for malnourished children). Das ist unser „Feeding-Center“ inmitten eines der Slums, aus welchen unsere Patienten kommen. Es hat geregnet und die Straßen, auf denen unsere Rikscha fährt, sind teilweise zu Schlammstraßen geworden. Am Eingang des Slums müssen wir erst mal wie alle Slumbewohner durch knöcheltief stehende Schlammwasser waten. Das Regenwasser kann an dieser Stelle schlecht abfließen und so kann es in der Regenzeit manchmal sogar hüfthoch ansteigen. Meine Kollegen werden unter diesen Umständen nicht mehr ins CbC kommen können. Unsere Patienten und Slumbewohner haben leider keine andere Wahl als zu “schwimmen”.

Hochwasser auf dem Weg in den Slum

Hochwasser auf dem Weg in den Slum

Im CbC erwartet man uns bereits. Da wir nur einmal pro Woche in den Slum hinausfahren (die restlichen Tage werden uns lediglich die schwerkranken Kinder in die Ambulanz geschickt), sind es heute einige Kinder, die krank sind und die ich mir anschauen soll. Täglich erscheinen bis zu 40 Kinder mit ihren Müttern im CbC, um dort ihr Khichuri (ein nahrhaftes Reis- und Erbsengericht) zu essen. Leider kommen die wenigsten Mütter regelmäßig, also täglich zu uns. Oft werden auch die großen Geschwister (meist selbst noch kleine Kinder) mitgeschickt. 

Jeden Tag gibt es Kitchuri für die Kinder

Jeden Tag gibt es Kitchuri für die Kinder

Durchfall, Scabies, Wurmbefall oder ein einfacher Schnupfen, die im Slum üblichen Kinderkrankheiten also, die uns auch hier bei diesen unterernährten Kindern erwarten. Oft sind die Kinder zu schwach, um überhaupt Fieber auszubilden. Ein einfacher Virusinfekt wird leider allzu oft zu einer bakteriellen Lungenentzündung. Manche Kinder haben rezidivierende Infekte, sodass sie keine Chance haben, trotz unseres Khichuris, überhaupt zuzunehmen.

MUAC-Messung (Englisch für Mid-Upper Arm Circumference) bei einem schwer unterernährten Kind

MUAC-Messung (Englisch für Mid-Upper Arm Circumference) bei einem schwer unterernährten Kind

Wir sehen bei unseren Untersuchungen immer wieder Kinder, die einfach nicht zunehmen. Der häufigste Grund ist leider ein unregelmäßiges Erscheinen auf unserer „Feeding-Station“. Die Mütter kommen mit ihren Kindern in diesem Projekt nicht über Nacht zu uns. Sie müssen stattdessen jeden Morgen vorbeikommen und da die meisten Mütter noch fünf andere Geschwister zu Hause bekochen und versorgen müssen, ist das oft einfach nicht möglich. Eine Vielzahl an Müttern ist dazu noch alleinerziehend (meist von ihren Männern verlassen worden). Sie müssen also selbst in den Nähfabriken (unter uns nun gut bekannten schlechten Arbeitsbedingungen) arbeiten gehen.

Schulung der Mütter zum Thema Ernährung

Schulung der Mütter zum Thema Ernährung

 Die wichtigsten Medikamente haben wir vor Ort im CbC und können die Kinder direkt behandeln. Einige müssen wir bitten, mit uns in die Ambulanz zu kommen. Ein stark unterernährtes Kind mit schwerer Lungenentzündung schicke ich direkt ins Kinderkrankenhaus.

Entwurmung eines unterernährten Kindes

Entwurmung eines unterernährten Kindes

Wir haben alle kranken Kinder von heute gesehen und machen uns nach kurzem Spielen mit den anderen Kindern auf den Heimweg. Wir können unsere Sozialarbeiterinnen und Köchinnen im „Feeding-Center“ allerdings nicht verlassen, ohne nicht eine Schale Khichuri und Milchreis probiert zu haben. Dazu natürlich eine Tasse (zu) süßen Schwarztee. 

Unsere Köchinnen im Feeding-Programm

Unsere Köchinnen im Feeding-Programm

Unsere Rikscha bringt uns in der prallen Mittagssonne durch die vollen Straßen zurück in die Ambulanz, wo mich die anderen noch wartenden Patienten mit erwartungsvoll großen Augen ansehen.

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Ankunft auf Mindoro

Ein Bericht von Sabine Kuhlmann über ihren Einsatz auf Mindoro, Philippinen

Mein Name ist Sabine Kuhlmann und ich verbringe gerade mein erstes Projekt mit den German Doctors auf den Philippinen. Normalerweise arbeite ich als Assistenzärztin in einer Klinik für Innere Medizin. Vor einer Woche bin ich zu meinem Einsatz nach Manila / Mindoro aufgebrochen. Am Samstag, den 11. Mai. kam ich mit einer Kollegin aus Deutschland, welche ich bereits am Flughafen in Frankfurt traf, im “Staff House” in Bagong Silang in Manila an. Bagong Silang ist ein großes Gebiet von Manila, wo viele Philippiner unter armen Bedingungen leben und auf engstem Raum mit einer Großfamilie wohnen. Einige Familien haben sieben Kinder oder mehr. Ich hatte mich auf spartanische Lebensverhältnisse eingestellt, weshalb ich bei Ankunft in unserem Haus nicht geschockt war. Dass die Dusche nur kaltes Wasser abgibt, hatte ich vorher schon gelesen und fand es nicht so schlimm wie erwartet. Ansonsten hatte jeder von uns ein eigenes Zimmer mit einem Bett, einem Schreibtisch und einem Schrank.

Mein Bett in Bagong Silang

Mein Bett in Bagong Silang

Den zuvor beschriebenen manchmal stattfindenden Stromausfall haben wir bisher nicht erlebt. Bis einschließlich Montag hatten wir noch frei, da am Montag gewählt wurde und jeder in die Provinz fahren musste, wo er registriert war. Wir verbrachten den Sonntag dann mit einer Besichtigungstour in Intramuros, einer alten Siedlung in Manila City, und den Montag in einer Shopping Mall in der wir uns  mit einer philippinischen SIM-Karte ausstatteten, um Kontakt nach Deutschland zu halten. Von Dienstag bis Freitag arbeiteten wir dann in verschiedenen Ambulanzen in und um Manila. Hierbei ist die Arbeit meiner Meinung nach am ehesten vergleichbar mit der eines Hausarztes. Denn die Patienten kommen mit allen möglichen Krankheiten, wobei die meisten mit leichten Mitteln zu behandeln sind. Viele von ihnen sind Kinder, welche zum Beispiel Husten, Schnupfen und Fieber haben. Viele kommen auch mit Hautkrankheiten, was eine große Herausforderung für uns Ärzte ist, da kaum einer Hautarzt ist. Viele Kinder bekommen auch eine regelmäßige Entwurmung. Denn ein Wurmbefall ist hier häufig und kann zu vielen verschiedenen Symptomen führen. Die philippinischen Mitarbeiter des Gesundheitszentrums waren alle sehr nett und rücksichtsvoll und man wird sogar am ersten Tag mit einem Lied in die Familie des Zentrums aufgenommen.

Empfangsbereich der Rolling Clinic in Towerville (nahe Manila) mit Ausgabe von Medikamenten und Patientendatenaufnahme

Empfangsbereich der Rolling Clinic in Towerville (nahe Manila) mit Ausgabe von Medikamenten und Patientendatenaufnahme

Hilfe bei der Arbeit bekam ich innerhalb und außerhalb des Gesundheitszentrums (in den sogenannten “Rolling Clinics”) von einer Übersetzerin, welche gleichzeitig als Krankenschwester fungierte und einer Mannschaft an Helfern, welche die Medikamente herausgaben, die erste Krankheitsgeschichte aufnahmen, die Patientendaten aufnahmen und das Mittagessen kochten. Am Wochenende nach der ersten Arbeitswoche fuhr ich mit der Kollegin, welche mit mir gleichzeitig angekommen war an die Subic Bay, eine Bucht nördlich von Manila, wo wir schwimmen und entspannen konnten.

Kleines philippinisches Mädchen beim Wiegen

Kleines philippinisches Mädchen beim Wiegen

Heute in der Früh bin ich mit der gleichen Kollegin dann nach Mindoro aufgebrochen. Hier werden wir zwei neuntägige Touren machen, einmal im Süden und einmal im Norden mit Besuch von jeweils neun Mangyana-Dörfern. Diese Dörfer werden alle vier Wochen angefahren und die Einwohner, welche sonst keinen Zugang zur Behandlung haben, behandelt.

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Dhaka, Bangladesch – mehr als eingestürzte Kleiderfabriken…

Ein Bericht von Cornel Wick über seinen Einsatz in Dhaka, Bangladesch

Die politische Situation in Bangladesch hat sich etwas beruhigt. Die Opposition ruft zwar immer wieder zu (sinnlosen) Streiks auf, so dass nicht nur die sonst schon schwache Wirtschaft im Lande komplett blockiert, sondern auch unsere Arbeit in den Slums außerhalb des Hauptsitzes in Manda unmöglich gemacht wird. Ausßerhalb des Landes nimmt man wohl „nur“ die Diskussionen um die Kleiderfabriken und die Arbeitsverhältnisse dort wahr. Die Näherinnen gehören zu unseren alltäglichen Patienten. Diese Frauen arbeiten täglich zwölf Stunden in unergonomischer Haltung für 1 Euro Lohn auf engstem Raum bei stickig-heisser Umgebungsluft – die Aussentemperaturen liegen tagsüber momentan bei 32-36°C; Air-Conditioner gibt es da selten, ein Ventilator muss genügen. Der Arbeitsdruck ist enorm. Kürzlich hatte uns eine Patientin erzählt, sie müsse unbedingt wieder arbeiten können, denn wenn sie mehr als drei Tage im Monat fehle, werde ihr der gesamte Monatslohn gestrichen. Auch wenn die 30 Euro pro Monat bei weitem nicht ausreichen, um eine gesamte Familie zu ernähren, sind sie gerade auf diese zusätzlichen 30 Euro sehr angewiesen. Jedes Familienmitglied steuert seinen Beitrag zum Familien-Einkommen bei.

Leben in Armut im Khilgoan-Slum

Leben in Armut im Khilgoan-Slum

Die Armut hinterlässt natürlich Spuren. Bei unserer täglichen Arbeit in den Slums ist vor allem ein Thema ganz gross: die Unterernährung, speziell jene der Kinder. 600 Taka (= 6 Euro) kostet ein Ersatzmilch-Produkt und hält für ein Kleinkind etwa eine Woche lang. Kein Wunder also, dass die Kinder teilweise bis zu zwei Jahre lang gestillt werden! Muttermilch ist viel billiger als Ergänzungsnahrungen… Wir haben die Möglichkeit, unterernährte Kinder auf unsere Feeding-Station aufzunehmen, wo die Kleinen aufgepäppelt werden und die Mütter Instruktionen und Erklärungen bezüglich Stillen und zusätzlicher Kindernahrung erhalten. In den letzten Wochen war unsere Station mit ein bis sechs Kindern im Alter von vier bis 20 Monaten eigentlich immer recht gut besetzt. Nicht selten ist das Unwissen der armen und ungebildeten Mütter mit Schuld an der Unterernährung ihrer Kinder. Manchmal führt auch der finanzielle Druck dazu, dass Mutter und Vater arbeiten müssen und das Kind daher nicht regelmässig und nur ungenügend Nahrung erhält. Auch scheinen viele Mütter stark unterdrückt und gestresst zu werden von ihren Männern. Geld ist wichtiger als ein gesundes und gut ernährtes Kind.

Kind in der "Feeding-Station"

Kind in der “Feeding-Station”

Täglich stehen wir vor dem Problem, dass die Mütter gerne in unsere Feeding-Station kommen würden, sie jedoch zuerst die Erlaubnis des Ehemannes einholen müssen. Kürzlich hatte uns auch eine Mutter mit ihrem noch immer deutlich unterernährten Kind nach einer Woche verlassen, weil ihr Mann sie nach Hause beordert hatte… der Stellenwert der Frau ist in diesem stark muslimischen Land sehr gering. Frauen haben hier wenig zu sagen. Auch sehen wir viele Frauen, die sich mit Schmerzen in der Sprechstunde vorstellen. Wenn nicht die unergonomische Haltung beim Nähen der Grund für die Schmerzen ist, ergibt sich auf Nachfragen oftmals, dass die Frauen zuhause von ihren Männern regelmässig geschlagen werden.

Das wohl eindrücklichste Erlebnis der letzten Tage war eine junge Frau im Khilgoan-Slum, welche von ihrem Ehemann mit Kerosin übergossen und anschliessend mit einem Streichholz angezündet wurde. Nach 17 Tagen im Krankenhaus kam die Patientin nun regelmässig in unsere Sprechstunde. Leider infizierte sich die Wunde in der aktuell brütenden Hitze trotz regelmässiger Wundreinigung und antibiotischer Therapie, so dass wir die Patientin wieder ins Krankenhaus schicken mussten.
Viele unserer Patienten sind wohl ihr Leben lang traumatisiert. Wir können ihnen aber wenigstens regelmässig eine kleine, kurze Aufmerksamkeit und etwas Schmerzlinderung schenken.

Seifenblasen zaubern auch unseren unterernährten

Seifenblasen zaubern auch unseren unterernährten
Kindern ein Lächeln ins Gesicht

Bangladesch leidet also an mehr als „nur dem Kleiderfabriken-Problem“… unsere Arbeit hilft aber wenigstens einigen der ärmsten Leute hier, ihre vordergründigen Symptome etwas erträglicher zu machen. Als dankbarer „Lohn“ kriegen wir täglich unzählige Lächeln von Kindern und viele Patienten zeigen uns ihre unendliche Dankbarkeit auf nonverbale Art, was für vieles hier entschädigt.

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Hausarzt für Slumbewohner – zwischen Hartals und Regengüssen

Ein Bericht von Luisa Stefanski über ihren Einsatz in Chittagong, Bangladesch

Das “Medical Center for the Poorest of the Poor” in Chittagong, Bangladesch ist mein Einsatzort für sechs Wochen mit den German Doctors. Die Ambulanz übernimmt seit über 13 Jahren die Hausarztfunktion für bedürftige Menschen aus den Slums der Umgebung. Mit wenigen diagnostischen Mitteln und Medikamenten, aber viel Verständnis für die Situation vor Ort, versucht man, für die Menschen da zu sein.

Die Ambulanz der German Doctors in Chittagong

Die Ambulanz der German Doctors in Chittagong

Betroffen nehme ich die „Banalität“ der Armut wahr – “banal” weil hungrig und unterernährt, weil kein Trinkwasser vor Ort aber Überschwemmungen in den Hütten, weil von den vielen Dämpfen und Stäuben chronische Lungenerkrankungen entstehen, weil die Nähfabrik schon wieder nicht gezahlt hat. Eine Problemlösung auf politischer Ebene scheint weit entfernt zu sein. Es wird einem direkt vor Augen geführt, wie soziale Zustände die Gesundheit unmittelbar beeinflussen. Und wie sehr einfache Mittel Wichtiges bewirken können: Zubereitung von Rehydratationslösung bei Durchfall hilft vor Kreislaufkollaps, regelmäßige Einnahme von Vitamin A bei Kindern verhindert schwere Infekte, Behandeln von Wurmerkrankungen schützt vor schwerer Blutarmut. Ein besonderes Augenmerk gilt den Kindern – wir sind froh um jede überstandene Lungenentzündung, denn vor allem in Kombination mit Mangelernährung kann diese tödlich verlaufen. Am Ende der Untersuchung bekommt jedes Kind eine Banane, meistens wird sie gleich aufgegessen. Ein Ernährungsprogramm für schwer unterernährte Kinder wird in einem der Slums durch die German Doctors unterhalten – Nahrung wird zur Medizin.

Ein unterernährtes Kind

Ein unterernährtes Kind

Die aktuelle politische Lage verschärft noch die soziale Problematik und erschwert unsere Arbeit vor Ort. Immer wieder heißt es: “Es ist Hartal”. Das, was mit „Generalstreik“ harmlos übersetzt wird, terrorisiert seit Monaten das Leben der hiesigen Bewohner. Das ganze Land wird lahm gelegt, alle Geschäfte und öffentliche Ämter sind geschlossen und auch keine Straßenhändler sind zu sehen. Wer sich nicht daran hält, wird bestraft. Jede Woche berichten die Zeitungen über Tote und Verletzte sowie große Sachschäden überall im Land. Und dann regnet es immer wieder wie aus Kübeln, die Straßen verwandeln sich in kleine Kanäle.

Eine verregnete Straße

Eine verregnete Straße

An so einem Hartal-Tag haben wir zuerst kein Wasser in der Wohnung: der Mitarbeiter, der die Pumpe bedient, hat es noch nicht zur Arbeit geschafft. Auch in unserer Ambulanz ist zu Arbeitsbeginn erst die Hälfte der Belegschaft angekommen. Sydney von der Medikamentenausgabe erzählt, er sei im Baby-Taxi von Demonstranten mit Steinen beworfen worden. Liton, der Übersetzer, kommt verspätet, da er eine Stunde für seinen ca. 15 Kilometer langen Weg gebraucht hat. Für unsere Patienten besteht erstmal kein großer Unterschied, die meisten kommen sowieso zu Fuß. Dann geht die Arbeit wie gewohnt los – wir sind froh, wenn wir niemanden ins Krankenhaus notfallmäßig einweisen müssen. Der Transport allein wäre unter diesen Umständen gefährlich. Nebenan geht der Alltag trotzdem wie gewohnt weiter – unbeachtet aller politischen Geschehnisse spielen Kinder Kricket auf einer ruhenden Baustelle.

Kinder auf einer Baustelle

Kinder auf einer Baustelle

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… immer kleine Opfer

Ein Bericht von Thomas Gehrig über seinen Einsatz in Nairobi, Kenia

Es ist Montagabend und ich komme gerade aus der Praxisklinik  im Mathare Valley Slum”heim”. Die Eindrücke lasten noch auf mir. So hatte ich heute drei kleine Patienten (der Älteste war drei Jahre alt) mit teilweise massiven Verbrennungen. Wie kommt so etwas zustande? Wie kann so etwas passieren? An einem Tag?

In Mathare leben alle Menschen auf engstem Raum. Das Gebiet ist nicht vielgrößer als ein Neubaugebiet einer Großstadt und doch leben hier deutlich über 200.000 Menschen. Ich kenne keine exakten Zahlen, aber sechs bis acht Personen in einer Blech- bzw. Papphütte sind hier die Regel, nicht die Ausnahme. Dies entspricht bei uns einem kleinen Zimmer. Hier wird geschlafen, gewaschen, gekocht und gespielt. Abtrennungen sind dürftig, zum Teil findet man offenes Feuer, nicht isolierte Stromkabel und Kochnischen, die wackelig auf lehmigem unterspültem Boden stehen.

Und dann passiert es: Drei Mal an diesem Wochenende kommen Kinder an den Kochtopf und  verbrennen sich. Welche Schmerzen und Qualen damit verbunden sind, muss ich wohl nicht beschreiben. Auf den Bildern kann man das Ausmaß der Verletzungen erkennen.

Kleinkind mit Verbrennungen an Arm und Oberkörper

Kleinkind mit Verbrennungen an Arm und Oberkörper

In der Praxisklinik sind für uns folgende Fragen relevant: Welcher Anteil der Haut ist verbrüht und wie tief gehen die Verletzungen? Dies ist oft erst nach Tagen zu ermessen.

Wir müssen auch wissen ob die Kinder noch gestillt werden, wie groß der Flüssigkeitsverlust ist, ob die Kinder mangelernährt sind und ob sie Fieber haben. Außerdem gilt es festzustellen, ob weitere Kinder geschädigt wurden.

Ein Kind mit Verbrennungen am ganzen Körper

Ein Kind mit Verbrennungen am ganzen Körper

Erst nach ausführlicher Dokumentation erfolgt dann das sogenannte „Debridement“ – ein extrem schmerzhaftes Vorgehen zur Entfernung des infizierten oder geschädigten Gewebes. Hier ist es für mich schwierig bei den Kleinsten die richtige Dosis der Analgesie zu ermitteln. Eine längerfristige Einnahme von Antibiotika schließt sich an. Wir versuchen Gelenkversteifungen zu vermeiden. Dies gelingt jedoch nicht immer. Täglich werden die Kleinen von ihrer Mutter zu uns gebracht. Die Verbandswechsel erfordern Nerven – die Kleinen sind so sehr geplagt.

Die Diskrepanz zwischen der medizinischen Versorgung hier in Kenia im Vergleich zum europäischen Raum ist verheerend: Bei uns wüde jedes dieser Kinder mit dem Helikopter in eine Spezialklinik für Verbrennungen unter Notarztbegleitung verlegt werden. Ich weiß, das belastet jeden, der sich damit beschäftigt. Es belastet mich sehr und doch ist es hier, aufgrund der Wohnsituation, fast Alltag.

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Prostitution und Tuberkulose: Schicksale auf Cebu

Ein Bericht von Ute Arend über ihren Einsatz auf Cebu, Philippinen

Jede zweite Woche gehe ich spät abends mit einem Bruder der Steyler Missionare in das illegale Rotlichtviertel. Nur weibliche Ärzte sind hier willkommen. Die Mädchen werden in weit abgelegenen Bergdörfern angeworben unter dem Vorwand, eine Stellung als Hausmädchen zu bekommen. Hier werden sie dann gefügig gemacht, müssen als Prostituierte arbeiten und werden von den zahlreichen Zuhältern bewacht. Glücklicherweise haben sie eine gute gesundheitliche Kondition und benötigen eher Kondome als meine Betreuung und so sind es die Armen und Obdachlosen, die hier meine Hilfe brauchen.

Vor allem Krätze und andere Hautkrankheiten neben Bronchitiden und Arthrose gibt es zu behandeln. Wir gehen auch in eine große Halle, in der ca. 30 obdachlose Familien vorübergehend ein Dach über dem Kopf gefunden haben. Doppelbett neben Doppelbett ohne Matratze, ohne Privatsphäre, nur ein paar Kleidungsstücke. Ein Loch auf dem Gang ist die Latrine. Beim Schein einer winzigen Lampe finde ich ein stark unterernährtes Kleinkind von einem Jahr. Es wiegt gerade mal 4,1 Kilogramm, wie ich später erfahre. Bruder Paul übernimmt glücklicherweise die Kosten für die Einweisung in ein Krankenhaus. Zwei Wochen später sehe ich es erneut und es bekommt jetzt Milchersatz und hat etwas zugenommen.

Obdachlose Familie mit unterernährtem elfmonatigem Säugling

Obdachlose Familie mit unterernährtem elfmonatigem Säugling

Nie zuvor habe ich so viele Fälle von Tuberkulose gesehen; doch hier ist es Alltag. Besonders Lymphknoten- und Knochentuberkulose sind extrem stark vertreten. Jede Woche entdecken wir davon vier bis fünf neue Fälle, neben den vielen Patienten mit Lungentuberkulose. Viele Kinder sind darunter. Das ist schwer zu verkraften.

Eine junge 21-jährige Frau mit dem hübschen Namen Mona Liza zeigt mir schamhaft eine Schwellung ihrer rechten vierten Rippe, die sie schon seit einem Jahr bemerkt. Das Röntgenbild der Lunge ergibt einen Pleuraerguss und damit ist es klar, dass es Knochentuberkulose ist. Inzwischen ist sie zur Behandlung im Gesundheitszentrum. Die Behandlung der Tuberkulose wird hier zum Glück durch die WHO bezahlt, aber für die Röntgen-Diagnostik müssen zu 50 % die Patienten und zu 50 % die German Doctors aufkommen. Oft sind die Patienten so mittellos, dass sie es gar nicht bezahlen können. Dann wird ein Sozial-Screening durch unsere Schwestern durchgeführt und wir zahlen alles.

13-jähriger Junge mit Verdacht auf Wirbelsäulentuberkulose. Nach Sturz beim Basketballspiel sind der 10. und 11. Brustwirbel gebrochen.

13-jähriger Junge mit Verdacht auf Wirbelsäulentuberkulose. Nach Sturz beim Basketballspiel sind der 10. und 11. Brustwirbel gebrochen.

Ein anderes Beispiel ist ein 13-jähriger Junge, der sich im Dezember beim Basketballspielen eine Fraktur des 10. und 11. Brustwirbels zugezogen hat. Ob bereits eine Wirbelsäulentuberkulose vorlag, steht noch nicht fest. Der Junge hatte großes Glück, dass er nicht gelähmt ist, aber eine Operation konnte nicht bezahlt werden. Nun kämpfen wir verzweifelt um Spendengelder verschiedenster Organisationen, die eine Operation finanzieren könnten.

Überhaupt ist es extrem schwer mit ansehen zu müssen, wie immer wieder alles am Geld hängt. Wir versuchen zwar eine Grundversorgung einer großen Masse von Patienten hier in Cebu (ca. 25.000 Konsultation pro Jahr durch zwei Ärzte) zu gewährleisten, aber es sind immer wieder die Einzelschicksale, denen wir aus finanziellen Gründen nicht sofort helfen können und die uns unendlich psychisch belasten.

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Ankunft in Chittagong – erste Impressionen von Luisa Stefanski

Bangladesch. Wie lebt es sich in einem Land, in welchem die Katastrophenmeldungen in den Medien sich nur abwechseln, aber anscheinend kein Ende nehmen? Ob Naturkatastrophen (regelmäßige Überschwemmungen) Fabrikbrände (wie zuletzt im November 2012), fast wöchentliche Generalstreiks seit März 2013 (mit Lähmung des kompletten wirtschaftlichen Potenzials) oder aktuell der Absturz eines neun-stöckigen Gebäudekomplexes bei Dhaka mit mehr als 500 Toten. Wie lebt es sich in dem Land mit der wahrscheinlich höchsten Bevölkerungsdichte weltweit? Dazu mit dem weltweit niedrigsten Stundenlohn für Näharbeiten und laut Transparency International mit einem der korruptesten politischen Systeme überhaupt?
Eine gewisse Beklemmung macht sich bei mir während den Vorbereitungen auf den Einsatz mit den German Doctors breit. Bei dem Problempotential stellt sich die Frage nach der Standortwahl für ein humanitäres Projekt nicht mehr.

Eindrücke aus Bangladesch 1

Eindrücke aus Bangladesch 1

Die Ankunft in Dhaka liefert mir bereits einige Antworten: überall Menschenmassen in Bewegung, zu Fuß, in Rickshas, Baby-Taxis, Autos oder Bussen. Am Straßenrand verwandeln die Händler den Ort zu einem andauernden Markt, der den Verkehr behindert. Der Eindruck einer nicht enden wollenden Geschäftigkeit wird vom Lärm noch unterstrichen. Die Armut hält sich hier nicht versteckt, die Slums sind nicht am Stadtrand verbannt, so viel Platz zum Verstecken gibt es nicht. Das ist keine Katastrophenmeldung, das ist einfach der Dauerzustand.

Eindrücke aus Bangladesch 2

Eindrücke aus Bangladesch 2

Ich steige in den Zug nach Chittagong ein, von den Dächern winken uns während der Fahrt Kinder zu. Die Mitfahrenden nehmen mich wahr und sie bringen mir unter unaufhaltsamem Gelächter etwas Bangla bei. Während der schlussendlich zehnstündigen Fahrt wird viel gelacht, gesungen und Essen herumgereicht. Die Menschen hier sind es, denke ich immer wieder, die den enormen Schatz dieses Landes ausmachen! Ich bin auf die Begegnungen in Chittagong gespannt.

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Ein Leben zwischen Müllbergen II – Mikado spielen und Müll sammeln

Ein Bericht von Ute Arend über ihren Einsatz auf Cebu, Philippinen

Ein beißender süßlicher, im Hals brennender Geruch hängt in der Luft, der in alle Poren eindringt. Es ist unvorstellbar. Mittendrin in einem der Müllberge steht eine kleine Kapelle und daneben ein kleines Haus, wo Schweine geschlachtet werden (wir hören es jedes Mal quieken). Rechts und links von uns ist nur Müll, den Erwachsene und Kinder mit bloßen Händen und auf Gummilatschen durchwühlen und sortieren, nach Plastiktüten, Reifen, Pappe, Metall, Glas und was sonst noch zu gebrauchen ist. Direkt neben den Müllbergen fangen die Hütten an. Wenn es regnet, läuft ihnen das mit giftigen Chemikalien verseuchte Wasser in die Hütten hinein.

Mädchen mit Verletzung des rechten Fußes nach Verkehrsunfall

Mädchen mit Verletzung des rechten Fußes nach Verkehrsunfall

Hier treffe ich ein bildhübsches Mädchen von 14 Jahren mit einem völlig deformierten Fuß. Sie wurde 2009 bei einem Verkehrsunfall überfahren, erhielt jedoch keinerlei Entschädigung.

Der Fuß wurde plastisch gedeckt, ist aber völlig schief verheilt. Sie hat eine Schiene, die ihr eigentlich zu klein ist und drückt. Wir versuchen etwas zu polstern und suchen aus dem Müll!! einen alten Badelatschen. Eigentlich bräuchte sie eine neue Schiene, die aber keiner hier bezahlen kann. Die Druckstelle wird mit Povidon verbunden und sie geht glückselig lächelnd davon auf ihrer Krücke. Überhaupt, in all dem Elend: Die Kinder mit ihren wunderschönen großen Augen lachen, spielen eine Art Mikado mit Gummiringen, wenn sie nicht gerade Wasser schleppen, Wäsche waschen, Müll sortieren, egal wie alt und groß sie sind. Die Filipinos sind unendlich freundlich, lächeln einem immer zu und bedanken sich für alles, selbst wenn es nur ein guter Rat ist.

Sprechstunde auf der Dumpsite Umapad

Sprechstunde auf der Dumpsite Umapad

Nach einer langen Sprechstunde, es ist inzwischen schon dunkel geworden, machen wir noch einen Hausbesuch bei zwei Brüdern mit einem Schlaganfall. Irgendwo hinter drei dunklen Gassen geht es eine Hühnerleiter hinauf. Oben wohnen in drei Räumen von je ca. fünf Quadratmeter ich weiß nicht wie viele Personen. Pro Raum mindestens zwei Erwachsene und vier Kinder. Der Fußboden besteht aus Bambusstäben, da halten sich wenigstens kaum Läuse. Ein Tuch dient als Matratze und Zudecke zugleich und nur ein Kopfkissen auf dem Boden weist darauf hin, dass hier jemand schläft. Es gibt ein Regal, sonst keine Möbel. Es ist stockdunkel bis auf eine selbstgebaute Öllampe aus einer Flasche. In je einem Raum leben die zwei Brüder mit ihren Familien. Der eine Bruder ist Ende 30, bettlägerig wegen eines Hirnschadens und hat eine Epilepsie. Vier kleine Kinder hocken neben ihm. Die Ehefrau pflegt ihn. Woher kommt das Geld für Miete und Essen? Der andere Bruder, eher Anfang 30 hatte ebenfalls einen Schlaganfall und kann nur mühsam etwas Laufen, aber keine Hühnerleiter steigen. Das sind nur zwei Schicksale von vielen.

Hausbesuch bei Patient nach Schlaganfall

Hausbesuch bei Patient nach Schlaganfall

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