Bengalischer Wahnsinn = Straßenverkehr und die Bedeutung der muslimischen Frau

Ein Bericht von Dr. Melanie Buchacker-Hajduk über ihren Einsatz in Chittagong/Bangladesch

Meine letzte Woche in meinem Einsatz hier in Chittagong hat begonnen. Bei Temperaturen bis 35 Grad und 100%iger Luftfeuchtigkeit kommen wir schon, ohne dass wir etwas zu tun, ins Schwitzen. Einzige Möglichkeit, sich etwas abzukühlen, ist mein klimatisiertes Zimmer, in dem das Schlafen wirklich erholsam ist. Es ist mein dritter Einsatz, 2012 Buda, Philippinen, 2013 Nairobi, Kenia, aber mein erster Einsatz in einem muslimischen Land und das als Frau.

Team German Doctors Chittagong

Meine Kollegen und ich im Doctors House

Am 2.8.2014 startete ich pünktlich von Frankfurt nach Dubai. In Dubai hatte ich fünf Stunden Aufenthalt, die ich nutze, um meinen Lieben eine E-Mail zu schreiben und um etwas zu essen, was sich später als vorteilhaft erwies, da es in dem Flug von Fly-Dubai nur Essen und Trinken gegen Bezahlung gab. Beim Einchecken wunderte ich mich, dass ich in einer Reihe mit nur Männern stand. Als ich mich umsah, sah ich, dass die Frauen alle noch saßen. Ich war also in der muslimischen Welt angekommen. Bei der Einreise in Chittagong musterte der Beamte aus einem mir unverständlichen Grund sehr lange meinen Paß, fragte, ob ich Ärztin sei. Ohne weitere Gründe winkte er mich durch. Mit meinen Koffern an der Hand blickte ich mich draußen nach einem Menschen mit German Doctors T-Shirt um. Die Hitze und die Luftfeuchtigkeit verschlugen mir zunächst den Atem. Bryan, der Leiter des Projektes, sprach mich freundlich an, nahm mir die Koffer ab. Wir stiegen in ein Minitaxi und der Wahnsinn im wahrsten Sinne des Wortes = bengalischer Verkehr, begann. Eigentlich ist Linksverkehr. Sollte das stimmen, wechselt links hier ständig. Jeder: Rikschas, Motorräder, Tuck-Tucks, Kleinbusse, Busse, LKWs…… fährt wie er will! Wer hupt glaubt Vorfahrt zu haben und das bei einer Bevölkerungsdichte von 6 Millionen Einwohnern in Chittagong. Nach einer fast zweistündigen Fahrt für ca. 20km kamen wir gegen 21 Uhr in der Unterkunft an. Zu einer Dachterrasse, gehört ein Wohn-Eßzimmer, ein Duschbad, eine Küche und mittlerweile wieder zwei klimatisierte Zimmer. Für German-Doctors-Verhältnisse sehr nobel. Bekocht und zwar sehr gut werden wir von Gomol, der auch unsere Wäsche wäscht. Ohne Taschenlampe sollte man sich abends nicht bewegen, da man immer für kurz oder auch länger mit Stromausfall rechnen muß. Auch das Wasser kann schon mal ausfallen, so dass man darauf achten sollte, dass der 20l Eimer in der Duschkabine immer mit Wasser gefüllt ist, so dass man sich, gerade eingeseift, abspülen kann. Internetzugang ist abends bei Bryan im Büro möglich. Wenn man seinen Laptop oder Tablet dabei hat, kann man im Zimmer mailen oder skypen.

Behandlungszimmer German Doctors

Mein Behandlungszimmer in Chittagong

Am Montag begann dann die Ambulanz. Die Arbeitszeit ist von 8.30 bis 13 Uhr und von 14 bis 16, maximal 17 Uhr. In der Regenzeit kommen weniger Patienten. Freitags ist Ambulanz, für die Muslime aber Feiertag. Es wird hier nach der Reihe behandelt, das heißt, jeder sieht alles: Kinder oder Erwachsene. Das Krankheitsspektrum: Kinder mit Mangel-Unterernährung, schwere bis schwerste Bronchitiden mit Ruhedyspnoe. Viele Kinder mit wirklich schwersten Asthma, teilweise schon mit ausgeprägten Fassthorax. Es ist zu bedenken, wir leben hier nicht in Deutschland, viele Eltern können nicht lesen oder schreiben, haben wenig Schulbildung. Selbst nach mehrmaligem Zeigen der Handhabung eines Dosieraerosols mit oder ohne Spacer, verstehen die Patienten die Handhabung nicht. Hier gilt es, einen Kompromiß in der Rezeptierung zu finden. Ich habe des Öfteren eher wieder zu Tabletten, Salbutamol und Aminophyllin gegriffen, um einem Status vorzubeugen. Auch sollte man eher einmal ein Antibiotikum rezeptieren, da die Patienten, selbst wenn man sie zu Kontrollen wieder einbestellt, nicht unbedingt erscheinen. Als Akutintervention ist die Inhalation mit Salbutamol über den Pariboy bei Anna mit oder ohne Sauerstoff möglich.

Anna, die Seele der Ambulanz, neben unseren Übersetzern Susan und Liton. Sie ist für die Schwangeren, jegliche Art von Verbänden, Gipsen etc. zuständig und behält dabei die Ruhe weg. Ob sie immer alles versteht, wage ich zu bezweifeln. Ihr Englisch ist bruchstückhaft. Die Schwangeren werden alle 4 Wochen einbestellt, erhalten Mutivitamine, Eisen und Folic acid In dem 5-7 SSM wird eine Blutentnahme gemacht, je nachdem, wann die Frauen zum ersten Mal kommen. Viele Frauen sind gerade 16-17 Jahre bei ihrer ersten Schwangerschaft.

Mindestens 50 % der Patienten sind Frauen mit Headache, Backpain, Bodypain, Epigastric pain, Weakness. Bei der Untersuchung fällt auf, dass alle Frauen anämisch sind, sich epigastric pain nur in wenigen Fällen verifizieren lässt. Oft wird hier Hunger oder schlechte Ernährung die eigentliche Ursache sein. Auf weiteres Nachfragen haben viele Frauen vaginal discharge. Zum Glück können wir wieder einen Ultraschall des Abdomens machen, bei dem dann in 95% der Fälle ein normaler Befund ist und vielen Frauen die Angst genommen werden kann, etwas Bösartiges zu haben. Eine Patientin erschien in den 5 Wochen, die ich nun in der Ambulanz arbeite, 9mal mit epigastric pain. Nach aller uns möglichen Diagnostik, einschließlich Ernährungsberatung muß hier auch an psychosoziale Probleme gedacht werden.

Für mich immer wieder völlig unverständlich ist das Bild, was die Frauen in Bangladesch von sich selbst haben. Ich gebe zu, ich habe einen männlichen Übersetzer, so dass die Frauen geniert sind. Aber es ist nicht möglich, auf nacktem Oberkörper zu auskultieren, so dass ich erstmalig in meiner medizinischen Laufbahn auf den dünnen Baumwollblusen und Tüchern abhöre. Selbst die Mundinspektion ist vielen Frauen peinlich, leider teilweise zu Recht. Sie kauen Betel, was die Zähne braun macht. Einfachste Untersuchungsanweisungen, z.B. das tiefe Einatmen und Luftanhalten beim Ultraschall, ist vielen Frauen nicht möglich. Liton, mein Übersetzer, gibt zu bedenken, dass viele Frauen keine Schule besucht haben. Sehe ich mir das Geburtsjahr der Frauen an, ist auch in jüngerer Zeit oft nur das Jahr, nicht der Tag vermerkt. Das Gewicht der Frauen schwankt zwischen 29kg bis 70kg.

Ein weiteres großes Problem sind die Choniker: Diabestes mellitus und COPD. Die Compliance der Patienten ist gleich Null. Selbst nach mehrmaliger Aufforderung, nüchtern zur Blutzuckermessung zu kommen, kommen sie nachmittags nach dem Essen und Werte um 320 und mehr sind keine Seltenheit.

Unterernährtes Kind Bangladesch

Unterernährung ist leider weiterhin ein großes Problem

Unser Klientel kommt aus dem Slum, der immer weiter verdrängt wird, so dass überlegt wird, Außenstationen zu errichten. Eine bereits vorhandene Außenstation ist das CBC = Ernährungscenter für Kinder. Hier kommen Frauen mit ihren unterernährten Kindern hin, erhalten Essen und Unterweisung in Hygiene, Ernährung, Impfungen etc. Mittwochs fährt ein German Doctor mit Bryan ins CBC und untersucht die Kinder. Als Dankeschön dürfen wir ihr Essen, Reis mit Linsen und Fleisch essen. Sehr lecker!!!!!!!!!!! Auch hier empfiehlt es sich, eine Taschenlampe mitzunehmen, um bei Stromausfall nicht ganz im Dunklen zu stehen.

Ein weiteres Highlight in meiner Zeit war der Besuch von Lisa Sous, der medizinischen Leiterin der German Doctors. Natürlich waren alle nervös. Es wurde geputzt, die Gardienen gewaschen usw. An den Wochenenden ist frei. An Freizeitaktivitäten stehen Bandarban, Cox Basar an erster Stelle. Für Bandarban braucht man eine schriftliche Erlaubnis, die rechtzeitig beantragt werden muß. Unsere war beantragt, leider lag sie an der Polizeistation nicht vor, so dass wir 3,5 Stunden auf der Station unsere deutsche Lektüre lesen konnten. Auf dem Weg nach Cox Basar hatte der Bus eine Reifenpanne, die nach 3 Stunden behoben war.

Ärztin auf Hausbesuch

Bei einem meiner “Hausbesuche”

Besonders interessant waren für mich die Ausflüge, die wir mit Pater Robert gemacht haben. Er ist katholischer Pfarrer und arbeitet gegenüber dem Doctors House in der katholischen Kirche. Er widmet sich besonders den Armen. Sein Anliegen ist es, den German Doctors ein wenig von dem wahren bengalischen Leben zu zeigen. Er hat mir unter anderem Familien gezeigt, die auf dem Land in guten Steinhäusern mit sogar Kühlschrank und Ventilatoren leben, aber auch ein Hochhaus, in dem im 6 Stock in einem Zimmern teilweise 5-6 junge Menschen wohnen und dafür 5000 Thaka im Monat bezahlen müssen. Wir haben mit ihnen einen sehr interessanten Abend verbracht, in dem wir über ihre Zukunftspläne gesprochen haben. Sie kommen teilweise vom Land in der Hoffnung hier ihren Schulabschluß zu machen oder Arbeit zu finden. Die Frauen arbeiten oft zunächst im Haushalt als Angestellte, versuchen aber längerfristig in der Fabrik Arbeit zu finden, damit sie wenigstens abends nach Feierabend ihr eigener Herr sind. In der Kleiderfabrik, die wir mit Pater Robert und Hernand, einem philippinischen Textilmanager besucht haben, herrschten relativ humane Bedingungen. Es gab Aircondition und geregelte Arbeitszeiten.

Ich habe zwar noch eine Woche vor mir, glaube aber jetzt schon sagen zu können, der Einsatz hat sich wieder einmal gelohnt. Ich habe viel gegeben, aber mindestens genauso viel bekommen und habe viel gelernt. Vielen Dank an alle, die das ermöglicht haben. Es wird sicher nicht mein letzter Einsatz sein.

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Bei den Mangyans auf Mindoro

Ein Bericht von Einsatzärztin Dr. Maier-Hein 

Drei Tage habe ich in Manila bei den German Doctors in der Ambulanz gearbeitet, bevor es dann schon für vier Wochen auf die Insel Mindoro ging. Auf Mindoro werden hauptsächlich Mangyans behandelt, eine Minderheit, welche im Laufe der Zeit immer weiter in die Berge zurückgedrängt worden ist und kaum Anschluss an medizinischer Versorgung, Elektrizität oder fließend Wasser hat.

 

Ein Mangyans auf Mindoro

Die Mangyans leben in einfachen Behausungen.

Nach 10 Stunden Fahrt bin ich im Süden der Insel angekommen und wurde von dem Team herzlichst begrüßt. Jeden morgen sind wir ca. ein bis eineinhalb Stunden zu verschiedenen Dörfern in die Berge gefahren, wo meistens schon freiwillige Health Workers und von weit her angereiste Patienten auf uns warteten. Im Durchschnitt wurden 80 Patienten am Tag behandelt, 50% davon Kinder. In einem Land wie den Philippinen, welches so reich an Früchten, Reis, Fisch etc. ist, war ich doch schockiert, wie viele unter- und mangelernährte Kinder und Erwachsene es gab. Die Vielfältigkeit an Obst und Gemüse, Fleisch und Meeresfrüchten auf den Märkten in den Städten kommt in den Bergen einfach nicht an.

Wartende Patienten

Der Andrang ist groß.

Täglich kamen Mütter mit unterernährten Kindern in die Sprechstunde. Fast alle sind immungeschwächt, nicht geimpft und haben zusätzlich Durchfall- oder Atemwegserkrankungen, die bei einem unterernährten Kind nicht selten tödlich verlaufen. Die Eltern zu überzeugen, mit ihrem Kind ins Krankenhaus zu gehen, gestaltet sich meistens schwierig, da sie in den Krankenhäusern manchmal diskriminiert werden und die Betreuung gelegentlich sehr fragwürdig erscheint. Dennoch ist die Einweisung manchmal notwendig! So auch an meinem letzten Tag im Süden, als ein 2-jähriges Mädchen, extrem unterernährt, mit Durchfällen und als Konsequenz ziemlich dehydriert mit ihrer Mutter in die Ambulanz kam. Nachdem wir ihr gesagt haben, sie müsse mit ihrer Tochter sofort ins Krankenhaus (German Doctors übernimmt dabei alle Kosten), brach sie in Tränen aus, da gerade erst vor drei Wochen eines ihrer Kinder mit den gleichen Symptomen gestorben ist…

Ein “normal unterernährtes Kind” wird hier im Krankenhaus nicht behandelt. Dies musste ich erst schmerzlich lernen als ich ein sechsjähriges Mädchen von gerade mal 10 kg mit hochgradigem Tuberkuloseverdacht ins Krankenhaus einweisen wollte. Meine Übersetzerin hat mir dann erklärt, dass man ein “nur unterernährtes Kind” dort nicht behandeln würde und zur Abklärung der Tuberkulose höchstens ein Röntgenbild machen und das Kind im Anschluss wieder nach Hause schicken würde. Wir als German Doctors geben in diesen Fällen den unterernährten Kindern bis zum nächsten Termin eine gewisse Menge an Kalorien (in Form von Pulver) mit, um die Ernährungszustände der Kinder zu verbessern. Erschwerend kommt allerdings hinzu, dass dieses Kind meistens noch 7 ältere Geschwister zu Hause hat, die alle von der Ernährungsergänzung mitessen und somit die Gewichtszunahme nur langsam erfolgt. Das kann manchmal dann schon frustrierend sein. Dennoch werden auch häufig Erfolge verzeichnet, die auf einer Gewichtskurve gut sichtbar sind und zum Glück wieder quietschfidele Kinder in die Ambulanz stolzieren.

Unterernährung Philippinen

Die Kinder werden bei jeder Untersuchung gewogen.

Ein Krankheitsbild, welches in Deutschland quasi nicht mehr existiert ist der Jodmangel oder Jodmangelstruma (umgangssprachlich als „Kropf“ bezeichnet). Menschen mit extrem vergrößerten Schilddrüse kamen in die Ambulanz, mit so dicken Hälsen, bei denen ich manchmal dachte: “DAS kann doch kein Struma sein”, da ich solche Ausmaße vorher noch nie gesehen habe. Es ist grotesk zu wissen, dass 10 km weiter Unmengen an Meeresfrüchten angeboten werden, mit denen dieses Krankheitsbild ohne Weiteres verhindert werden könnte.

Neben der Mangelernährung kommen viele Patienten mit Hauterkrankungen, wie Pilzinfektionen oder Skapies zur Untersuchung. Auf Grund der schlechten hygienischen Verhältnisse bildet sich häufig eine bakterielle Superinfektion der Haut. Neben der medikamentösen Behandlung, die schwierig genug ist, da sie langwierige konsequente Mitarbeit des Patienten fordert, ist Aufklärung über Hygienemaßnahmen dabei unerlässlich. Das gleiche gilt für die zahlreichen Wurm-, Durchfall- und Atemwegserkrankungen. Die meisten Patienten haben leider überhaupt keine Ahnung wie viel regelmäßiges Händewaschen oder Waschen der Kleidung (häufig nur aus Fetzen bestehend) bewirken kann. Ich musste allerdings wieder erst lernen, dass viele der Mangyans einfach zu arm sind, um sich ein Stück Seife zu leisten…

Dr. Maier-Hein im Hilfseinsatz

Die Dankbarkeit der Patienten ist groß.

Viele Schicksale nehmen mich hier ohne Zweifel sehr mit. Es bringt mir dennoch sehr viel Spaß hier zu arbeiten, da manchmal durch Kleinigkeiten den Patienten wirklich geholfen werden kann. Auch die Dankbarkeit der Mangyans lässt hoffen, dass dieses Projekt noch möglichst lange bestehen bleibt. Nach 4 freien Tagen gehe ich morgen für 10 weitere Tage in den Norden von Mindoro. Ich freu mich schon!

Ihre Frau Dr. Jana Maier-Hein

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Rolling Clinic-Einsatz auf Mindanao

Dritter Teil des Blogs von Dr. Hermann Biggel

Die 7-stündige Anfahrt in den philippinischen Bergurwald auf den größtenteils unbefestigten Straßen zu Beginn der Tour war nicht immer ganz einfach und setzt eine gute physische, v.a. orthopädische Gesundheit voraus.

Rolling Clinic auf Mindanao

Flussüberquerung

Der Allradpickup ist bis auf den letzten Platz vollbepackt mit Medikamenten, chirurgischen Instrumenten, Notfallhilfsmitteln und z.T. bis zu 7 Personen (1 Healthworkerin, die auch die Medikamentenzuteilung übernimmt, eine Übersetzerin, der Fahrer, der auch die Patientenregistrierung übernimmt,  wenn verfügbar ein Zahnarzt, der durchschnittlich täglich 40 – 80 Zahnextraktionen vornimmt, ein Arzt, die freiwilligen Helfer, die dem Pickup auch zusteigen und vor Ort bei der Patientenerfassung und beim Be – und Entladen der Medikamente und Instrumente helfen).

Behandlungsort auf Mindanao

Einer unserer Behandlungsorte

Die Arbeit mit der Rolling Clinic ist im Grunde ähnlich wie in der Ambulanz auf Mindanao, nur dass bis auf Urinuntersuchung und Blutzuckermessungen keine Sofortdiagnostik möglich ist und die weiterführenden Entscheidungen allein durch eine genaue Patientenbefragung und -untersuchung getroffen werden müssen. In unklaren Fällen stehen unsere umliegenden kleinen Projektkliniken oder die großen städtischen Health Centers zur Verfügung.  Allerdings ist die mediale Anbindung oft nicht gegeben, so daß die 5-Sinnediagnostik die einzige Entscheidungshilfe darstellt.  Von chronisch kranken Patienten werden Blut- Urin- und Sputumproben mitgenommen, deren Ergebnisse beim nächsten Rolling Clinic-Einsatz nach 6 Wochen zur Verfügung stehen. Vorherige Befundmitteilungen, durch Telefon etwa, sind in dieser schwer zugänglichen Gegend leider nicht möglich.
Die größte Herausforderung stellen jedoch die Notfälle dar, da keine Notfalltransportmoeglichkeiten bestehen. So versorgten wir einen 2 Monate alten Säugling mit schwerster Atemnot, hohem Fieber und Zyanose, vom späten Vormittag an, notfallmässig durch Freilegen der Atemwege, Temperatursenkung und Sauerstoffgabe, bis wir ihn (zusammen mit der Mutter und einer Begleitperson) am Ende des Einsatztages mit der Rolling Clinic mit ins Tal nehmen konnten. Die Fahrt zu unserer Projektklinik dauerte 3 Stunden und konnte letztlich erst ermöglicht werden, nachdem sich die Mutter, die weitere 12 Kinder zu versorgen hat, zur Finanzierung des geringen Eigenanteils der Behandlung bereiterklärt hat. Nach gemeinsamer klinischer Erstversorgung mit einer jungen Kinderärztin von den German Doctors, konnten wir mit der Rolling Clinic zu unser Unterkunft zurückfahren, was bis in die tiefe Nacht hinein dauerte.  Als wir am Ende unserer Rolling Clinic erfuhren, dass es dem Baby gutgeht, war alle Mühe rasch vergessen.

Wartende Kinder

Die Kinder warten auf ihre Eltern

Während der Rolling Clinic-Zeit schläft das Projektpersonal in den Dorfhütten oder auf freien überdachten Plätzen, in der Mittagspause essen wir gemeinsam mit den Dorfbewohnern, die uns bekochen, während wir uns morgens und abends selber verpflegen.

mindanao-arzteinsatz

Unser “Behandlungszimmer”

Der 6-wöchige Einsatz verging für mich wie im Fluge und hat mir unendlich viel gegeben. Ich konnte meine langjährigen basismedizinischen Erfahrungen und Kenntnisse armen Menschen zugute kommen lassen. Dieser Wunsch entspringt dem Gedanken anderen etwas abzugeben, die in Elend und Not leben müssen, während es mir, wie vielen Menschen in Europa doch sehr gut geht.
Ich verlasse die Philippinen in tiefem Respekt für die Menschen, die dort unter schwierigsten Verhältnissen ihr Leben meistern und  so ein Vorbild für uns sein können, die wir so oft unzufrieden sind und auf höchstem Niveau klagen.  Auch vor jenen, die in Langzeitprojekteinsätzen ihre ganze Kraft einsetzen, den Ärmsten der Armen zu helfen.

Dr. Hermann Biggel

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Eintauchen in eine völlig andere Welt – Einsatzarzt Dr. Peter Fülle berichtet aus Nairobi

Vor drei Wochen traf ich als “Frischling” in Nairobi zu meinem ersten Einsatz überhaupt ein. Nach 33 Jahren als Landarzt in einer kleinen Gemeinde im Fichtelgebirge/Oberfranken war und ist es ein Eintauchen in eine völlig andere Welt. Der Flug und der Transfer vom Flughafen Nairobi zur Unterkunft der “German Doctors” in der Villa Zorilla auf dem Utalii-Gelände verliefen reibungslos, die Aufnahme in den Kreis der bereits im Projekt arbeitenden Kollegen war freundlich. Am Sonntag, 20.07.14, mit Barbara und Uli, den Langzeitärzten, der erste Spaziergang ins Mathare Valley in den Slum. Überall Menschen, viele Kinder, Verkaufsbuden. Ab Montag dann die Arbeit im Projekt – in medizinischer Hinsicht eine völlig neue Erfahrung. Täglich drei bis fünf Schwangere, fast täglich einige neu entdeckte HIV-Infektionen, viel Husten, bei dem, vor allem in Verbindung mit HIV, immer an eine mögliche Tuberkulose gedacht werden muss. Die Menschen, seien es unsere Mitarbeiter oder die Patienten, beeindrucken mich mit ihrer Freundlichkeit und Geduld und einer schier unglaublichen Gefasstheit trotz ihres nicht leichten Lebens und der oft schwerwiegenden Diagnosen. Jede freundliche Geste bekomme ich mehrfach zurück. Gleichzeitig wird mir bewusst, in welch nahezu paradiesischen Zuständen ich in Deutschland leben darf.

Der Arbeitstag beginnt kurz nach 07:30 Uhr mit dem Fußweg von 15 bis 20 Minuten Dauer von unserer Unterkunft zum Baraka Health Center im Außenberich des Slumgebietes. Ich fühle mich auf dem Weg sicher. Kinder kommen angelaufen, rufen im Chor “How do you do” und wollen die Hand abklatschen. Vorbei an einer Kloake, in der eine Entenfamilie ihr Futter sucht, an einer Schule in einer Wellblechbaracke, an Verkaufsständen, an Handwerksbuden und Obstständen gelange ich zum Health Center. Hier wartet kurz vor acht Uhr eine eine riesige Menge von Menschen, dass es kaum vorstellbar erscheint, diese Anflut bis zum Nachmittag 17 Uhr abarbeiten zu können.

Viel Andrang im Wartebereich der Ambulanz

Im zugewiesenen Untersuchungsraum wartet bereits die Übersetzerin. Die meine heisst Fetika und ist eine freundliche Frau mit großer Erfahrung, die mir, dem im Projekt Unerfahrenen, viele gute Tipps gibt. Die Zusammenarbeit ist sehr harmonisch. Sehr wertvoll ist die Möglichkeit, jederzeit Rücksprache mit den beiden Langzeitärzten Barbara und Uli nehmen zu können, die immer ansprechbar und geduldig sind. Die Arbeit ist basismedizinisch. Es ist immer lohnend und eigentlich unverzichtbar, eine genaue Anamnese zu erheben, viel nachzufragen (Husten?, Fieber?, Gewichtsverlust?, Nachtschweiß?, Kontakt zu TB-Fällen?, Fluor/Ausfluss?, relevante Vorerkrankungen?, werden Medikamente genommen?) und stets eine möglichst komplette Untersuchung vorzunehmen. Schwierig ist auch für einen “altgedienten” Landarzt die Beurteilung von Hautveränderungen auf der dunklen Haut unserer Patienten. Ich empfehle jedem, der nach Nairobi kommen möchte, sich die CD mit der dermatologischen Fallsammlung des Kollegen Hügel reinzuziehen. Für chirurgische Fälle ist ein Fachkollege im Projekt, ebenso ein Kinderarzt für die vielen pädiatrischen Probleme. Bei der Ausstattung der Untersuchungsräume vermisse ich ein Blutdruckmessgerät. Der Blutdruck wird zwar draußen bei der Patientenannahme bereits gemessen, die Verwertbarkeit dieser Werte erscheint mir aber nicht ausreichend gesichert. Auch bei der Aufnahme-Triage erscheint mir manches ab und an verbesserungswürdig. Insgesamt ist aber die Arbeit der kenianischen Mitarbeiter hervorragend. Mit den zwangsläufig begrenzten Mitteln werden gute Ergebnisse erreicht. Eher müssen wir deutschen Projektärzte lernen, uns auf das Notwendige und für die Patienten wirklich Wichtige in Diagnostik und Therapie zu beschränken. Bei der Arbeit mit den vorhandenen Ressourcen sind die nationalen und internationalen Leitlinien eine unverzichtbare Hilfe, in deren Vermittlung an die Sechswochen-Ärzte ich eine wichtige Aufgabe für die Langzeitärzte sehe.

Das unseren Patienten zur Verfügung stehende landesübliche Gesundheitswesen weist nach meinem Eindruck nach drei Wochen leider erhebliche Mängel auf. Es gibt zwar gute Kliniken, die aber nur gegen Bares tätig werden und die für unsere Patenten unerschwinglich sind. Die zahlreichen “Pharmacies”, oft die erste Anlaufstelle für die Patienten, stellen auch gleich die Diagnosen, meistens “Malaria” und “Typhoid Fever”, auch bei Patienten, die weder entsprechende Symptome aufweisen noch überhaupt, wie bei Malaria in Nairobi, Gelegenheit zur Übertragung hatten, und denen dann für viel Geld die entprechenden Medikamente verkauft werden. Vor diesem Hintergrund ist das Baraka Health Center für die Bewohner des Mathare Valley Slums eine besonders wertvolle Einrichtung.

Zum Slum und seiner Struktur: Ich hatte vorab eine falsche Vorstellung vom Slum und seinen Bewohnern. Sicher gibt es auch furchtbare Armut und große Not, aber der Slum ist nicht nur das Elendsquartier für die Gescheiterten, Hoffnungs- und Chancenlosen, sondern auch eine reine Low-Budget-Durchgangsstation für Menschen, die aus dem Umland nach Nairobi strömen, um hier mehr Geld zu verdienen, als es ihnen “upcountry” möglich ist. Jeden Morgen, wenn ich ins Mathare Valley zur Arbeit hineinlaufe, kommen mir Menschen in Anzügen oder sonst erstaunlich ordentlichem Outfit entgegen, die unterwegs zu ihrer Arbeitsstätte sind. Dass sie dabei vorübergehend oder auch für längere Zeit im Slum unter für uns Europäer recht unappetitlichen Bedingungen leben müssen, das ist den Kenianern offenbar ziemlich egal. Im Slum können wir uns, zumindest in der Umgebung von Baraka und am Tag, sicher bewegen. Bei Nacht ist es auf den Straßen in ganz Nairobi unsicher, das sollte beachtet werden. Und Opfer von Taschendieben kann man in den großen Städten Europas auch werden.

Mathare Valley_Eindruck von oben Mathare Valley_Enge

Nach drei Wochen im Projekt ist mein Eindruck der, dass man hier für sich sehr viel lernen kann, sowohl fachlich als auch ganz für sein Weltbild. Ganz nebenbei ist es nach über dreißig Jahren Tätigkeit als Dienstleister in einem “All-inclusive-Medizinbetrieb” mit entsprechendem Anspruchsdenken der Kundschaft nicht unangenehm, das Gefühl zu haben, wirklich wichtige Arbeit tun zu können und nicht selten für die damit verbundenen Einschränkungen und Belastungen auch einiges von den Menschen hier zurück zu erhalten. Man muss es ja nicht immerzu machen, aber so ab und zu ist sicher kein Akt altruistischer Selbstaufopferung.

Patientenfamilie

Mit herzlichen Grüßen aus Nairobi

Dr. Peter Fülle

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Einsatzarzt Dr. Hermann Biggel berichtet erneut von seinem Einsatz auf Mindanao

Worüber ich mir immer wieder Gedanken mache, ob wir den erwartungsvollen Augen der oft schon seit dem Vorabend wartenden Patienten, gerecht werden. Sie haben oft sehr weite Anreisewege hinter sich, wenn sie mir “MORNING DOC” zur Begrüßung zurufen. Aufgrund des hohen Patientenaufkommens verbleiben leider meist nur sehr kurze Kontaktzeiten. Ist es wirklich Hilfe, die wir anbieten können oder nur Symptomkontrolle, wenn sich die Patienten mit “THANK YOU DOC” verabschieden? Oft gehen Fragen in der Anamnese durch indirekte Fragestellung über die Dolmetscherin unter. Vor allem wenn es um psychosomatische Erkrankungen geht, die uns in den Slums sehr häufig begegnen. Die Ursachen dieser Erkrankungen liegen natürlich auf ganz anderer Ebene wie in der westlichen Welt (hier: Kampf ums nackte Überleben, wie ernähre ich mein Kind morgen etc.) Die Arbeitslosigkeit im philippinischen Landesdurchschnitt beträgt etwa 30 Prozent, die unserer Slumbewohner ist nahezu 100 Prozent. Viele  Partner leben getrennt voneinander, Scheidungen sind aufgrund des Einflusses der Kirche (die Bevölkerung ist sehr stark vom Katholizismus geprägt) äußerst selten.

Die Armut der Bevölkerung ist überall spürbar, so lernen z. B. die meisten unserer Projektkinder nie schwimmen, weil ein Kurs nicht finanziert werden kann. Dies stellt aber für die armen Menschen u.U. ein vitales Problem dar, weil Überflutungen durch die oft sintflutartigen Regenfälle in der Regenzeit, durch die Brandrodungen des Urwaldes, teilweise sogar der ausgewiesen Nationalparks, bedingt, immer häufiger werden (vgl.12/2011 allein in Cagayan 1.000 Tote nach einer Überschwemmung in einer Nacht).

Eines der wichtigsten Anliegen unserer Projekte ist natürlich Hilfe zur Selbsthilfe. In Cagayan finden ständig umfangreiche Schulungsprogramme für angelernte Mitarbeiter (Health worker) statt, die in den umliegenden kleineren Kliniken oder als Begleitpersonal der verschiedenen Rolling Clinics tätig sind. Sie führen Erst- und Notfallversorgungen durch, bis die Rolling Clinic-Ärzte in etwa 4- bis 6-wöchigem Rhythmen die Versorgung ergänzen.

Zunehmend häufiger  treten in den Schwellenländern die typischen Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck, Schlaganfälle und Herzinfarkte auf. Auch hierfür werden präventive und therapeutische Schulungen angeboten. Des weiteren gynäkologische Vorsorgeuntersuchungen und Beratungen zur Familienplanung (Kondomeinweisungen, Dreimonatsspritzen, Legen von Gebärmutterspiralen). In Kooperation mit einer Universität wird ein Pilotprojekt zur Krebsvorsorge durchgeführt.
Fehl- oder unterernährte Kinder können in einem Gebäude, das unserer Klinikambulanz angegliedert ist, vorübergehend bleiben und stabilisiert werden (siehe nachfolgendes Bild: den beiden Mädchen geht es wieder besser)

zwei Spielgefährten

Eine äußerst interessante Einrichtung ist auch das Interplantprojekt. Im Wechsel kommen entweder ein deutsches oder australisches Operationsteam, bringt das gesamte OP-Equipment mit und operiert in einem assoziierten Krankenhaus Kinder mit unterschiedlichen Missbildungen.

Die Kinder stammen aus einem größeren Einzugsgebiet meist aus dem bergigen Hinterland der philippinischen Inseln.

Vor und nach den Operationen werden die Kinder in unserer Einrichtung betreut.

Unten wartende Kinder mit Lippen- Kiefergaumenspalten, die teils mit ihren Eltern anreisen, die auch die Betreuung mitübernehmen können. In philippinischen Krankenhäusern ist eine Rundumpflege und Versorgung auch nicht üblich im Gegensatz zu uns. Die Ursachen dieser Missbildung sind noch nicht ganz geklärt. Teilweise sind es Erbfaktoren, Ernährungsfehler (Alkohol – oder Nikotinkonsum während der Schwangerschaft) und Mangelerscheinungen wie der Folsäuremangel.

Kinder mit Gaumen- Kieferspalte Paar mit kleinem Kind

Bilder oben: wartende Kinder mit ihren Eltern (ein Bild zeigt einen Vater mit drei behinderten, eigenen Kindern, deren Familie bisher keine erbliche Häufung dieser Kiefermissbildung aufzuweisen hat.

 

Aufgeschrieben von Dr. Hermann Biggel

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Die Arbeit unserer einheimischen Mitarbeiter ist sehr wichtig – Vorstand Dr. Harald Kischlat berichtet von seinem Projektbesuch im Mathare Valley / Nairobi

Ich zeige gerade den Mitarbeitern von Klassik Radio unser Projekt hier in Nairobi, damit sie es ihren Hörern möglichst gut nahebringen können. Zu so einem Besuch gehören auch die sogenannten “Slum visits” zusammen mit unseren Sozialarbeiterinnen. Dabei wird mir immer wieder aufs Neue klar, wie wichtig neben der medizinischen Versorgung durch unsere German Doctors auch die soziale Betreuung durch unsere einheimischen Mitarbeiter ist. Unsere Sozialarbeiterinnen haben im Mathare Valley viele freiwillige Gesundheitsarbeiterinnen ausgebildet, die uns helfen, einen engen Kontakt zu unseren Patienten zu halten. Eine davon ist Joan. Sie wird schon seit längerer Zeit in unserem HIV-Programm mit antiretroviralen Medikamenten versorgt. Gerade am Anfang der Therapie können diese Medikamente zu Schlafschwierigkeiten und Albträumen führen. Vielleicht deshalb hatte Joan zwischendurch die Behandlung abgebrochen und ist zu einem lokalen Heiler gegangen, der ihr versprochen hatte, sie mit Kräutern wieder gesund zu machen. Joans Gesundheitszustand verschlechterte sich daraufhin rapide und zum Glück konnte sie von unseren Sozialarbeiterinnen überzeugt werden, die Therapie in unserem Programm wieder aufzunehmen. Joan wurde dann selber Gesundheitsarbeiterin bei den German Doctors und berichtet nun regelmäßig anderen Betroffenen von ihren Erfahrungen, damit diese nicht denselben Fehler begehen und die Therapie abbrechen. Das Engagement der Menschen füreinander ist einfach toll!

2014_08_Medikamentenausgabe in Nairobi

Das Bild zeigt die Gesundheitsarbeiterin Dolphin beim Besuch einer anderen Patientin. Dabei werden auch die Medikamentenvorräte kontrolliert.

Aufgeschrieben von Dr. Harald Kischlat

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Vielseitige Aufgaben beim Projekteinsatz auf Mindanao – Dr. Hermann Biggel berichtet von seinem Einsatz für die German Doctors

Mein Name ist Hermann Biggel. Nach 30-jähriger Praxistätigkeit als Allgemeinarzt entschloss ich mich, meine Erfahrungen auch armen Menschen zugute kommen zu lassen, indem ich sechs Wochen in einem der Projekte der German Doctors ehrenamtlich arbeite. In mehreren Vorbereitungsseminaren werden wir Ärzte vor dem Ersteinsatz auf die spezifischen medizinischen Probleme in Entwicklungsländern, auf die Besonderheiten im jeweiligen Land und v.a. auf die finanzielle Mittelbegrenzung sehr gut vorbereitet. Auch die zur Verfügung gestellten Guidelines sind äußerst hilfreich, um Patienten mit einfachen Mitteln rasch zu helfen. Die westliche Medizin unterscheidet sich von der Medizin in der dritten Welt dadurch, dass zur Diagnosesicherung in ersterer oft eine Fülle von Befunden gesammelt werden, bevor mit der Therapie begonnen wird (Labor, bildgebende Verfahren wie CT oder MRT, oder Einholung diverser Facharztbefunde). Dies ist in Entwicklungsländern aufgrund der Armut der Patienten meist nicht möglich.

Ich bin für die GERMAN DOCTORS erstmals auf den Philippinen, um einen sechswöchigen Einsatz zu leisten. Diese Organisation hat drei Projekte auf den Philippinen aufgebaut, die seit über 25 Jahren mit allergrößtem Engagement vorangetrieben werden. Für mich ist eine vierwöchige Mitarbeit im Armenhospital in Cagayan de Oro auf der Insel Mindanao geplant, das am Rande einer 580.000 Einwohner großen Stadt liegt. Daran anschließend folgt eine zweiwöchige Tätigkeit in einer ROLLING CLINIC. Ziel dabei ist die basismedizinische Versorgung für die Menschen im Inselinneren.

Am ersten Arbeitstag stellte mich der Langzeitarzt Dr. Martin Grau in aller Ruhe und Gelassenheit, trotz einer Vielzahl wartender Patienten, dem Klinikpersonal vor, so dass ich gleich einen Überblick über die Klinikeinrichtungen erhielt.

wartende Patienten Ambulanz Cagayan de Oro

Auf meinem Schreibtisch häufte sich bereits ein Stapel von Karteikarten, die unsere pfiffige und äußerst verantwortungsvolle Dolmetscherin und Healthworkerin ordnete.

Von den Krankheitsbildern waren die extreme Anzahl und die Schwere von Schilddrüsenüberfunktionen und Krampfleiden bemerkenswert. Die Behandlung erfolgt jeweils symptomorientiert ohne fachärztliche Mitbeurteilung. Dazwischen viele Erkältungen, Hauterkrankungen, Lungenentzündungen und derzeit (jahreszeitbedingt) eine zunehmende Anzahl von Dengue Fieber-Erkrankten. Auch werden schwerst unter- und fehlernährte Kinder mit Erkrankungen wie Tuberkulose oder Wurmerkrankungen vorstellig. Durch die Fehl- oder Unterernährung resultiert eine Immunschwäche, die die Infektion mit weiteren Krankheiten leider begünstigt.

Dr. Hermann Biggel_mit Patientin

Die Tätigkeit in der Klinikambulanz ist täglich aufs Neue äußerst spannend, da sie so vielseitig ist: Ich sehe jeden Tag neben den vielen Allgemeinerkrankungen wie fieberhafte Erkältungen, Magen– und Darmbeschwerden oder Harnwegsinfekten, teils schwerst erkrankte Patienten mit riesigen Abszessen, bisher unklaren Lähmungen ausgehend von angeborenen Wirbelsäulenerkrankungen. Diese Missbildungen wären z.T. vermeidbar, wenn den Frauen während der Schwangerschaft vorbeugend B-Vitamine und Folsäure verabreicht werden könnten.
Auch gaben mir vergangene Woche zwei Lepraerkrankte Rätsel auf.

Darüberhinaus sind viele Kinder mit angeborenen und teilweise durch rheumatische Erkrankungen verursachte Herzfehler in der Klinikambulanz, die mit herzentlastenden Medikamenten behandelt warden müssen, weil eine eigentlich nötige größere Herzoperation nicht finanziert werden kann. Sicherlich ist die Häufung der Schwerstkranken in dieser Klinik durch die Überweisung der umliegenden kleineren Krankenhäusern und der ambulant nicht weiter behandelbaren oder weiter diagnostizierbarer Patienten der ROLLING CLINIC zu erklären.
Viel Zeit beansprucht in der ambulanten Kliniktätigkeit die Behandlung der vielen Epilepsiepatienten, welche durch krampfunterdrückende Medikamente therapiert und engmaschig kontrolliert werden.
Ursächlich für die gehäuft auftretenden Gehirnerkrankungen sind die enorme Anzahl
an Tuberkulosepatienten und teilweise auch Wurmerkrankungen, die das Gehirn mitbefallen können. Für mich auffällig ist, wie gelassen die Menschen mit Krampfleiden umgehen. Während der heutigen Vormittagssprechstunde kam plötzlich ein Ruf aus dem Wartebereich, in dem sich etwa 40 Patienten befanden – “Doktor”. Die daneben stehenden Patienten hielten eine krampfende Frau fest, so dass mir nur noch die Aufgabe verblieb, die Patientin auf eine Wartebank zu legen und sie vor Verletzungen zu schützen. Nach dem Krampfanfall verblieb sie schlafend auf der Bank inmitten der Wartenden. Der Grund für ihren erneuten Krampfanfall war, dass die Patientin die Medikation seit einer Woche unterbrach, weil sie die finanziellen Mittel zum Kauf der Tabletten nicht mehr aufbringen konnte.
Für mich bemerkenswert ist auch die Häufigkeit der fieberhaften Viruserkrankungen, wozu sicherlich auch die extreme Luftverschmutzung in den Großstädten beiträgt. Man kann allerorts hunderte stinkender Jeepneys (umgebaute Militärjeeps aus der amerikanischen Besatzungszeit) und älteste, aus Motorrädern zusammengebastelte Kleintaxis, durch die Stadt rattern sehen.

Einen großen Raum in unserer Projektarbeit nimmt auch das SOZIALE SCREENING ein, da in dem Projekt der GERMAN DOCTORS nur die ärmsten Menschen behandelt werden können. Beim Anlegen der Krankenakte werden die Patienten oder Betreuer genauestens befragt nach Einkommen (die meisten sind arbeitslos oder können höchstens einer Teilzeittätigkeit nachgehen), Kinderzahl (viele Familien sind kinderreich und haben zwischen 7 und 13 Kinder), Anzahl der im Haushalt mitzuversorgenden Familienangehörigen und Art der Behausung (Hütte, Gemeinschaftsunterkünfte).
Nimmt die Erkrankung einen chronischen Verlauf oder wird sie aus anderen Gründen sehr aufwendig, erfolgt durch eine Sozialarbeiterin und einen Healthworker ein Hausbesuch, bei dem die soziale Situation des Patienten kontrolliert wird.
Da die Medikation und die medizinischen Untersuchungen in unserem Projekt, bis auf einen geringen Eigenanteil, für die Patienten kostenlos sind, ist das Missbrauchsrisiko oft sehr hoch. Dieses soll durch das Social Screening und die Hausbesuche minimiert werden. Wir wollen den armen Patienten helfen, die sich eine alternative Behandlung im normalen philippinischen Gesundheitssystem nicht leisten können. Erschreckend fand ich, dass die meisten Medikamente hier extrem teuer sind, teilweise teurer als in deutschen Apotheken!!

Aufgeschrieben von Dr. Hermann Biggel

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