Medizinische Hilfe und mehr…

Ein Bericht von Frau Julia Isselstein über ihren Einsatz in Chittagong/Bangladesch

Ich habe im Juli und August 2015 sieben Wochen im Projekt in Chittagong, der zweitgrößten Stadt von Bangladesch, im Südosten am Golf von Bengalen gelegen, verbracht. Wir arbeiten hier immer mit zwei deutschen Ärzten im Auftrag von German Doctors im sogenannten „Medical Center for the poorest of the poor“, einer Art Ambulanz, die kostenlose medizinische Behandlung für die Ärmsten der Armen anbietet.

Krankheit in Bangladesch

Anstehen für die Registrierung

Die Patienten werden registriert und ihre Bedürftigkeit vom lokalen Personal geprüft. Wenn diese bestätigt ist, bekommen sie eine Krankenkarte (entspricht ihrer Akte), für die sie ein kleines Entgelt bezahlen müssen, damit sie diese wertschätzen und auch zu jedem Besuch wieder mitbringen. Die Erkennung von moderat und schwer unterernährten Kindern ist ein wesentlicher Aspekt unserer Arbeit, diese bekommen besondere Aufmerksamkeit und werden an entsprechende Ernährungsprogramme angebunden, bei denen Mahlzeiten für die Kinder vorgehalten werden und die Mütter bezüglich der Zubereitung einfacher aber nahrungsreicher Mahlzeiten angeleitet werden. Zudem achten wir auf die Durchführung aller Impfungen, substituieren Vitamin A und Eisen nach den Empfehlungen der WHO sowie achten auf die halbjährliche Entwurmung aller Patienten. Schwangere erhalten bei uns ein Vorsorgeprogramm und werden motiviert zur Entbindung in ein Krankenhaus zu gehen.

Kinder in Bangladesch

Ist es eine Schaukel? Nein, aber Spaß macht es trotzdem…

Von den durchschnittlich täglich etwa 100 Patienten in unserer Ambulanz leiden die meisten unter Husten, Schnupfen, „Nachtfieber“, Magenschmerz und Ganzkörperschmerz. Aber es sind eben doch immer wieder richtig kranke Patienten darunter, vor allem Kinder (Pneumonien, Bronchitis, schwere Diarrhö), die es aufmerksam herauszufischen gilt.

Patienten in Bangladesch

Mutter und Tochter warten auf die Registrierung

Außerdem kommt der Aufklärung eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu. So kam an einem Tag eine Mutter mit ihrem durch Durchfall schon schwer dehydrierten ca. 6 Monate alten Baby zu uns, das lethargisch in ihrem Arm lag und schon eine stark eingesunkene Fontanelle aufwies. Wir fürchteten, es ins Krankenhaus schicken zu müssen, machten aber zunächst einen von unserer Krankenschwester angeleiteten Trinkversuch mit oraler Rehydratationslösung (hierbei wird dem Baby mit einer Pipette langsam aber kontinuierlich Flüssigkeit eingeflößt). Zu unserer freudigen Überraschung trank das Baby fast schon gierig, auch das Stillen klappte gut. Wir besprachen also einen ambulanten Therapieversuch, gaben der Mutter ausreichend ORS und Zink-Sirup mit und besprachen eine Kontrolle am folgenden Morgen. Bei der Wiedervorstellung zeigte sich ein munteres Kind, die Fontanelle regelrecht. Die Mutter aber beklagte nur, dass ja der Durchfall noch gar nicht besser geworden sei. Es stellte sich heraus, dass ihr Kind offenbar deshalb zuvor so dehydriert war, da sie es nicht mehr gestillt hatte. Denn je mehr sie stillte, desto mehr Durchfall hatte das Baby und um dieses Symptom zu verringern hatte sie eben nichts mehr gegeben. Hierbei wurde mir noch einmal deutlich vor Augen geführt, wie gering die medizinische Allgemeinbildung ist. Und wie überlebenswichtig die Erklärung von bei uns allgemein bekannten einfachen Dingen sein kann.

Als Arzt in Bangladesch

Dolmetscher Peter und ich in unserem Behandlungszimmer

Natürlich gab es auch einiges an Wunden, Verletzungen und auch Frakturen durch Unfälle mit Rikschas und Minitaxen (der Verkehr ist hier wirklich ein absolutes Abenteuer) zu versorgen sowie kleinere und größere Abszesse zu entlasten. Ein Patient hatte sich zur Zeit der Überschwemmungen eine Verletzung am Fußrücken zugezogen und war damit eine Woche lang nicht zum Arzt gegangen. Bei der Vorstellung zeigte sich eine handtellergroße Nekrosezone mit umgebender schwerer Entzündung bis auf den Unterschenkel. Wir schickten ihn zur Behandlung ins Krankenhaus. Dort wurde das tote Gewebe abgetragen und die Wunde großzügig gereinigt. Hierdurch entstand jedoch unvermeidlich ein großer Hautdefekt (11x7cm), der nur sehr langsam abheilen wird und viele Verbandswechsel mit speziellen Wundauflagen erfordert. Da im Krankenhaus zwar die ärztliche Behandlung für die Patienten frei ist, nicht jedoch Medikamente, Labordiagnostik oder Verbandsmaterialien, empfahlen die dortigen Ärzte die Amputation des Fußes. Die Verbandsmaterialien für eine sekundäre Wundheilung würde der Patient sich nicht leisten können. Er verweigerte jedoch die Amputation (damit wäre er als Rikscha-Fahrer erwerbsunfähig geworden, muss aber als Alleinverdiener seine Familie durchbringen) und kam zu uns. Zum Glück hatten wir noch einen Vorrat an modernen silberbeschichteten Schaumverbänden, ich fürchte allerdings dass er schnell aufgebraucht sein wird. Ich hoffe sehr für diesen Patienten, dass wir genügend Verbandsmaterialien aufbringen können, damit er seinen Fuß behalten kann.

Lebensbedingungen in Bangladesch

Eine Patientin muss mit frisch verbundenem Fuß durch die monsunbedingte Riesenpfütze vor unserer Ambulanz im Slum…

Die Bedeutung unserer Behandlung für die Menschen in Bangladesch geht nicht selten über die rein medizinische Betreuung hinaus, vergleichbar mit einer Hausarztpraxis. So stellte sich zum Beispiel in meiner ersten Woche eine junge Mutter mit ihrem acht Monate alten Baby vor. Das Baby hatte eine Pneumonie, bekam von uns eine orale Antibiose, Parazetamol und Zink und erhielt die übliche Vitamin A-Substitution. Wir bestellten es zur Kontrolle wieder ein, es ging ihm deutlich besser und wir konnten zusätzlich Eisen substituieren. Nach wenigen Tagen erschien die Mutter erneut, jetzt habe es Schnupfen. Das Kind war guter Dinge, wir beruhigten sie und gaben Salzwassertropfen für die Nase. Doch sie kam alle paar Tage wieder, immer mit wenig nachvollziehbaren leichten Beschwerden des Babys, dass sich aber weiterhin gut entwickelte, Gewicht durchgehend im grünen Bereich, alle Impfungen erfolgt. Erst bei der fünften Vorstellung kam nach einigen Fragen unsererseits heraus, dass ihr Mann sie vor einigen Wochen sang und klanglos ohne Unterstützung verlassen hatte. Ihre Familie lebte weit weg in einem Dorf und hier in Chittagong hatte sie sonst niemanden. Zudem ist es immer eine Schande für die Frauen und auch für ihre Familien, wenn sie vom Ehemann verlassen werden. Deswegen werden sie oft von der eigenen Familie oder Dorfgemeinschaft verstoßen. Sie war noch sehr jung und dies ihr erstes Baby. Ihren Lebensunterhalt musste sie nun durch betteln bestreiten, was sicher nicht einfach war, da sie jung und hübsch, sauber und ordentlich aussah, das Baby auch und sich damit erfahrungsgemäß nicht viel erbetteln lässt.

Frauen in Bangladesch

Leider selten zu sehen, aber um so schöner: Ein unbeschwertes Lachen!

Der Grund, warum sie immer wieder zu uns gekommen war, war dass sie einfach völlig verzweifelt war! Sie war in höchstem Maße verunsichert, ob sie ihr Baby adäquat versorgt. Sie konnte weder ihre Mutter noch Schwiegermutter, Tanten oder ältere Schwestern fragen. Sie wusste aber auch nicht, wie sie für sich selbst sorgen sollte. Natürlich konnten wir ihre größten Probleme nicht für sie lösen. Aber wir konnten ihr versichern, dass mit dem Baby alles in Ordnung ist. Dass sie offensichtlich eine gute Mutter ist. Wir konnten ihr ein Essenspaket geben, um genug Grundnahrung für sich selbst zu haben und so ausreichend Milch für ihr Kind. Wir konnten ihr anbieten regelmäßig zu uns zu kommen um weitere Essenspakete zu bekommen und um das Gedeihen ihres Kindes überwachen zu können. Im Laufe des Gespräches war die herabfallende Last von ihr fast körperlich zu spüren. Dankbar und erfreut lächelte sie uns an. Nicht zuletzt konnten wir ihr ein bisschen Hoffnung geben.

Slum in Bangladesch

Im Slum wurden wir herzlich begrüßt

Slumkinder in Chittagong

Kinder spielen im Slum

Da einigen Patienten der Weg bis zu unserer Ambulanz nicht möglich ist, da auch das für sie zu teuer ist, halten wir einmal in der Woche eine Sprechstunde im Slum ab, um die Erreichbarkeitsschwelle noch weiter zu senken. Unsere Ambulanz dort ist neben den Räumlichkeiten des Community Based Centers. Dies ist ein angeleitetes Projekt unserer Ambulanz, bei dem Frauen aus der Slumgemeinde zu Ernährungsberaterinnen ausgebildet wurden, die jetzt die unterernährten Kinder dort betreuen, regelmäßige Gewichtskontrolle durchführen, uns kranke Kinder weiterleiten und die Mütter fortbilden. Dort erhalten die Kinder zusätzliche Mahlzeiten. Das ist offensichtlich ein wirklich gut funktionierendes, sehr erfreuliches Projekt.

Unterernährung in Bangladesch

Mittagessen im Feeding-Programm des CBC

Die Atmosphäre in unserer Slum-Ambulanz mochte ich besonders gern. Es sind besonders viele Kinder unter den Patienten, die unbefangen und fröhlich sind, uns in unserer Mittagspause ihre Hütten und den ganzen Stolz der Bewohner – ihre Kuh – zeigten und sich mit Begeisterung von uns fotografieren ließen. Sie spielten marmeln mit bunten Steinchen oder schaukeln am Tor unserer Slum-Ambulanz. Fast alle haben kahlrasierte Köpfe wegen des stetigen Läusebefalls und Jungs und Mädchen sind kaum zu unterscheiden. Wie sehr würde ich mir doch für die Frauen und Mädchen hier wünschen, dass ihnen wenigstens etwas von dieser Unbeschwertheit und „Gleichheit“ erhalten bliebe…

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Ein ganz “normaler” Sprechstundentag

Ein Bericht von Frau Dr. Maria Scharfenberger über ihren Einsatz in Manila/Philippinen

Es war mein 2. Einsatz, davon 4 Wochen in Manila. Wir wechselten uns ab, mein Kollege Eberhard aus München, und ich. Einer von uns machte Sprechstunde im Health-Center der German Doctors in Bagong Silang, und der jeweilige andere Kollege ging auf Manila-Rolling-Einsatz in armen Vierteln.Eines davon war die Gegend um den großen Müllberg von Quezon-City, ein Großstadtteil von Metromanila. Die Menschen leben vom Müll, auf dem Müll und im Müll…

Hilfe für Manila

Eine kleine Patientin

Ein ganz “normaler“ Sprechstundentag: Bei Ankunft saß der Wartebezirk wie immer schon voll mit Müttern und Kindern. Bis 11 Uhr behandelte ich nur Kinder, und das was für Kinder: Die meisten unterernährt, wenn sie älter wie 1-2 Jahre waren, weil dann das nächste Geschwisterchen schon da war oder bald ankam. Die German Doctors geben dann Ernährungspacks, oder führen die Kinder einem “feeding programm” zu. Man brachte mir ein einjähriges Mädchen, das gerade einen epileptischen Anfall hatte, ein Kleinkind mit beidseitiger Lungenentzündung, ein Kind mit sehr hohem Fieber und fast alle Kinder mit der Symptomatik: “couph and cold”, und man denkt vielleicht, die haben grad mal einen banalen Husten: haben sie eben nicht!! Durch den fürchterlichen Smog in diesem Moloch Manila, durch die Feuerstellen in den Hütten habe sie teilweise schwerste obstruktive Bronchitiden, ringen oft nach Luft, und oft müssen wir sofort intervenieren.

Müllberge Manila

Alles wird nach etwas Verwertbarem durchsucht

Dann ein 8 jähriger Bub, schreiend vor Bauchschmerzen, ich taste eine Resistenz im Bauch, die konnte von einer Darmperforation, einem bösartigen Tumor  bis zu einem Ascaridenklumpen, der den Darm verstopft, alles sein. Sofortige Einweisung in die nächste Klinik, es muss eine watcher gefunden werden, die Mutter hat noch 6 Kinder, und kein Geld, um den Jeepney, der ohnehin sehr billig ist, zu bezahlen. Die German Doctors gaben dann Geld für die Fahrt ins Krankenhaus. Das nächste war ein 5-jähriges Mädchen mit einer Gonorrhoe, Überleitung in das Kinderschutzzentrum des Krankenhauses, Missbrauchabklärung. Als nächstes ein junger Mann, sooo dünn, seitdem weiß ich warum die Tuberkulose bei uns früher Schwindsucht hieß, v.a. Knochen-TB, weil soo starke Schmerzen in der Wirbelsäule. Am Nachmittag kam dann noch ein junger Mann, BZ über 570Mg% sicher ein Typ-1 Diabetiker, Insulinbedarf, kein Kühlschrank, 14 Personen leben auf 20 Quadratmeter, ich durfte mit der Sozialarbeiterin die Wohnung besuchen zum Check, ob wirklich Armut besteht – sie besteht.

Armut auf den Philippinen

Unmenschliche Behausungen

Dann am Nachmittag die Follow-up Patienten: Diabetiker, Hypertoniker und die Niereninsuffizienten, deren es relativ viele gibt, durch Glomerulonephritiden durch die Hautinfekte mit Streptokokken. Ja, und dann die vielen Patienten mit multiformen Hautkrankheiten, Pilzinfekte, darauf eine Krätze, und darauf (in einem Fall) noch eine Hauttuberkulose – so könnte ich noch ganz viel berichten. Das Schöne an dieser Arbeit ist, dass die Menschen großes Vertrauen zu uns haben, und wir –s dank unserer wunderbaren Übersetzer und dem gesamten Team – eine gute Beziehung zu den Patienten herstellen können. Die Armut im “Müllviertel” ist unvorstellbar, ein Slumabschnitt z.B. mit 47 Familien und einer Toilette. Immer wieder kommen Menschen aus der Provinz, und versuchen, sich am Müllberg ein besseres Leben zu verdienen, denn der Müll, der noch am Müllberg oben ankommt, ist schon mindesten 3x vorher durchsortiert worden: Was da noch übrig ist, kann man kaum glauben.

Slum Manila

Matrazenfabrikation im Slum

Eine besondere Herausforderung war die Rolling Clinic auf Mindoro. Ich hatte ein wunderbares Team, einsatzfähig, engagiert und sehr kompetent . Vor allem sind sie ganz lieb zu den Ureinwohnern –den “Mangyan” – man spürt die Wertschätzung, die sie ihnen so selbstverständlich entgegenbringen, die respektvolle Behandlung, und die Freude, wenn der German Doctor morgens in Dorf kommt. Auch dort diverse Notfälle, eine akuter Bauch, 3 sehr kranke Kinder, wobei ein kleines Mädchen nach 3 Tagen im Krankenhaus verstarb. Und unendlich viele Hautkrankheiten…

Armut in Manila

Eine ärmliche Hütte

Mir machte es neben der medizinischen Arbeit besonders viel Spaß, noch abends, wenn das ganz Equipment wieder im Ford-Ranger verstaut werden musste, mit den Kindern zu singen und zu tanzen und zu spielen. Denn beim Verstauen können wir nicht helfen, da hat alles seinen besonderen Platz, und wir würden nur Konfusion anrichten…

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Medizinischer Einsatz in Dhaka

Ein Bericht von Dr. Urban Pachlatko über seinen Einsatz in Dhaka/Bangladesch

Von Ende Februar bis Mitte April habe ich als German Doctor in Dhaka – der Hauptstadt von Bangladesch – gearbeitet und einen sechswöchigen medizinischen Einsatz absolviert. Wie sieht unser Tagesablauf dort aus? Vormittags fahren wir raus in unterschiedliche Slums und arme Wohngebiete, nachmittags arbeiten wir in einer Ambulanz in dem Haus, in dem wir auch wohnen. Außerdem ist im gleichen Haus eine Schule für Kinder aus armen Familien untergebracht. Wir kümmern uns sozusagen um die hausärztliche Versorgung der Ärmsten, die sich das Geld für einen Arzt- oder Krankenhausbesuch nicht leisten können. Wir, das sind, zwei deutsch sprechende Ärzte und ein Team aus Einheimischen, die für uns Übersetzen, die Patienten aufnehmen, sich um die Medikamente kümmern und uns hin und her fahren.

wartezimmer

Die Patienten warten im Freien

Am Morgen packen wir einen Minibus mit allen nötigen Sachen für eine Klinik. Die wahrscheinlich benötigten Medikamente wurden vorher schon bereitgestellt, aber auch alles Verbrauchsmaterial wird gekonnt und gut eintrainiert eingepackt. Am Schluss kommen dann noch wir Menschen hinein und dann geht es los durch die von Rikschas oft verstopften Straßen in einen anderen Bezirk der 16-Millionen-Stadt. Dort fahren wir in einen Hof, laden alles aus und machen den uns zur Verfügung stehenden Raum für die Sprechstunde bereit. Es ist „nur“ ein Raum für die eigentliche Untersuchung vorhanden, warten müssen die Patienten selber draußen im Freien.

Armut in Bangladesch

Registrierung der Patienten

Ich sitze an einem Metalltisch, gegenüber von mir sitzt der Übersetzer und an der Schmalseite des Tischchens gibt es einen Stuhl für den Patienten. Da wir zwei Ärzte sind, werden also zwei solcher Konsultationsecken aufgebaut und dann fängt unsere Arbeit auch schon an. Die Patienten die zu mir kommen, wurden alle vorher gewogen, der Blutdruck und die Temperatur wurden gemessen. Dann fängt die Befragung über den Übersetzer an und da werden manchmal ganz lange Wortwechsel mit einem oder zwei Worten übersetzt! Wenn wir mit allen Patienten durch sind, wird wieder alles zusammengepackt und es geht zurück an den Ausgangsort. Nach einer kurzen Pause, um etwas zu Essen, beginnt dann die gleiche Arbeit hier, wo wir stationiert sind, nur dass hier alles schon eingerichtet ist und jeder der zwei Ärzte ein eigenes Zimmer hat.

Sprechzimmer

Mein Sprechzimmer

Als Krankheiten sehen wir sehr oft, Husten, Fieber, Rückenschmerzen, verschiedenste Verdauungsbeschwerden und „all over body pain“, was eher als ein allgemeines Unwohlsein zu verstehen ist. Viele der Beschwerden sind auch typische Folge der harten körperlichen Arbeit. Dass die Rikschafahrer und die Leute, die mit Hämmern Backsteine zerkleinern an Überlastungsschmerzen leiden, wundert keinen – aber wirksame Therapien dagegen stehen leider auch nicht zur Verfügung. Eine vorübergehende Arbeitsunfähigkeit bleibt ein Wunschdenken.

Als Arzt in Bangladesch

Untersuchung eines Patienten

Einige Patienten sind mir besonders in Erinnerung geblieben:

  • Eine Frau kommt mit Magenbeschwerden, Rückenschmerzen und allgemeiner Schwäche. Die Untersuchung ergibt nichts jetzt speziell Auffälliges. Als ich nach ihren „wirklichen“ Beschwerden frage, kommt zum Vorschein, dass ihr Mann zu Hause sei und nicht arbeiten könne. Er habe eine Bauchoperation gehabt. Es sei alles gut gegangen, aber der Brotverdiener ist nun arbeitsunfähig und damit die Familie vom Betteln abhängig…
  • Eine alte Frau, die nicht mehr arbeiten kann: Schwäche und Appetitlosigkeit, Magenschmerzen (Hunger ?) und verschiedene Gelenkschmerzen sind ihr heutiges Leiden. Bei weiterem Nachfragen kommt dann heraus, dass sie nun bei ihrer Tochter lebt, die aber selber eher am Existenzminimum ist. Die Tochter arbeitet als Textilarbeiterin, das heisst den ganzen Tag Nähen oder Zuschneiden oder Bügeln oder…. Sie verdient zwar genug für sich und vielleicht ein Kind, aber für die Mutter reicht es einfach nicht mehr. So sagt die Mutter einfach, sie habe keinen Appetit, damit sie den andern nichts wegisst, selber aber verhungert sie langsam….
  • Ein persönliches „Zückerchen“ für mich war eine alten Frau, die vor vier Tagen gestürzt war, und den Vorderarm an typischer Stelle gebrochen hatte. Wir machten eine lokale Anästhesie in den Bruchspalt und gipsten dann den Arm mit „richtigen“ Gipsbinden ein, und das ohne Röntgen einfach nach Gefühl ! Mir kam zu Gute, dass ich in Valbella vor 30 Jahren viele Radiusfrakturen reponieren und gipsen musste. Die Frau kam dann am nächsten Tag zur Gipskontrolle und war begeistert, dass sie keine Schmerzen mehr hatte.
  • Ein alter Mann, beidseitige Hüftarthrose, ist unstabil auf den Beinen und fällt oft hin. Heute kommt er mit einer Verletzung des rechten Knies, einer offenen Wunde, weil er vor ein paar Tagen wieder einmal gefallen ist. Durch Schmerzen geschwächt, dadurch kaum mehr erwerbstätig dreht sich die Armut Spirale weiter. Er wird schwächer werden, noch häufiger fallen bis er dann nicht mehr aufstehen wird…
  • Eine Frau mit 6-jährigem Sohn. Sieht eher etwas ängstlich aus. Auch sie hat viele eher unspezifische Beschwerden. Sie ist erst vor ein paar Tagen nach Dhaka in die Stadt gekommen und wohnt bei ihrer Schwester. Will nach Arbeit suchen, um sich und den Sohn durchzubringen. Auf weiteres Nachfragen hin erfahren wir dann, dass im Dorf, woher sie herkommt, sich ihr Mann eine andere Frau genommen habe. Sie konnte und wollte das nicht länger mit ansehen…
  • Eine ausgemergelte 85-jährige Großmutter kommt. Ihre Tochter begleitet sie, da sie bei ihr wohnt. Die Tochter selber hatte einen Schlaganfall und nun eine Facialis Parese, das heisst ihre Gesichtsmuskeln sind auf einer Seite gelähmt. Diese Tochter muss nun neben ihrer Mutter auch noch für ihre eigene Tochter schauen, da ihr Mann drogenabhängig ist und alles, was er mit dem Rikscha fahren verdient sofort für seine Sucht verbraucht.
Bangladesch - Ärzte helfen

Die meisten Patienten sind extrem arm

Bei vielen unserer Patienten ist ihr soziales Umfeld oft schlimmer als die eigentlichen Beschwerden, die sie angeben. Ich fühle mich dann so hilflos, da wir ja wirklich eigentlich „nur“ medizinisch helfen können, wenn das eigentliche Übel gar nicht angegangen werden kann. Die Armut, die kaum vorhandenen staatlichen sozialen Strukturen und der schiere Bevölkerungsdruck findet auf dem Buckel der Gesundheit eben dieser Bevölkerung statt. Die Regierung gibt sich Mühe Spitäler zu bauen, was gut ist und auch einigermaßen funktioniert, aber solange andere Strukturen fehlen, haben solche Menschen, wie diejenigen, die ich beschrieben habe, kaum eine Überlebenschance.

Hilfe für Bangladesch

Die diagnostischen Möglichkeiten sind begrenzt

Die Regierung hat in den letzten Jahren mehrere Spitäler aufgemacht, die auch die Ärmsten behandeln und so können wir in komplizierteren Fällen die Leute auch dorthin schicken. Wenn sie von uns geschickt werden, werden sie gut diagnostiziert, erhalten dann Medikamente für einen Tag und ein Rezept für die Fortführung – da sie aber kein Geld haben, hören sie mit der Behandlung nach ein paar Tagen wieder auf. Wir selber haben ein beschränktes, der Situation gut angepasstes Medikamentensortiment. Die allermeisten Medikamente werden im Inland hergestellt und sind von guter Qualität, soweit ich das beurteilen kann. Die Arbeit ist sehr befriedigend und die Patienten sind froh, dass jemand sie anschaut und ihnen auch zuhört, ihnen ein sympathetisches Ohr leiht.

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Als Zahnarzt helfen

Ein Bericht von Dr. Karl-Heinz Laeschke über seinen Einsatz auf Mindanao und auf Mindoro/Philippinen

Mein erster Einsatz als Zahnarzt mit den German Doctors war von besonderer Neugier und Erwartung geprägt. Allein die verschiedenen Vorbereitungen steigerten dieses Unternehmen zu einer besonderen Herausforderung. Nachdem alle Bedingungen im Vorfeld für den sechswöchigen Aufenthalt auf den Philippinen erfüllt waren, konnte es endlich losgehen.

In meinem fast 30 kg Reisegepäck befanden sich neben den persönlichen Utensilien einige schwergewichtige Mitbringsel in Form von zahnärztlichen Instrumenten, Nahtmaterialien und speziellen Einweghandschuhen, die ich vorher als Spenden zusammengetrommelt hatte. Vor meinem Abflug habe ich den ärztlichen Kollegen Peter Springmann kontaktieren können, der zum gleichen Einsatzgebiet eingeplant war, so dass die Reise gemeinsam ab Hamburg in den gleichen Maschinen zum Zielort auf Mindanao ging. Also zu später Stunde am folgenden Tag in Cagayan de Oro gelandet, führte eine abenteuerliche Weiterreise mit örtlich üblichen Verkehrsmitteln zum Doctorshouse. Sehr erfreut über den herzlichen Empfang der dort schon anwesenden Kollegen konnte das Nachtlager bezogen werden.

Als Zahnarzt helfen

Eine zahnärztliche Behandlung

Mit Spannung erwartete mich nach einer kleinen Eingewöhnungsphase des freien Wochenendes der erste Einsatzplan mit der Rolling Clinic-Tour in die Berge von Mindanao. Mit einem zunächst unbekannten Team und Kollegen Paul Thiel ging es am folgenden Montag auf Tour, nach vorheriger Einweisung von Dietmar Schug im Hospital in Cagayan de Oro.

Hilfe für Kinder

Unter den Patienten sind auch viele Kinder

Ich kann rückblickend auf meine insgesamt 3 Rolling Clinic-Einsätze auf Mindanao und Mindoro nur positives über die Gesamtplanungen dieser berichten. Ich war stets eingebunden in gut funktionierende Teams, welche in z. T. völliger Abgeschiedenheit, fernab der Zivilisation, professionelle Arbeit verrichteten. Alle Beteiligten waren gut auf diese selbständigen Einsätze vorbereitet, wenn mal etwas nicht gleich klappte, funktionierte der Teamgeist.

Zahnärzte helfen

Während der Wartezeit werden Schulungen durchgeführt

Mir erschien es ebenso sehr wichtig zu sein, Ärzte/Zahnärzte mit entsprechender Berufserfahrung einzusetzen, da nur Profis hier völlig autark tätig sein können – denn Hilfe von außen ist nicht zu erwarten.

Hilfsprojekt Philippinen

Zahlreiche Patienten warten auf ihre Untersuchung

Die Eindrücke auf solchen Einsätzen für medizinische notleidende Menschen haben mich geprägt und meine Entscheidung gerechtfertigt. Die Entlohnung unserer teilweise anspruchsvollen Leistungen waren die dankbaren und lächelnden fremden Menschen, denen die German Doctors seit nun über 30 Jahren eine wertvolle und zuverlässige medizinische Basishilfe in ihren abgelegenen Regionen bieten. Es wäre wünschenswert, wenn diese Hilfe für verdrängte und politisch vernachlässigte Volkstämme eine offizielle Akzeptanz im Land erfahren könnte. Wir bringen Hilfe, die bleibt.

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Zum dritten Mal in Nairobi

Ein Bericht von Frau Dr. Barbara Herzberger über ihren Einsatz in Nairobi/Kenia

In diesem Jahr war ich zum dritten Mal im Nairobi-Projekt der German Doctors eingesetzt. Mein erster Einsatz in Kenia liegt schon über 10 Jahre zurück. Damals arbeiteten wir mitten im Slum zu viert in einem Container ohne Strom oder fließendes Wasser. Es war häufig so laut, wir könnten uns kaum hören.

Slum in Kenia

Auf den Straßen liegt der Müll

Inzwischen hat sich sehr vieles geändert. Wir sind zu sechst, haben deutlich mehr Platz in einem festen Gebäude mit Strom und Wasser, Labor und Sonographie. Es werden fortwährend zusätzliche Bedürfnisse identifiziert und entsprechende Leistungen angeboten und die Arbeitsabläufe verbessert. Erfreulich ist, dass uns die Mitarbeiter/innen treu geblieben sind. Es macht immer eine große Freude, sie wieder zu sehen.

Ambulanz der German Doctors

Im Behandlungszimmer

Ein Medical Officer ist jetzt für die ca. 243 chronischen Fälle (Sichel-Zell-Anämie, Diabetes, Bluthochdrück, Asthma und Epilepsie) verantwortlich, um eine einheitliche Behandlung zu vergewissern. 176 TB-Patienten werden bei uns behandelt, zudem erhalten 2495 HIV-Patienten ARV-Medikamente. 202 haben noch keine ARVs, werden aber engmaschig kontrolliert. Es gibt auch Selbsthilfegruppen für die HIV-Patienten. Neuhinzugekommene Leistung sind eine Zahnärztin, die einmal pro Woche kommt sowie Physiotherapie für Behinderte im Feeding-Programm.

Arbeiten im Slum

Ein Kohleverkäufer im Mathare Valley-Slum

Mathare Valley Slum

Überall wird etwas verkauft

Leider haben sich die Verhältnisse im Slum über die Jahre meines Erachtens kaum verbessert, eher im Gegenteil: Es gibt keine Müllabfuhr. Der Müll wird neben der Straße abgelagert und von Mensch und Tier nach Essbarem durchwühlt. Was übrig bleibt wird abgefackelt. Es gibt keine öffentlichen Toiletten. So trinken die Menschen zu wenig, um sich nicht in der Öffentlichkeit erleichtern zu müssen. Es gibt keine Spielplätze und viele unbeaufsichtigte Kinder. So spielen sie, wo es spannend ist, z.B. auf Baustellen oder abgebrochenen Bauteilen – an einem Vormittag hatte ich beispielsweise zehn Knochenbrüche zu versorgen.

Kind aus Nairobi

Knochenbrüche gehören leider zum Alltag

Und wie ging es mir persönlich? Die neue Unterkunft ist sehr gemütlich und die Köchinnen versorgen uns reichlich mit leckerem Essen. Auch wenn die Arbeit manchmal frustrierend ist, so empfinde ich die Tätigkeit im Slum doch als sinnvoll und erfüllend. Denn es geht in Baraka um Individuen, nicht um die Statistik. Jeder Mensch zählt!

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Als Arzt auf den Philippinen

Ein Bericht von Dr. Horst Eisold über seinen Einsatz in Manila und auf Mindoro/Philippinen

Der Einsatz  der German Doctors auf den Philippinen  in Manila und auf der Insel Mindoro erfolgt vor dem Hintergrund, dass ein großer Teil der ca. 4 Millionen Slumbewohner von Manila und die etwa 200.000 Mangyans, die indigene Bevölkerung der Insel Mindoro, sich keinen Arztbesuch und die damit verbundenen Kosten für Diagnostik und Therapie leisten können Und das obwohl die entsprechenden Fachärzte und Krankenhäuser vorhanden sind – diese müssen aber von den Patienten selbst bezahlt werden. Dieses Geld ist nicht vorhanden, so dass die arme Bevölkerung nicht von der ärztlichen Versorgung erreicht wird. Die Gesundheitssituation auf den Philippinen stellt sich wie folgt dar:

  • Lungenentzündungen, Tuberkulose, Unterernährung  und  Durchfallerkrankungen sind die häufigsten Todesursachen.
  • Jährlich sterben 110.000 Philippinos an Tuberkulose.
  • 000 Säuglinge sterben im ersten Lebensjahr.
  • 000 Kinder sterben vor dem 5. Geburtstag. Meist an Infekten der Atemwege, Durchfallerkrankungen oder Unterernährung (Angaben der WHO).
  • Die Sterblichkeit unter den Kindern der Armen ist dreimal so hoch wie unter den Reichen.

Diese Erkrankungen, die zu den häufigsten Todesursachen führen, können aber besonders gut durch basismedizinische Versorgung behandelt und beherrscht werden.

Sprechzimmer in Manila

Mein Sprechzimmer in Manila

Der Einsatz erfolgt einerseits im Zentrum der German Doctors in Bagong Silang im Health Care Development Center (HCDC) und von dort aus mit der Rolling Clinic in Slumvororten, wobei die Sprechstunde in Kirchen, Schulen, Kindergärten und anderen öffentlichen Einrichtungen erfolgt. Die Patienten sind in der Regel sehr dankbar, dass man sie medizinisch versorgt. Hier sieht man v.a. bakterielle Hauterkrankungen wie Pyodermien, Skabies, Lausbefall, Tinea corporis und  bronchopulmonale Erkrankungen. Der „schlimmste“ Vorort ist Payatas, die Müllkippe  von Manila, wo täglich mehrere tausend Tonnen Müll angeliefert werden, die von den Männern nach Verwertbarem wie Plastik, Glas, Kabel u.ä. durchsucht werde-, so dass sie 1-3-U$ pro Tag verdienen, wovon die Familie ernährt werden muss. In Payatas stinkt es nach Müll und man darf bei dem Einsatz nicht zimperlich sein.

Sprechstunde auf Mindoro

Eines meiner “Sprechzimmer” auf Mindoro

Angenehmer ist der Einsatz auf der etwa 200 km südlich von Manila liegenden Insel Mindoro, wo die German Doctors zwei Einsatzzentren haben, eines im Norden in Calapan und eines im Süden in Mansalay. Von diesen Zentren fährt man mit dem Van in die etwa 42 Dörfer der Mangyans, die die eigentlichen Ureinwohner der Insel sind. Sie lebten früher an den Küsten vom Fischfang, heute aber haben sie sich in die Berge zurückgezogen und leben dort unter nahezu mittelalterlichen Bedingungen, meist ohne Strom und fließend Wasser. Obwohl sie so arm sind, sind sie oft fröhlich und leben im Familienverband in ihren Dörfern, so dass man von der fröhlichen Art viel für sich selbst lernen kann.

Mangyans auf Mindoro

Die Mangyans sind ein fröhliches Volk

Traditionelle Kleidung der Mangyans

Traditionelle Kleidung der Mangyans

Die Fahrt in die Dörfer ist oft malerisch aber anstrengend, denn die Wege sind oft nur Feldwege mit Steinen, so dass man durcheinander geschüttelt wird. Manchmal gibt es auch gar keine Straßen und man fährt in Flussbetten in die Dörfer. Es kommt auch vor, dass man steckenbleibt und dann zu Fuß weitergehen muss.

Als Arzt auf den Philippinen

Täglich sehen wir viele Patienten

Traurig sind oft unterernährte Kinder, die nur aus Haut und Knochen bestehen oder Patienten, die über „Hunger Pain“ klagen. Ein zwölfjähriges tuberkulosekrankes Mädchen war so schwach, dass sie nicht mehr selbst stehen und gehen konnte. Ein dreijähriges Kind hatte eine Anämie mit einem Hb von 2,8 g% und ein 13 Monate altes Mädchen mit Zyanose und einem Systolikum hatte wohl eine Fallotsche Tetralogie. Ein dreijähriger Bub mit einer ausgeprägten Pneumonie wurde mit Sauerstoffgabe versorgt. Ob er es überlebt hat? Leider erfährt man oft nicht, wie es den Patienten weiter ergeht, denn ein einmal besuchtes Dorf wird erst in vier Wochen wieder von einem German-Doctors-Team besucht und da ist man oft schon wieder in Deutschland.

Krankenhaus auf den Philippinen

Im Krankenhaus mus immer ein Angehöriger dabei sein

Was mich auch noch besonders beeindruckt hat, ist, wie fürsorglich die Mangyans ihre Angehörigen im Krankenhaus versorgen, denn die Mahlzeiten z.B. werden nicht vom Krankenhaus geliefert, sondern müssen von den Angehörigen bereitet werden. Ich habe eine Mutter erlebt, die neben ihrem bewusstlosen, schwerkranken Sohn am Kopfende des Sohnes saß und ihm dauernd den Schweiß von Kopf und Körper wischte – ein Bild, das mich tief rührte.

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Vier Wochen im Buda-Hospital

Ein Bericht von Dr. Gerhard Steinmaier über seinen Einsatz auf Mindanao/Philippinen

Vier Wochen im Buda-Hospital liegen hinter mir. Sie haben mir die besondere Art vom Umgang mit Krankheit und Tod gezeigt, wie er von armen Menschen hier in Mindanao gepflegt wird. In unsere Sprechstunde kommen täglich viele Menschen durchaus mit Bagatell-Erkrankungen. Das “Andere” hier ist, dass bei der schlechten Ernährungslage und der damit verbundenen reduzierten Immunabwehr aus vermeintlich banalen Störungen schnell lebensbedrohliche Zustände erwachsen können. So haben wir erlebt, wie Kinder, die wegen Durchfall oder Husten bei Unterernährung stationär aufgenommen und scheinbar schon auf dem Weg der Besserung waren, sich plötzlich akut verschlechterten und einfach starben.

Das “Andere” ist auch, dass ein Patient niemals alleine aufgenommen wird. Eine unerlässliche Bedingung für die stationäre Behandlung ist, dass ein Watcher zur Verfügung steht, d.h. ein Angehöriger (Vater, Mutter, Oma, Ehemann oder -frau, ältere Geschwister oder Söhne/Töchter) muss den Kranken während des Hospitalaufenthalts begleiten und betreuen. Der Watcher kümmert sich um die Körperpflege, sorgt über das Krankenhausessen (kein Mensch in Deutschland würde sich sowas zumuten lassen!!) hinaus für die Ernährung und besorgt z.B. Windeln für die Säuglinge. Er schläft mit seinem Patienten immer im selben Bett, oft ohne Matratze, fast immer ohne Decke.

Kinder auf den Philippinen

Kleine Patienten

Anders ist hier auch, dass die Patienten unsere Sprache und wir Ärzte deren Sprache nicht verstehen. Mit der Sprache verbunden ist es auch schwer bis fast unmöglich, die Kultur des jeweils andern zu verstehen. Mütter sind mit unglaublich großer Geduld ihren Kindern zugewandt, sie tragen die Kleinen bis zum 3. oder 4. Lebensjahr unablässig mit Tüchern an sich selbst festgebunden mit sich herum oder sitzen stundenlang – die Kinder auf dem Schoß – im Bett. Wenn sie nicht wieder schwanger sind, haben ihre Kinder jederzeit und überall Zugriff auf ihre Brust, und die sonst sehr schamhaften Frauen haben überhaupt kein Problem damit, ihre Brust zu entblößen. Dieselben Mütter sehen ganz offenbar in ihrem Zuhause tatenlos dabei zu, wie ihre unterernährten Kinder langsam verhungern. Das ist eine für mich kaum zu verstehende Diskrepanz. Erklärbar wird es nur, wenn man weiß, dass die Familien der Natives oft aus 10 und mehr Kindern bestehen und die Mütter anscheinend nicht wissen, wie sie ihre Kinder ernähren sollen. Solange das breastfeeding noch praktiziert werden kann, geht es noch, aber spätestens wenn die Muttermilch als Ernährung nicht mehr ausreicht, wird es problematisch. Die kleinen Kinder bekommen als Hauptnahrungsmittel Lugaw, das ist mit reichlich Wasser zu Brei zerkochter Reis. Fleisch, Fisch, Ei oder gar Gemüse werden höchstens einmal in der Woche beigemischt. Man muss wissen, dass selbst ein Erwachsener neben 2 Tassen Reis vielleicht 4 kleine Stückchen Fleisch (wie Gulaschwürfel) oder das Kopfende eines kleinen Fischs, manchmal auch ein Ei, als Hauptnahrung bekommt. Schwer verständlich ist in diesem Zusammenhang, dass die Bergbewohner ihre reichlich vorhandenen Hühner gerne verkaufen, um sich mit dem Erlös dann gesalzenen und getrockneten Fisch zu kaufen. Dieser Fisch ist für mich wegen des hohen Salzgehalts ungenießbar. Vielleicht liegt es daran, dass ein geschlachtetes Huhn aufgegessen werden muss, bevor es verdirbt, während ein Salzfisch ohne Weiteres eine ganze Woche und länger hält.

Als Arzt auf den Philippinen

Während der Sprechstunde

Die vergangenen Tage in der Rolling Clinic haben mir viele der Besonderheiten in einem klareren Licht erscheinen lassen. Wir waren im Bezirk Marilog unterwegs, der einen Teil von Nord-Davao ausmacht. Es ist eine landschaftlich überwältigend schöne Gegend, bergig mit tiefen, schroffen Tälern, Flüssen, Urwald, riesigen Bananenplantagen, reich an Blumen, Bäumen, ein grünes, weitgehend unerschlossenes Land. Bewohnt wird diese Gegend von den Manobo, einem Stamm der Ureinwohner Mindanaos. Es sind recht kleine Menschen mit sehr dunkler Hautfarbe, mit schönen, ausdrucksstarken Gesichtern und großen, neugierig blickenden Augen. Sie wurden durch die Siedlungspolitik im vergangenen Jahrhundert durch die “weißen” Filipinos aus ihren ursprünglich bewohnten Gebieten verdrängt und haben sich immer weiter in die Berge zurückgezogen. Sie treiben dort in bescheidenem Umfang Landwirtschaft, leben aber angeblich auch noch in gewissem Umfang als Jäger und Sammler. Es wird immer wieder erzählt, die Menschen seien nicht wirklich sesshaft, sie ziehen in den Bergen umher (“they are roaming around”). Nicht selten findet man verlassene Hütten, die offenbar nicht mehr bewohnt werden.

Ambulanz auf Mindanao

Ambulanz im Freien

Während unserem Aufenthalt in Marilog werden wir vom Barangay-Captain auf seinem Grundstück beherbergt. Das ist durchaus für hiesige Verhältnisse luxuriös. In einem Nebenhaus, das dem Sohn gehört, bekomme ich ein Zimmer mit Bett und Aircondition, im Haus gibt es einen “Comfort room” (Toilette) mit fließendem Wasser, ich kann duschen (allerdings kalt) und es ist durchaus angenehm. Die Frauen meines Teams, Maricel ist midwife (Hebamme) und Kenny (nurse) können die Küche benutzen und kochen Frühstück und Dinner für uns, wobei sich beide nach landestypischer Art nur durch den Kaffee zum Frühstück unterscheiden. Ansonsten gibt es immer Reis, Gemüse, Fisch, Fleisch und Obst. Von dieser Basis brechen wir jeden Morgen gegen 8 Uhr auf und fahren ein Stück am Highway, um dann nach rechts oder links in die Berge abzubiegen. Dort ist es dann mit Asphalt, Teer oder Beton auch bald vorbei und wir werden bei der Fahrt über rocky, rough and muddy roads von unserem alten Toyota mächtig durchgeschüttelt. Mehrfach müssen auch Flüsse überquert werden, zum Glück sind die Regenfälle der letzten Wochen schon wieder abgeflossen, sodass das Auto höchstens bis zum Fahrzeugboden eintaucht. Immer wieder wird der Allradantrieb gebraucht, um steile und matschige Abschnitte zu überwinden. Nach 1 bis 2 Stunden Fahrt (höchstens 30 – 40km Strecke) erreichen wir dann eines der Dörfer, wo wir in der Regel am Basketballplatz unsere Clinic aufbauen können. Einer der Tage hat eine walking-tour vorgesehen, nach Sumilop gibt es keinen für ein Auto zugänglichen Weg. Also wird der Wagen abgestellt, unser ganzes Equipment wird auf 3 Pferde verladen und wir machen uns auf den Weg, ca. 1 Stunde auf schmalen Pfaden bergauf. Immer wieder begegnen oder überholen uns Motorräder, die mit mehreren Menschen und auch mit allen möglichen Frachtgütern beladen auf diesen holprigen Pfaden fahren. Sie sind neben Pferd und Karabau die einzig verfügbaren Verkehrsmittel und ich bewundere den Mut und die Geschicklichkeit der Fahrer, die es schaffen, ohne Sturz die ausgewaschenen Spuren zu nutzen.

Rolling Clinic auf den Philippinen

Untersuchung während der Rolling Clinic

Zur Clinic finden sich dann bald schon die Patienten ein. An 9 Tagen habe ich insgesamt 569 gesehen. Viele davon kommen mit der Klage “cough and cold and runny nose, with fever last night” (ubo, sip-on, calentura) und haben oft nichts Greifbares. Wollen sie vielleicht die “Attraktion” als Abwechslung in ihrem Alltag nutzen, dabei den German Doctor bestaunen? Der Unterschied zum Viernheimer Wartezimmer wäre nicht sehr groß. Immer wieder findet sich aber jemand, der dringend ärztliche Hilfe braucht. 34 Kinder sind unterernährt. Die WHO unterscheidet MAM (moderate acute malnutrition) und SAM (severe acute maltnutrition) Kinder. Als Maß gilt neben dem Gewicht (weight for age) der MUAC (mittlere Oberarmumfang). Die brauchen besonders erhöhte Aufmerksamkeit, wie schon eingangs berichtet. 3 dieser 34 Kinder sind in einem bedrohlich schlechten Zustand, sie haben neben der Unterernährung (die übrigens niemals der Grund für die Vorstellung beim Arzt ist) zweimal Durchfall mit blutigem Stuhl und einmal eine Lungenentzündung. Zwei dieser Kinder nehmen wir samt Watcher am Ende unseres Besuchs im Auto mit und bringen sie nach Buda ins Hospital. Das dritte dieser Kinder müssen wir leider seinem Schicksal überlassen. Es ist 6 Monate alt und wiegt gerade mal 5,1kg. Die Mutter kam mit dem Kind (Durchfall) über 2 Stunden zu Fuß nach Sumilop, hat zu Hause weitere 8 Kinder zurückgelassen und weigert sich auch nach ausführlicher Debatte unter Einbeziehung der örtlichen Healthworker standhaft, mit ihrem Kind nach Buda mit zu kommen. Ich berate sie nochmal ausführlich über die Notwendigkeit einer ausreichenden Ernährung und sie bekommt von uns für 6 Wochen als Nahrungsergänzung zur Muttermilch Nutrimix.

Unterernährung Philippinen

Unterernährung ist ein großes Problem

Oder die junge Frau (18 Jahre alt) die mit Unterstützung durch die “trained hilot” (eine native Heilerin und Hebamme) zu Hause ihr Kind geboren hat. Der Säugling ist 8 Tage alt und wird vom Vater gebracht: ich soll feststellen, ob mit dem Kind alles in Ordnung ist und kann nichts Negatives finden. Erst 2 Stunden später stellt sich die Mutter vor: sie hat 3 Tage nach der Entbindung gemerkt, wie ihr Bauch wieder dicker wird, sie hat auch Schmerzen und Ausfluss. Fieber hat sie auch noch und im rechten Unterbauch kann ich eine derbe Masse tasten. Sie wird samt Kind und Mann auch bei uns aufgeladen und im Hospital bei unserer Gynäkologin abgeliefert.

Unterernährung Mindanao

Hilfe für die Kleinsten

Die Tage in der Rolling Clinic waren sehr interessant, ich habe viel gelernt, die Zusammenarbeit mit meinem Team hat Freude gemacht, und – das soll nicht verschwiegen werden – es ist natürlich auch ein großes Abenteuer. Trotz aller Unzulänglichkeiten, die mit den Einsätzen verbunden sind: Wenig Ausrüstung, Verständigungsschwierigkeiten, langer Abstände zwischen den einzelnen Besuchen (6 Wochen), bin ich doch der Meinung, dass wir einen Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen leisten. Fast wichtiger als unsere unmittelbare ärztliche Tätigkeit scheint mir der Kontakt zu den local healthworkers und den nutrtion-partners zu sein, auch zu den jeweiligen politischen Ortsvorstehern, die alle an unseren Clinic-Terminen anwesend sind und mit denen wir intensiv das Gespräch suchen, um Wege zur Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung zu diskutieren. Ziel muss es sein, nicht als Medikamentenverteiler in die Dörfer zu kommen, sondern dort Strukturen zu unterstützen, die frühzeitige Gegenmaßnahmen bei drohenden Gesundheitsschäden einleiten.

Ein Wort noch zur Herzlichkeit und Freundlichkeit, mit der uns alle immer wieder begegnen. Ich habe mich hier bei allen Widrigkeiten sehr wohl gefühlt und für mich steht schon fast fest: Ich komme wieder.

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