Rolling Clinic Manila – ein Bericht von Einsatzärztin Dr. Katrin Wüppen

Es ist Donnerstagmorgen, eine Gruppe von Menschen jeden Alters sitzt in der Kapelle Sto. Nino in Pangarap bei Manila. Aber heute ist hier kein Gottesdienst, sondern Sprechstunde. Die Kirchenbänke werden einmal in der Woche zur Seite gerückt, um Platz für die Rolling Clinic der German Doctors zu machen.
Bei meinem Eintreffen werde ich vom freundlichen ‚Good morning, doc’ der Patienten empfangen. Das Team ist eingespielt und während routiniert alles vorbereitet wird, beobachte ich die Patienten. Ist vielleicht ein besonders krankes Kind dabei? Wer hat da denn eben so heftig gehustet?

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Sto. Nino Chapel in Pangarap

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Der heutige Arbeitsplatz mit Blick auf den Altar

Dann geht’s los, die meisten Patienten kommen heute mit Atemwegsinfekten. Und während eines der Kinder in der Wartezone laut schreit, draußen der Regen prasselt und direkt neben der Kirche ungeachtet des Regens lautstark Basketball gespielt wird, versuche ich mich auf das Abhören meiner Patientin zu konzentrieren. Das vierjährige Mädchen sitzt auf dem Schoß der Mutter, schaut mich mit großen neugierigen Augen an und vergisst das Atmen dabei. ‚Hinga ng malalim’- ‚tief durchatmen’ gehört zu dem Vokabular, das ich mir schnell angeeignet habe.

Das nächste Kind kommt mit Bauchschmerzen, vor 2 Tagen hat es sich auch übergeben und dabei einen Wurm hochgewürgt. Der Beschreibung der Mutter nach einen Spulwurm. Der Zahnstatus ist desolat, die Läuse auf dem Kopf kann man kaum übersehen. Während ich meine Befunde in der Patientenkarte dokumentiere, nutzt meine Übersetzerin Annie die Zeit, um der Mutter noch ein paar Ratschläge in puncto Hygiene mit auf den Weg zu geben. Dann noch die Frage nach dem Stand der Impfungen und der letzten Vitamin A-Gabe und weiter geht’s mit den Geschwisterkindern, die bislang nur kichernd daneben standen.
Im Laufe des Tages sehe ich noch viele Kinder mit Erkrankungen, die auf mangelnde hygienische Verhältnisse zurückzuführen sind, darunter infizierte Wunden, Durchfallerkrankungen und Skabies.

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Durch ein Tuch werden die Patienten während der Konsultation vor neugierigen Blicken geschützt…

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…aber nicht vor allen

Bei den Erwachsenen reicht das Spektrum heute von einfachen Rückenschmerzen bis zum dringenden Verdacht auf Lungen-Tuberkulose.
Eine 60-jährige Patientin kommt mit einer Erkältung in unsere Sprechstunde. Meine Aufmerksamkeit richtet sich aber schnell auf eine immense Schilddrüsenvergrößerung von der Größe zweier Tennisbälle. Die Patientin gibt an, dass sie beim letzten Arztbesuch eine Operation der Schilddrüse angeraten bekommen hätte. Wann das gewesen wäre? 1997. Ich weiß kurz nicht was ich sagen soll und überlege, wie man ein derartiges Wachstum am Hals so lange tolerieren kann. Was sie wohl davon abgehalten hat, sich darum zu kümmern? Naja, sowohl ihr Vater als auch ihr Ehemann und Sohn waren in diesem Zeitraum im Gefängnis, ihr Sohn ist es immer noch. Außerdem hat sie Angst bei einer Operation zu versterben, was dann aus ihrer Familie werden sollte? Während die Patientin alles erzählt, beobachte ich ihre zitternden Finger, die nervöse Art zu sprechen und werfe einen kurzen Blick auf das Gewicht in der Patientenkarte. Nur 28 Kilo! Über Gesundheit und Krankheit entscheiden hier so viele unterschiedliche Faktoren, dass ich kurz ins Grübeln komme, inwieweit wir die Probleme unserer Patienten mit unserer Arbeit überhaupt beeinflussen können. Doch da reißt mich die Patientin aus meinen Gedanken indem sie mich anlächelt und voller Überzeugung sagt ‚Thank you doc helping me’.

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Zur Rolling Clinic gehört auch immer eine ‚lecture’ für die Patienten,
heute geht es um die Themen Ernährung und Verhütung

Aufgeschrieben von Dr. Katrin Wüppen

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Bald geht es los – der Bericht einer Ärztin vor ihrem Einsatz

Die Zeit die rast und rennt. Vier Wochen noch.

Zutiefst beeindruckt von den Leitlinien und dem Aufbau der German Doctors und vom selbstlosen Engagement vieler, vieler Ärzte und Helfer in der 30-jährigen Geschichte, fällt es leicht unsere bequeme Welt ein Weilchen zu verlassen. Sechs Wochen sind eine überschaubare Zeit, die sich gut organisieren lässt.

Es ist einfach bemerkenswert, wie gut strukturiert und professionell die ganze Vorbereitung bei den German Doctors läuft. Seit zwei Monaten habe ich das Ticket in der Tasche. Als nächstes dann kamen von der Projektleitung ausführliche Projektinformationen, sodass auch die Organisation des Visums schnell und unproblematisch zur rechten Zeit gelang. Die notwendigen Impfungen waren ebenso rasch erledigt. Es bleibt eine kleine Unsicherheit: “Bleib ich gesund?” Dazwischen viele eigene Fragen und Fragen der Familie und von Freunden: “Was treibt dich an, warum , warum??”  Kopfschütteln und Bewunderung und viel viel Unterstützung….

In den Armutsgebieten dieser Erde leben Millionen Menschen ohne Zugang zu medizinischer Versorgung und haben oft weniger als das Notwendigste zum Leben zur Verfügung. Ein Kindergesicht, das wieder lachen kann, ein Familienvater der sich wieder kümmern kann, eine Mutter, die wieder Kräfte hat… Oft bedarf es nur kleiner medizinischer Hilfe, einem Menschen wieder seinen Lebensweg zu öffnen.

Hilfe, die bleibt – was kann im Leben kreativer spannender und sinnvoller sein?

Das reicht doch eigentlich als Argument, oder ?

Dann ein langer liebevoller sehr durchdachter Brief von Dr. Pinky Nocete, Koordinatorin und Ärztin des Projektes in Manila, für das ich eingeteilt bin, die detailgenau die örtliche Planung mitteilt. Schon weiß ich genau, wie der Fahrer heißt, wer mein Übersetzer sein wird und alles beginnt vertrauter zu werden. Einen Regenschirm soll ich mitbringen und trotz tropischer Hitze einen Pullover. Darum macht sich jemand Gedanken? Ich fühle mich sofort auch persönlich wohl behütet.

Am Wochenende dann noch das Projektseminar „Klinische Arbeit am Patienten“. Ich erfahre Interessantes zur Tuberkulose, erlebe einen bildhaften Ausflug in die Welt der Dermatologie und höre Wesentliches zu den wichtigsten Infektionskrankheiten. All dies ließen das allerbeste Sommerwetter in Bonn für dieses Wochenende vergessen, Gespräche mit “alten Hasen” (so nennt die Organisation erfahrene Einsatzärzte, die den Neulingen als Ansprechpartner zur Verfügung stehen) und Kennern der Einsatzortes beantworteten die letzten Fragen.

Es ist besser ein kleines Licht zu entfachen, als die Dunkelheit zu verfluchen

Bald geht es los ….

Aufgeschrieben von Einsatzärztin Dr. Christine Heins

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Eindrücke aus Nairobi

Aufgeschrieben von unserer Einsatzärztin Barbara Haider

In Mathare hat der Citycouncil von Nairobi anscheinend Größeres vor. Seit Tagen werden Hütten abgebaut und heute waren Arbeiter mit Spitzhacke und bloßen Händen dabei, ehemals existierende und seit Jahren verstopfte Gräben beidseits der Straße auszuheben. Straßenverbreiterung? Eine stinkende Mischung aus Müll, Abwässern und Dreck. Daneben sitzen die Frauen und backen Maandazi oder Chapati, oder noch schlimmer, verkaufen Tomaten und anderes roh zu Verzehrendes. Parallel haben wir eine Studie über Leptospirose diskutiert, von Rattenurin übertragen, eine oft schwer verlaufende Erkrankung mit Hepatitis. Jede 4. Ratte ist infiziert und Rattengift kann man bei der Enge und der Masse der Kinder hier nicht guten Gewissens auslegen. Und Ratten gibt es unglaublich viele. This is Africa. Der alte Semmelweiß hatte in Wien vor langer Zeit die Idee, dass Kindbettfieber irgendwie übertragen würde. Er kannte kein Agens, keine Bakterien, aber erfand die hygienische Händewaschung. Davon sind wir hier noch Jahrhunderte entfernt. Siehe diese Bilder.

Frauen bereiten mitten im Slum Essen zum Verkauf zu Verkäuferin mit ihrem Kind

Apropos Krankheiten verschleppen: eine Frau, etwa Mitte 50, seit einem Jahr immer wieder in ärztlicher Behandlung wegen einer Schwellung im rechten Oberbauch. Sie bekommt seit einem Jahr !!! Amoxicillin, ein Antibiotikum, sowie Omeprazol, gegen Magensäure.Die Diagnose des kenianischen Kollegen  ist: GAS im Darm, d.h. Blähungen.
Ich kann einen ca. 6×6 cm großen Tumor tasten und im Ultraschall sehen, ein Koloncarcinom der rechten Flexur? Sie hat Blut im Stuhl, hat 25 kg abgenommen und ist total anämisch, die Leber sieht noch gut aus. Als ich ihr erkläre, sie müsse zur Darmspiegelung, müsse mit einer OP rechnen und dass es wahrscheinlich ein Tumor sei, bedankt sie sich und ist so erleichtert, dass es nun amtlich ist, dass sie krank ist.

Und dann kam noch eine alte faltige KIKUYU- Frau. Das ist hier einer von den 40 Tribes. Die Frau konnte kein Kiswahili und auch kein Englisch. Wir mussten die entsprechende Übersetzerin (Elisa-) Beth holen. Die Leute kommen von weit her aus dem ganzen Land, um hier bei uns behandelt zu werden. Als ich ihr mittels Übersetzerin erklärte, dass ihr Blut gesund sei, sie keinen Zucker etc. hat, freute sie sich und spuckte sich in ihre Bluse in die Herzgegend. Das bedeutet: God bless you auf Kikuyu.

Das hat mich gefreut. Ich bin hier ziemlich oft gesegnet worden, die meisten Leute sind total dankbar, wenn man sich ein bisschen kümmert.

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Ein Massenanfall von Verletzten in Buda

Ein Bericht von Einsatzarzt Dr. Gehre aus Mindanao.

Der 25. Mai sollte eigentlich, trotz Dienstes, ein erholsamer Sonntag werden.

Die Vormittagsstationsarbeit war zwar reichlich, aber schaffbar gewesen und ich hatte – bei enormer Mittagsschwüle, gerade geduscht, als ich von einer Schwester zu unserer Gynäkologin in den Kreissaal zur Hilfe gerufen wurde. Ich war immer noch spärlichst bekleidet, als sie schon wieder kam und “Emergency, emergency!” rief und ich draufhin – buchstäblich im Laufen noch die Hose hochziehend – losflitzte.
Im Kreissaal blutete eine Frau heftig aus einem Gebärmutterhalsriss. Inzwischen zum Hilfsanästhesisten aufgestiegen, rief ich einer Hebamme die Narkosemitteldosierungen zu und werkelte dann zusammen mit der Gynäkologin über eine Stunde lang schweissüberströmt. Schließlich war die Blutung bis auf weiteres gestillt.

Hätt´schlimmer kommen können, dachte ich und freute mich auf eine Atempause.
Aber ich wurde direkt in den Notaufnahmeraum gelotst und es kam schlimmer:
nicht nur ein schmerzgeplagter Durchfall und ein Kind mit Kopfplatzwunde warteten schon auf mich, sondern auch ein verunglückter Motorradfahrer – es hatte mittlerweile heftig angefangen zu regnen. Er hatte außer vielen Fleischwunden ein völlig schiefes Gesicht infolge einer Le-Fort-Fraktur samt eines grotesk dislozierten Nasenbeins und einer Brustkorbquetschung.

Auch das noch, dachte ich und wollte nach Erstversorgung mit Infusion und Schmerzbehandlung gerade mit dem Nähen der Wunden beginnen – da aber kam’s noch mal schlimmer:

Denn just in diesem Moment fuhren laut hupend ein Jeepney und ein Klein-Lkw auf den Hof und entluden auf Tragetüchern einen Verletzten nach dem anderen: 26 (!!) Verletzte zählten wir später zusammen.
Im Behördensprech der deutschen Feuerwehr nennt man das “ManV” – einen “Massenanfall von Verletzten”, bei dem üblicherweise ein leitender Notarzt eingeflogen und die ganze Rettungskette in Gang gesetzt wird.
Wir durften das hier alleine managen.  Kriegsähnliche Bilder spielten sich binnen Minuten ab mit lauter auf der Erde oder auf Tragen und Bänken abgelegten Verletzten, schreienden Kindern und stöhnenden oder bewusstlosen Erwachsenen.

Drei Tote hatte es gleich an der Unfallstelle gegeben: ein mit Menschen voll beladener Lkw war beim Sturzregen eine tiefe Böschung herabgestürzt.

Schon die mit mir diensthabende junge Schwester erbrachte aus dem Stegreif Höchstleistungen - absolut überwältigend war jedoch, dass aus dem Nichts heraus binnen weniger Minuten nicht nur die gynäkologische und die pädiatrische Kollegin zum Helfen auftauchten, sondern vor Allem von überall her plötzlich Freiwillige erschienen:  lauter eigentlich dienstfrei habende Schwestern, Pfleger und Hebammen unseres Teams!!

Unter unseren Patienten waren acht Schwerstverletzte, die erste drohte sogleich zu versterben und hat nur ganz gegen unsere Erwartung schließlich doch überlebt. Anderthalb Stunden haben wir gewirbelt, bis die Triage durchgeführt und ein erster Überblick gewonnen werden konnte.

Mit diesem auf wunderbare Weise und unversehens entstandenen Großteam konnten die medikamentöse Notversorgung und Schmerztherapie eingeleitet werden (ein halber Monatsverbrauch allein an Ketanest dürfte allemal draufgegangen sein), größere Blutungen gestillt und Knochenbrüche mit Pappprovisorien geschient werden.  Drei sehr schwer Verletzte legten wir so eng auf der Ladefläche unseres Geländewagens zusammen, dass sie auf der schlechten Straße nicht mehr hin- und herfallen konnten und schickten sie eilig los.

Wir sichteten die leichter Verletzten weiter und nähten die größeren Wunden, um Transportfähigkeit herzustellen.
Nach mehr als drei Stunden(!) waren dann die Ambulanzautos und ein großer (hochmoderner!) Lazarettbus aus Davao eingetroffen, plötzlich flackerte ganz viel Blaulicht. Bis alle Patienten verladen und transportfähig waren, verging noch mal eine Menge Zeit.
Aber um es vorwegzunehmen: Alle unsere Patienten sind in der Uniklinik von Davao angekommen und alle haben überlebt.

Aber die Diagnoseliste ist stattlich: drei Kreislaufschocks,  eine extrem blutende Kopfwunde mit Schädelfrakturverdacht, 3 Humerusfrakturen, eine offenen und zwei geschlossene Femurfrakturen, ein offener Mittelhandbruch,  1 Unterschenkelfraktur, einem Schlüsselbein-, einem Jochbeinbruch, zwei, drei Rippenbrüche und mehrere Rückenverletzte mit mindestens einem Wirbelbruch samt beginnenden Querschnitt sowie viele, viele Schnitt- und Platzwunden, Prellungen, Stauchungen etc.

Noch eine Stunde, nachdem alle Patienten abgefahren waren, war auch das Fernsehen in Buda eingetroffen…
Außer dem noch blutverschmierten Notfallraum haben sie wohl nicht mehr so viele Motive gefunden und nahmen daher mit mir vorlieb: ich wurde von einer Reporterin interviewt und so sind – zur ziemlichen Aufregung aller Beteiligten –  unser German Doctors-Krankenhaus und Buda selbst erstmalig in den nationalen philippinischen Nachrichten erschienen!

Dr. Rolf Gehre im TV

Und wie unheimlich froh wir sind, dass alles hingehauen und alle Patienten überlebt haben, braucht nicht gesagt zu werden, oder?

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Nachdenkliches zum Einsatz in Kalkutta (Oktober bis Dezember 2013) von Ursula Klohoker

Nach knapp 20 Jahren war ich 2013 erneut im Projekteinsatz, wieder in Kalkutta. So manches hat sich zu damals verändert, z. B. die Unterkunft.
In meinen ersten Tagen kam eine für mich fremde Mitarbeiterin auf mich zu und sagte: “Sie waren schon mal hier nicht wahr?” -“Nein”, sagte ich, “an diesem Standort war ich noch nie.”
“Aber ihr Gesicht kommt mir ziemlich bekannt vor”, insistierte sie. Ich erklärte dann, daß ich vor knapp 20 Jahren schonmal in Shibpur war. So nach und nach stellte sich dann heraus, daß diese Frau damals schon dabei war und wir dann gemeinsame Erinnerungen auffrischten und austauschten…

Eine Schwester von der Kinderstation kam ebenfalls eines Morgens auf mich zu und sagte: “Ich kenne Sie. Sie haben mir vor vielen Jahren ein T-Shirt zum Abschied geschenkt – das habe ich heute noch !!!!” – Wir lachten daraufhin sehr herzlich. Ich hätte sie nicht wiedererkannt.

Was mir dabei klar wurde: WIR HINTERLASSEN SPUREN BEI DEN MENSCHEN. SPUREN, DIE OFT DIE ZEIT ÜBERDAUERN, DIE BLEIBEN.

My beautiful picture

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Mohammed

Als ich im gerade im Projekt angekommen war und von der Kollegin die Stationsübergabe erhielt, war Mohammed bereits seit einigen Wochen stationär. Der knapp 30-Jährige hatte im Rahmen einer Typhuserkrankung eine Darmperforation mit generalisierter Bauchfellentzündung erlitten und erholte sich nur langsam. Bis auf 35 kg hinunter war er abgemagert und kaum in der Lage, sich selbstständig im Bett aufzusetzen. Jetzt geht es ihm besser, die Drainage kann endlich gezogen werden, die noch offenen Wunden im Bereich der Bauchdecke heilen gut. Wir überlegen uns, welche Möglichkeiten es gibt, seinen etwas ärmlichen Speisezettel zu erweitern. Seine junge Frau, die das gerade geborene Baby auf dem Rücken trägt, kocht und sorgt für ihn. Aber viel mehr als Reis mit etwas Soße ist ihnen nicht möglich zu finanzieren. Eine Kollegin schlägt vor aus Bo einige Packungen Aufbaunahrung mitbringen zu lassen, da die im Krankenhaus auch nicht immer vorhandenen Varianten nur für mangelernährte Kinder verwendet werden dürfen. Bei der nächsten Gelegenheit werden einige Beutel mitgebracht, die dankbar von der kleinen Familie in Empfang genommen werden. Den beiden wird erklärt, wie die Nahrung zubereitet werden muss. Sauberes heißes Wasser ist verfügbar. Die Tage vergehen, der Patient nimmt nicht an Gewicht zu. “Du musst jeden Tag kontrollieren, wie viel noch im Beutel ist und ob sie auch wirklich den Brei angerührt haben”, sagt die Kollegin. Erwachsenen Menschen ein solches Maß an Kontrolle zuzumuten, widerstrebt mir. Ich meine, dem Patient auf diese Weise ein Stück seiner Würde zu nehmen. “Du hast recht”, sagt die Kollegin, “es fühlt sich an wie eine andere Form von Kolonialismus. Aber wie können wir es schaffen, dass Mohammed zunimmt?” Bei der nächsten Visite sprechen wir erneut mit dem Patient und seiner Frau darüber. Wir fragen sie, ob es denn ein Problem gebe in der Zubereitung, oder ob es nicht schmecke. Dreimal am Tag einen faden Brei zu essen, wenn man sowieso geschwächt ist und keinen Appetit hat, kann schwierig sein. Es wäre gut, ein wenig Zucker dazu zu haben, räumt der Patient vorsichtig ein. “Zucker ist nicht teuer”, denke ich. “Verstehen sie nicht, dass die Zukunft ihrer kleinen Familie daran hängt, ob Mohammed wieder Kraft bekommt, um für sie sorgen zu können?” Vielleicht ist es Ungeduld, vielleicht taktisch unklug, aber wir besorgen eine Portion Zucker für den Patient. Und dann ist tatsächlich täglich eine Gewichtszunahme zu sehen. Mohammed wird kräftiger, kann sich selbständig aufrichten, geht nun auch nach draußen für kleine Spaziergänge. Und endlich können wir ihn entlassen; Alle Wunden sind geheilt, der Patient hat 7 kg zugenommen. War es wirklich nur der Zucker, der fehlte? Auf jeden Fall ist es festlich, mitzuerleben, wenn ein vormals schwer kranker Patient nicht nur an Gewicht, sondern auch wieder an Lebendigkeit zunimmt. Es sagt sich leicht, sie werden doch wohl noch ein wenig Zucker besorgen können. Das Ausmaß an Armut ist oft nicht vorstellbar.

Von Dr. Sabine Waldmann-Brun, die zuletzt in Sierra Leone im Einsatz war.

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Bücher und andere Spenden

Die amerikanische Organisation „Books for Africa“ hat einen Container geschickt. Dieser rostet bereits seit einiger Zeit auf einer Wiese im Eingangsbereich der Klinik vor sich hin. Wer hat bloß den Schlüssel? Diese Frage wartet schon lange auf Beantwortung. Endlich kümmert die Kinderärztin sich an einem freien Nachmittag darum, dass der Krankenhaustechniker das Schloss knackt. Zum Vorschein kommen bis unter die Decke des Containers gestapelte Kisten mit englischsprachigen Büchern aller Arten. Schul- und Märchenbücher, medizinische Fachbücher, Krimis, Frauenromane, Esoterik, Religion – von allem gibt es etwas, und die Begeisterung ist groß! Da es weit und breit keinen Buchladen in Serabu gibt, sind Bücher eine Kostbarkeit. Der Ambulanzfahrer des Krankenhauses wird angeheuert, die Kisten auf dem Gelände zu verteilen. Auch die chirurgische Männerstation erhält zwei Kisten mit Krimis und Romanen, die bei den Patienten und dem Personal reißenden Absatz finden; Lange Schlangen bilden sich vor dem Dienstzimmer, jeder möchte ein Buch haben, und sicherlich auch Diejenigen, die kaum lesen können. Während ein verletzter Motorrad-Taxifahrer einen Frauenroman liest, der in den amerikanischen Südstaaten spielt, steckt der Stationspfleger die Nase in einen speckigen Highschool-Krimi mit dem Titel „ Murder in Fear Street“. Eine der Schwestern durchforstet die Kisten nach einer englischen Bibel. Ein Comic über Abraham und Isaak ist das einzige, was sie findet. Ein bisschen mehr Qualität wäre zuweilen schön. Und trotz der allgemeinen Freude über die Bücher kann man nicht ganz darüber hinwegsehen, dass es sich bei den meisten um den Abfall einer fernen, reichen Welt handelt. Aber einige wenige der Bücherspender haben auch ihr Bestes gegeben. So findet sich zum Beispiel ein Stapel von zehn neuen, vierfarbig bebilderten Anatomiebüchern, die an die Studenten und CHO‘s verteilt werden. Juwelen wie diese sind jedoch selten.

2014_02_Kinder mit Büchern

Die Kinderstation erhält einige Kisten mit Bilderbüchern und sogar die Schwestern blättern begeistert durch die bunten Seiten, auch wenn das, was sich darauf abgebildet findet, zuweilen weit weg von der afrikanischen Realität ist: Tiere, die kein Dorfbewohner je gesehen hat, Gemüse und Früchte, die hier nicht wachsen und Lebensumstände, die von Nordamerika erzählen, aber in Serabu völlig fremd sind. Aber all das macht gar nichts. Es wird gelacht und gerätselt und gezeigt und die Bücher sorgen für große Freude. Die Kinderärztin richtet einige Regale ein und sorgt dafür, dass ihre kleinen Patienten jeweils für einige Tage ein Buch mitnehmen und dann gegen ein neues umtauschen können. Es gibt dabei einen deutlichen Schwund, und man fragt sich, was wohl aus den Büchern geworden ist. Ob sie irgendwo auf dem Markt auftauchen werden? Auch außerhalb des Krankenhausgeländes kann man nun Menschen beim Lesen entdecken. Im Einkaufslädchen wird ein Bilderbuch über die Länder der Welt gesichtet, beim Schneider liegt ein Lesebuch für die fünfte Klasse neben einem Stapel mit bunten Stoffen. Aus den Kisten mit Kinderbüchern hat die Ärztin einige aussortiert, zu alte, ihr nicht schön genug erscheinende, wenig ansprechende Bücher, die jetzt in Kisten liegen, die entsorgt werden sollen. Aber auch diese Bücher werden von den Helfern, die sie auf den Müll bringen sollen, mitnichten entsorgt. Immer wieder entdeckt man Grüppchen von Kindern, die kleine Bücherstapel auf dem Kopf balancierend, in Richtung Ausgang wandern.

Von Dr. Sabine Waldmann-Brun, die zuletzt in Sierra Leone im Einsatz war.

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