Eine dicke Backe

Ein Bericht von Einsatzärztin Dr. Brigitte Mutschler

„Eigentlich nichts besonderes; Ein bisschen kühlen, vielleicht ein Antibiotikum, dann wird’s schon wieder.
Nicht so bei Regina, einer 25-jährigen Frau aus der weiteren Umgebung von Serabu. Als sie zu uns kam, war die rechte Gesichtshälfte schon so sehr angeschwollen, dass sie den Mund nicht mehr öffnen, weder essen noch trinken noch sprechen konnte. Sie wurde auf unsere Frauenstation aufgenommen, erhielt täglich intravenös Antibiotika und zwar die besten, die wir zur Verfügung haben. Aber die Schwellung nahm weiter zu, so dass unser chirurgischer Kollege mit zwei operativen Einschnitten Entlastung schaffen musste. Der Eiter floss in Strömen. Diese Ströme ließen nur sehr allmählich während der folgenden zwei Wochen nach. In dieser Zeit wurden täglich Spülungen und Verbandswechsel durchgeführt. Die Grimassen, die Regina bei diesen Prozeduren schnitt, ließen mich ahnen, wie schmerzhaft das war. Glücklich waren wir alle über die rückläufige Schwellung, die wiederkehrende Fähigkeit den Mund zu öffnen, zu sprechen, zu trinken und zu essen. Es wurde möglich die Ursache für die ausgeprägte Entzündung zu sichten: ein Stummel von Zahn – sehr schmerzhaft. Der musste entfernt werden. “Mach das aber bitte so, dass sie mir bei der Zahnextraktion nicht auf die Finger beißt” – die Bitte des Chirurgen. Der Zahn entfernt, die Schwellung – wie auf dem Bild zu sehen – fast völlig abgeklungen. Am Tag meiner Abreise aus Serabu konnte ich den Entlassungsschein für Regina ausstellen. Die noch erforderlichen, nur gelegentlichen, Verbandswechsel sollten wohnortnah durchgeführt werden.“

2014_Brigitte Mutschler_Mutschler und Regina
Dr. Brigitte Mutschler und Regina, noch mit dickem Verband!

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Gedanken nach dem Einsatz – von Gabriele Büschel

„Ich komme nach Hause und bei den kleinen alltäglichen und mir selbstverständlichen Verrichtungen schießen Bilder aus Kalkutta in meinen Kopf. Die wahrgenommen und noch nicht verarbeiteten Eindrücke suchen ein Ventil.

Ich stelle mein Gepäck im Arbeitszimmer ab; Auf diesen 12 Quadratmetern muss Faruk mit seiner 6-köpfigen Familie und den Eltern leben.
2014_Ingrid Büschel_Indien_beengtes Wohnen

Ich trinke unbesorgt Leitungswasser, mit dem ich auch meine Toilette spüle; Nurfatima muss eimerweise das Wasser mit mangelnder Qualität von öffentlichen Wasserstellen heranschleppen und Asma wäscht die Wäsche im schmutzigen Kanal der zum Fluss Hoogly führt.
2014_Ingrid Büschel_Inder an öffentlichen Wasserstellen

Ich esse wieder in der angebotenen Vielfalt; Nissa kocht Reis und Dal, es gibt selten Ei und noch seltener Fisch oder Fleisch – ab und zu gibt es billige Chips.
2014_Ingrid Büschel_Indien_kochen und wohnen in einem Raum

Meine Mutter hatte eine Schulterluxation. Dank schneller Hilfe und guter Physiotherapie schwimmt sie wieder; Anwar hatte einen Unfall mit Beinverlust, eine staatliche soziale Absicherung gibt es nicht. Wenn er Glück hat, ernährt ihn der Bruder.

Meine Arbeit ist vertraglich gesichert und bereitet mir Freude; Munna bringt als Tagelöhner manchmal nicht einmal die Rupien für den täglichen Reis nach Hause…“
2014_Ingrid Büschel_schwere Arbeit für wenig Geld verrrichten_auf dem Bau
Einsatzärztin Gabriele Büschel

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Chirurgie in Serabu – ein Bericht von Dr. Sabine Waldmann-Brun

Ein nächtlicher Notfall
Die Nacht ist dunkel, abgesehen von dem prachtvollen Sternenhimmel und dem Blinken der zahlreichen Glühwürmchen. Von der Männerstation hat die Nachtschwester gerufen, eine Neuaufnahme erbreche Blut. Also macht sich die Ärztin mit der Taschenlampe – von Glühwürmchen umschwirrt – auf den Weg durch das weitläufige Krankenhausgelände und hofft, keine Schlange auf dem steinigen Weg zu übersehen.
Auf der Station ist es ebenfalls weitgehend dunkel, die Nachtbeleuchtung bringt nicht mehr als ca. 10 Watt, der Vorrat an Solarenergie ist kostbar. Aber die vier Söhne, die ihren 96-jährigen Vater inzwischen im letzten Bett ganz hinten links im 14-Betten Saal verstaut haben, sind mit guten Taschenlampen ausgerüstet. Der neue Patient, ein vom Wetter gegerbter, weißbärtiger Mann von schlanker Statur, wird beleuchtet, damit er untersucht werden kann. Das Bett hat ca. 40 cm Höhe, von oben verfängt sich die nützliche Wolke des zusammengebundenen Moskitonetzes in den Haaren der Ärztin. Sechs Personen sind außer ihr noch um das Bett versammelt. Die Nachtschwester hat gute Vorarbeit geleistet und bereits die Vitalparameter erhoben. Der Blutdruck ist ein bisschen niedrig. Wo hat es geblutet? Aus der Nase? Ja, da sind noch Spuren. Der Bauch ist völlig unauffällig, nicht einmal druckschmerzhaft. Das spricht nicht für eine Magenblutung, freut sich die Ärztin. Aber der Patient habe reichlich Blut erbrochen, beteuern die Söhne. Um auf der sicheren Seite zu sein, denkt sich die Ärztin, wäre ein Blutbild und die Bestimmung der Blutgruppe sinnvoll. Viele der Patienten leiden an Blutarmut und haben abenteuerlich niedrige Hämoglobinwerte, da kann eine Blutung schon mal gefährlich werden. Der Bereitschaftsdienst des Labors ist telefonisch erreichbar, im Hintergrund erklingt flotte Musik. Er verspricht, sofort zu kommen. Der Patient selbst ist jetzt müde und möchte seine Ruhe haben. Es sei schon viel besser.
Der Laborant, festlich gekleidet im bodenlangen, bestickten Gewand in Mokkabraun, hat sich kurzzeitig von einem Fest verabschiedet und ist herbeigeeilt. Die Blutwerte sind für afrikanische Verhältnisse akzeptabel. Der Patient ist stabil, hat einen venösen Zugang und bedankt sich fürs Erste. Er möchte jetzt schlafen. Die Nachtschwester bekommt Besuch von ihrer Babysitterin, die etwas zu Essen vorbeibringt. Die Ärztin begibt sich, von Glühwürmchen umleuchtet, auf den Heimweg ins Doktorhaus.

2014_02_Station
Die Patienten-Säle sind sehr viel größer wie wir es in Deutschland gewohnt sind.

Fatou
Das Mädchen ist gerade 15 Monate alt. Die Mutter bringt ihr Kind, weil es jammert und nicht mehr essen mag. Am linken Oberschenkel und rechten Knie ist eine Schwellung aufgefallen. Die Kinderärztin testet positiv auf Malaria, ordnet die nötigen Medikamente an und ein Antibiotikum. Was sagt die Chirurgin zu den Schwellungen? Diese erinnern sich an andere Schwellungen bei Kindern im Rahmen einer eitrigen Entzündung des Muskelgewebes, sie sieht im Ultraschall jedoch keine Flüssigkeitsansammlung und rät, unter engmaschiger Kontrolle zunächst die Wirkung der Medikamente abzuwarten. Wird das Kind unter Antibiotikum und Malariamitteln fieberfrei, würde sie auf eine Punktion der Schwellungen verzichten wollen. Dies ist tatsächlich am nächsten Tag der Fall, es scheint eine Besserung eingetreten zu sein. Noch am selben Tag sind die Eltern mit dem Kind verschwunden. Auf dem Markt? Nach Hause gegangen? Niemand weiß es. Die Medikamente können nicht gegeben werden. Die Kinderärztin ist ärgerlich, die Chirurgin wenig erfreut.
Am nächsten Tag ist die kleine Familie wieder da. Das Kind ist blass, hat hohes Fieber und ist in deutlich schlechterem Zustand als bei der Erstvorstellung. Die Schwellungen haben zugenommen. Sofort werden die Medikamente wiedergegeben, das Kind erhält Sauerstoff. Die Chirurgin schlägt eine sofortige Probepunktion im OP vor, dabei zeigt sich lediglich schlecht durchblutetes Muskelgewebe, aber kein Eiter. Das Kind ringt um sein Leben, die Eltern sind erschüttert. Ratlos schauen die dunklen Gesichter im Halbdunkel der Neugeborenenstation wo Fatou liegt, da nur hier auf Dauer Sauerstoff zu haben ist.
Die Kinderärztin wälzt Bücher. Selten gibt es eine virale Muskelentzündung ohne Eiter zum Beispiel durch Coxsackie-Viren, so in einem amerikanischen Lehrbuch beschrieben. Weitere Diagnostik ist nicht möglich, auch keine Therapie. Die Eltern währenddessen verstehen nicht, dass im OP lediglich zur Probe punktiert wurde, sie sehen nur einen Verband. Wurde da etwas herausgenommen? Wieso geht es jetzt dem Kind so schlecht? Vorher sei es doch noch besser gewesen? Was haben die Ärzte mit dem Kind gemacht?
Das Kind stirbt. Die Kinderärztin zeigt den Eltern das unversehrte Kind ohne Verbände. Sie müssen mit eigenen Augen sehen, dass im OP nichts gemacht wurde, das den Tod verursacht hat. Hätte die Geschichte anders ausgehen können? Warum sind die Eltern nach einem Behandlungstag bereits gegangen? Wäre die Malaria durchgehend behandelt worden, hätten dann bessere Abwehrkräfte bestanden? Es geht nicht um Schuld. Es gibt nicht auf alles eine Antwort. Die Eltern nehmen das tote Kind mit nach Hause.

Der Buschkuhmann
Unruhe auf der Männerstation, ein Grüppchen Menschen beugt sich über ein Bett. Ein alter Mann ist gebracht worden, der versucht hatte, eine Buschkuh bei den Hörnern zu packen. Diese stieß ihm daraufhin die Hörner in den Bauch. Von außen sind nur zwei kleine Stichkanäle zu sehen. Aber der Mann ist nicht mehr bei Bewusstsein, der Blutdruck nicht messbar. Die Chirurgin legt schnellstens einen i.v. Zugang und unter Infusion im Schuß wird der Patient in den OP gefahren, wo bereits die Narkoseärztin mit ihrem Auszubildenden und die OP-Schwestern das Nötigste vorbereiten. Während der Operation zeigt sich, dass der Darm an zwei Stellen verletzt ist, Stuhl läuft in die Bauchhöhle, ein Gefäß ist eingerissen, von der hinteren Bauchhöhle her breitet sich gedeckt ein großer Bluterguss aus. Während der Operation wird die Blutung im vorderen Bauchraum gestillt, der Darm geflickt, alle Organe auf Verletzung kontrolliert, die Bauchhöhle gespült. Der von hinten sich ausbreitende Bluterguss nimmt so stark zu, dass kein Verschluss der Bauchhöhle mittels Naht möglich ist. Die Chirurgin hofft, dass bei steigendem Druck im Retroperitoneum die Blutung zum Stillstand kommt und entschließt sich für einen temporären halboffenen Verschluss mithilfe eines feuchten Bauchtuchs und Plastiküberdeckung. Hierzu muss ein großes Kunststoffnetz herhalten, das sich unter den immer wieder eintreffenden Materialspenden findet. Die Narkoseärztin hat inzwischen zwei Blutkonserven gegeben und will erst einmal auf weitere Gaben verzichten. Blut ist kostbar. Die Angehörigen werden informiert, dass es fraglich ist, ob der Patient die Nacht überleben wird. Sie sind nicht überrascht. Eine der beiden Ehefrauen weint.
Am nächsten Morgen ist der Patient wach und bittet um etwas zu trinken. Er erhält, nachdem zwei Angehörige gespendet haben, eine weitere Transfusion. Der Blutdruck ist passabel. Das ganze Hospital spricht von dem Buschkuhmann. Verschiedene Geschichten über das Ereignis kursieren. Die einen sagen, das Tier sei von außen in den Garten eingedrungen und habe den Mann bedrängt. Eine andere Fraktion kritisiert, in diesem Alter müsse man eben nicht mehr eine Kuh bei den Hörnern packen, der Alte habe sich überschätzt. Am Fenster drücken sich Kinder die Nasen platt, um einen Blick auf den Mann zu erhaschen. Schwestern von anderen Stationen kommen ganz zufällig vorbei und laufen mal eben über die Station an dem Bett vorbei, wo der Patient liegt. Alle wollen einen Blick auf den Mann werfen, der von einer Kuh so schwer verletzt wurde, dass man den Bauch nicht mehr zunähen konnte.
Zwei Tage später, nachdem der Patient Stuhlgang hatte, kann der Darm wieder in der Bauchhöhle untergebracht werden. Die Chirurgin hofft, dass die Naht, auf der noch reichlich Spannung lastet, auch hält.
Der alte Mann erholt sich langsam. Die Naht nässt für geraume Zeit, dann schließen sich langsam die noch feuchten Stellen. Die Chirurgin ist zufrieden. Der Patient erhält reichlich Besuch. Ein Enkel wird mit einem roten Plastikfächer zum Kühlungsfächeln am Bett positioniert.
Dann, in einer Nacht, ein Notruf. Der Stationspfleger bittet die Chirurgin, sofort zu kommen. Der Alte sei nicht mehr ansprechbar. Er habe schon am Nachmittag gebeten, zum Sterben nach Hause gebracht zu werden. Die Chirurgin untersucht den Bauch und findet außer zu vielen Falten nichts Bedrohliches. Anscheinend hat der alte Mann nicht genug getrunken. Und tatsächlich, nach einem Liter Infusionslösung ist der Buschkuhmann wieder präsent und will auch nicht mehr sterben. Was war passiert? Der Patient hatte ein Abführmittel erhalten und daraufhin viermal Stuhlgang gehabt. Der dadurch bedingte Flüssigkeitsverlust hatte ihn kurzzeitig außer Gefecht gesetzt. Ab jetzt geht es wieder bergauf, ein Friseur zur Verschönerung der Frisur wird von der Familie organisiert, und fünf Wochen nach dem Zusammenstoß mit der Buschkuh kann der Patient nach Hause entlassen werden.

2014_02_Operationssaal

Wochenende mit Sonnenschein
Freitagnachmittag. Die Visiten sind beendet, es stehen keine größeren Operationen mehr an. Das Outpatient-Department ist geschlossen, die Clinical Health Officers (CHOs) verabschieden sich und brechen zu ihren Wochenendausflüge auf. Die Frauenärztin plant, aus dem alten Brot und den noch vorhandenen Eiern für alle arme Ritter zu backen. Aber um 17:00 Uhr kommt ein Anruf: Eine mit dem fünften Kind schwangere Mutter hat sich mit Abgang von grünem Fruchtwasser vorgestellt. Schnell in den OP zum Kaiserschnitt! Da die CHOs auf Reisen sind, assistiert die Chirurgin, nachdem sie vorher noch schnell auf der Männerstation das einzige Absauggerät geholt hat. Es muss dort gerade eine Thoraxdrainage bei einem 15-Jährigen unterstützen, wenn es nicht im OP gebraucht wird.
Die Kinderärztin nimmt das Neugeborene im OP in Empfang. Beim Zurückbringen des Absauggeräts fällt der Chirurgin der zunehmend schlechte Zustand eines mit heftigem Husten und Leistenbruch am Vormittag aufgenommenen Patienten auf. Die gesamte Lunge klingt wie am Morgen feucht, nun aber hat er auch noch starke Bauchschmerzen. Die Chirurgin vermutet eine Darmeinklemmung durch den beim Husten jetzt noch höheren Druck auf den Leistenbruch. Die Laboruntersuchungen liegen noch nicht vollständig vor, aber sie beschließt, den Patient lieber sofort zu operieren als einen abgestorbenen Darmanteil zu riskieren und trägt das Absauggerät wieder zurück in den OP. Die Frauenärztin assistiert. Die immerhin schon geschlagenen Eier für die armen Ritter müssen noch ein wenig in der Küche warten. Im OP zeigt sich eine umfangreiche Darmeinklemmung mit beginnender Durchblutungsstörung, die jedoch nach Befreiung des Darms wieder rückläufig ist. Um 23:30 Uhr wird der Patient zurück auf die Station gebracht, zusammen mit dem Absauggerät. Der 15-Jährige mit der Thoraxdrainage blinzelt nur müde, er kennt jetzt schon das Hin und Her mit der Saugvorrichtung.
Die armen Ritter, inzwischen von der Kinderärztin gebraten, warten auf dem Wohnzimmertisch. Aber die Köchin selbst ist gerade unterwegs zu einem Kindernotfall. Gerade überlegt sich die Chirurgin, ob sie sich allein an den Tisch setzen soll. Wo sind eigentlich die anderen alle? Da ruft die Frauenärztin an. Es hat sich eine Drittgebärende mit Geburtsstillstand seit vielen Stunden eingefunden. Das Team wird zusammen telefoniert, das Absauggerät geholt und die armen Ritter mit einem Teller abgedeckt. Jetzt ist keine Zeit in Ruhe zu essen. Um 2:15 Uhr sind alle fertig, das Baby gut angekommen und die Absaugung wieder angeschlossen auf Station. Die armen Ritter aber würden um diese Zeit eher schwer im Magen liegen und werden im Kühlschrank verstaut.
Samstagmorgen, 7:30 Uhr, die Sonne scheint. Alle sind müde, aber es hilft nichts: Die Visite steht an, zahlreiche Verbände müssen gewechselt und Neuaufnahmen gemacht werden, eine Wundversorgung wartet im OP. Aber später dann, denkt sich die Chirurgin, ab 12:00 Uhr, kann ja vielleicht das Wochenende beginnen. Ein armer Ritter zum Frühstück stärkt jetzt ganz gut und hält vermutlich länger vor als das vorhandene Weißbrot. Um 11:00 Uhr stellen sich zwei Patienten vor. Die Chirurgin wollte sich gerade für die Wundversorgungs-OP fertig machen. Der Erste, mit stolzen 24 Lipomen am linken Unterarm, die seit mehr als zehn Jahren bestehen, wird gebeten, am Montag wiederzukommen. Er ist aus dem Dorf und hat es nicht weit. Der Zweite ist in schlechtem Zustand, erbricht, in der linken Leiste zeigt sich eine starke druckschmerzhafte Schwellung. Also wieder ein eingeklemmter Leistenbruch, der sofort versorgt werden muss. Mäßige Begeisterung im OP. Auch die Schwestern sind noch müde, vor allem die Assistierende hat zurzeit tagelang rund um die Uhr Bereitschaftsdienst, weil ihre Kollegin zu einer Beerdigung gefahren ist. Aber erstmal liegt der Patient zur Wundversorgung auf dem Tisch. Danach eilt die Chirurgin zum Doktorhaus, um in Windeseile noch einen armen Ritter zu essen und reichlich Wasser zu trinken. Immerhin ist es jetzt draußen 32° heiß und nur im OP gibt es eine Klimaanlage. Der eingeklemmte Leistenbruch erweist sich als ein größeres Projekt: ein Darmanteil ist schwarz nach zu langer Einklemmzeit, so muss ein Stück entfernt und die verbleibenden Enden in vorsichtiger Kleinarbeit wieder zusammengesetzt werden. Währenddessen beatmet die internistische Kollegin im provisorischen Aufwachraum mit dem Ambubeutel den Patienten nach der Wundversorgung, der einen Narkoseüberhang hat und noch nicht selbstständig atmen kann.
Nachdem auch diese Leiste fertig versorgt ist, bringt die Chirurgin das Saugsystem zurück auf Station. Der Patient mit Husten und gestern eingeklemmtem Bruch ist verschwunden. Was ist passiert? Die Laboruntersuchung ergab eine offene Tuberkulose, er ist in ein Isolierzimmer verlegt worden. Die Chirurgin verabschiedet sich für eine Pause. Das Bedürfnis, eine Runde zu schlafen ist größer als das, einen letzten armen Ritter zu essen. Aber etwas zu trinken braucht es vorher noch. Auf dem Weg zum Doktorhaus noch ein Blick auf die heute frisch aufgeblühten, satt gelben Blüten am Wegrand. Von der Dorfkneipe her schwebt beschwingte Musik herüber. Die Sonne neigt sich rund und rot zum Untergehen, die Insekten summen. Noch ist es heiß. Ab ins Bett.

2014_02_Sonnenuntergang

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Schnell einen Wundverband, bitte.

Eindrücke von unserem Einsatzarzt Dr. Anno Diemer aus Mindanao.

2014_02_Dr. Anno Diemer untersucht kleinen Patienten

„Dr. Anno, next patient only for wound dressing!”, so meldete mir meine Helferin und Übersetzerin Emeliza im Armenhospital von Cagayan de Oro, Mindanao, meinen nächsten Patienten an. Der Kleine lief frei, hatte aber am rechten Bein zwei teils narbig eingezogene Hautdefekte, aus denen klare Flüssigkeit lief. . . Also nichts für nur einen schnellen Verband! Die Mutter wußte, daß da vor 7 Monaten wohl ein Skorpionstich am Außenknöchel gewesen war, der aber nur ein paar Tage mit einem Antibiotikum – wenn es denn eines war – behandelt worden sei. Und die zweite „Wunde“? Die habe sie erst vor 3 oder 4 Tagen bemerkt! Da war Schlimmes zu befürchten. Ich verlangte ein Röntgenbild, aber „wet film, please!“ – „nasser Film“, das bedeutete, dass ich das Bild als erster und am selben Tag sehen würde, – und damit mindestens einen Tag früher das Ergebnis hatte. Es war wie befürchtet: eine schwere Infektion hatte das Wadenbein, den äußeren der beiden Unterschenkelknochen, weitgehend zerstört, und durch die „Wunden“ entleerte sich Flüssigkeit aus der Tiefe der Herde! Damit gehörte mein Patient als Notfall in die Chirurgie! Das nächste Problem: wie geht das, wenn keine Versicherung besteht und die Mutter nicht ohne weiteres mit aufgenommen werden kann, da sie ja die Familie mit Kindern zu versorgen hat? Dann muß ein anderes Familienmitglied kommen, denn ohne „watcher“, eigentlich „Beobachter“, die jedem stationären Patienten auf den Philippinen zugeordnete Pflegekraft, ist die stationäre Aufnahme unmöglich. Außer um die Pflege muß sich der Watcher auch um die Ernährung des Patienten kümmern. . . Würde der Vater, der bei der Untersuchung nicht zugegen war, überhaupt einverstanden sein?
Auch nach zwei Wochen, die ich schon in der Ambulanz mitarbeitete und einige knifflige Fragen geklärt hatte, war das ein ziemlich schwieriges Problem. Ich war froh, auf die bewährte Hilfe von „Dr. Martin“, dem deutschen Langzeitarzt des Hospitals, nicht verzichten zu müssen. Aber auch er brauchte in diesem Fall lange, konnte aber eine vertretbare Lösung erreichen – gottlob spricht er fließend Cebuano!
Überhaupt waren die ersten beiden Wochen eine spannende Zeit, in der ich tagtäglich eine Fülle von neuen Erfahrungen machte. Es war ja mein erster Einsatz in einem Drittweltland! Nicht nur, was die unmittelbare medizinische Versorgung anging – es war nicht immer einfach, herauszubekommen, was den Patienten wirklich fehlte. Oft kam zu Beginn des Gespräches eine knappe Feststellung, z.B. „back pain“ Rückenschmerzen), und erst auf genaueres Fragen dann nähere Details oder Erläuterungen. Nach diesem Punkt kam gern ein weiterer, etwa „cough and cold“ (Erkältung und Husten), sehr häufig in dieser Jahreszeit. Keinesfalls durfte jetzt die Frage nach der Dauer des Hustens vergessen werden, sind doch unerkannte Tuberkulosen in der Bevölkerung sehr verbreitet, und ab 2 Wochen Dauer des Hustens muß diese Infektion ausgeschlossen werden. Da es aber eine Erkrankung ist, die den Betroffenen gesellschaftlich isolieren und sogar den Job kosten kann, wird kaum jemand von sich aus einen entsprechenden Verdacht äußern! Hier kommt man dann besser über allgemeine Fragen nach der Wohnumgebung oder Dritten, die vielleicht schon länger husten, weiter. Jedenfalls sah ich Woche um Woche mehrere Patienten erstmals mit Tuberkulose, sei es der Lunge, der Lymphknoten, Wirbelsäule oder anderer Lokalisation.
Manche Schwierigkeit ergab sich auch durch die Übersetzung, die ja eine Zusammenfassung und unvermeidliche Änderung der Äußerung des Patienten ergibt. Das wurde mir sehr deutlich, als Emeliza einmal für ein paar Tage von einer gleichfalls sehr erfahrenen Kollegin vertreten wurde.
Auf den weiten Überlandfahrten der „Rolling Clinic“ staunte ich nicht wenig, über welche Entfernungen unsere Patienten zur Untersuchung kamen, und das in der Regel zu Fuß – aber fast immer mit sehr sauberer Kleidung! Dabei kamen öfter Menschen in eher schlechtem Zustand zu uns, die irgendwie diese Wege auch zurückgelegt hatten. . .
Bei der Rolling Clinic hatten wir von unserem zentral gelegenen Ausgangsort in Arakan täglich Entfernungen zwischen 10 und 28 km zurückzulegen – mit Fahrzeiten bis über zwei Stunden über schlamm- und geröllbedeckte Pisten, zum Teil durch Bananenplantagen.

2014_02_vollgepackter Wagen für Rolling Clinic
Der Wagen ist gepackt – gleich kann die Rolling Clinic losgehen.

2014_02_Rolling Clinic legt beschwerliche Wege zurück
Die Fahrten gehen querfeldein übers Land – betonierte Straßen gibt es da kaum.

2014_02_Andrang bei den Wartenden
Der Andrang der Patienten in den Dörfern ist groß!

Bei diesen Untersuchungen fiel eine große Zahl älterer und infizierter Verletzungen ins Auge, daneben große Kropfbildungen, Harnwegsinfektionen und einzelne Patienten mit bösartigen Tumoren, die wir versuchten in der großen Stadt Davao unterzubringen. Ein Patient mußte wegen einer schweren, leider schon eine Woche alten Hornhautverletzung des Auges dringend in die Klinik. Insgesamt drei Kleinkinder fielen wegen Mangelernährung in einer noch eher leichten Form auf, so daß wir hoffen durften, durch Mitgabe einer speziellen Zusatznahrung eine Besserung zu bewirken. Klar, daß diese Kinder zur nächsten Rolling Clinic wieder einbestellt wurden! Im Einzelfall blieb aber nichts anderes übrig, als zunächst per Foto die Grundlage für eine spätere Begutachtung durch Dermatologen bzw. Onkologen zu schaffen, damit der Patient dann mit Hilfe der Bonner Zentrale gezielt bei der nächsten „Rolling Clinic“ weiter versorgt werden kann.
Ein ganz starker Eindruck in den Dörfern war die Freundlichkeit der Aufnahme, denn außer mir kannten sich die meisten aus dem Team und etliche Dorfbewohner von früheren Fahrten her persönlich. Das sorgte immer für eine gute Atmosphäre und ich empfand das als stark motivierend. Auch wirkte sich das persönliche Interesse besonders der Hebammen, die im Dorf eine erhebliche Bedeutung haben, und, soweit vorhanden, der Health Worker günstig aus. Bei den allermeisten Patienten war eine große Dankbarkeit zu spüren, auch dann, wenn wir nach meiner Einschätzung nicht viel für sie hatten tun können.
Als Kinderarzt bin ich mit entsprechendem Hintergrund in dieses Projekt gegangen. Das ist bei einer so jungen Bevölkerung sicher auch eine besonders praktische Vorbildung. Die Vielfalt der Anforderungen und klinischen Fragen auch bei den Erwachsenen tat mir aber sehr gut, wie ich schon bald feststellen konnte und heute tue ich mich entsprechend auch im allgemeinmedizinischen Bereich und in Fächern wie Augenheilkunde, Dermatologie, Gynäkologie oder HNO leichter, wenn es um die Erkennung offenkundig wichtiger Befunde geht. Nebenbei konnte ich Einblicke in dieses ferne südostasiatische Land in der Zeit tun, in der in Deutschland Advent, Weihnachten und Neujahr gefeiert werden. Es war höchst reizvoll, Stadt und Land so ganz anders wahrzunehmen – und auch die Möglichkeit, zu Neujahr bei über 25° im Pazifik zu baden.

2014_02_Dr. Anno Diemer bei der Untersuchung

Daher ziehe ich für mich insgesamt eine sehr positive Bilanz des Einsatzes, der mir enorm viel gebracht hat an menschlichen Begegnungen mit Kollegen, im therapeutischen Team und mit den Patienten, an wichtigem medizinischem Wissenszuwachs und einer Fülle von unvergeßlichen Eindrücken von Land und Leuten. Schließlich hat es die Rolling Clinic ja auch möglich gemacht, Teile der Insel Mindanao einmal zu erleben, die sonst für normale Reisende unzugänglich sind.
Es hat mich also gepackt, und weitere Einsätze werden folgen!
Herzliche Grüße
Ihr Dr. Anno Diemer

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von | 8. Februar 2014 · 10:30

Dr. Mareike Stürmer berichtet von ihrem Einsatz vom 4. bis 18.12. auf Leyte (Philippinen)

Die Anfahrt von Cagayan de Oro (Mindanao) nach Dulag (Leyte) war schon ein Abenteuer für sich. Es wusste keiner genau, wie sich die Situation auf Leyte nach dem Typhoon Yolanda entwickelt hatte. Wir fuhren los mit einem bis zum Rand vollgepackten Auto, in dem sich Medikamente und medizinische Ausstattung, Kochutensilien, Wasser sowie Lebensmittel befanden. Auf den steilen Bergen von Leyte machte sich dann die Überladung des Kraftfahrzeugs bemerkbar: das Auto blieb auf halber Höhe mit rauchendem Motor in der Finsternis liegen und konnte auch durch Manöver unseres Fahrers nicht zum Weiterfahren ermutigt werden. Erst durch körperlich aktives Eingreifen unseres Frauenteams konnte das Fahrzeug Schritt für Schritt den Berg hochgeschoben werden. Kurz danach versagte die Kupplung und die Fahrt bis nach Dulag wurde im ersten und zweiten Gang fortgesetzt. Je näher wir Dulag kamen, desto größer war die Zerstörung am Straßenrand sichtbar: Kokospalmen waren entwurzelt, Häuser und Hütten ohne Dächer oder eingestürzt. Es waren Schilder mit der Aufschrift “We need food” zu sehen, Menschengruppen baten uns um Lebensmittel.

liegengebliebenes Auto
Das Auto bewegt sich nicht mehr.

In Dulag waren wir beim sympathischen Team von “Green Mindanao” in einem Haus mit intaktem Dach untergebracht. Es gab täglich zwei Stunden Elektrizität über den Generator, Wasser wurde durch eine Grundwasserpumpe gewonnen. Wir waren insgesamt 24 Menschen in diesem Haus – und vertrugen uns trotz der Enge sehr gut. Während sich das Team von Green Mindanao um die Instandsetzung der Wasserversorgung und den zerstörten Häusern der ärmsten Bevölkerung kümmerte, fuhren wir täglich in verschiedene Stadtteile von Dulag, um uns für die medizinischen Belange der Menschen zu engagieren. Es gab viele Patienten zu versorgen, die zumeist unter Erkältungs- und Hautkrankheiten litten. Ebenfalls gab es Tuberkulosekranke, Wunden und Abszesse, und viele unterernährte Kinder. Für chronisch Kranke konnten wir die in der Region nicht erhältlichen Medikamente bereitstellen. Wir hielten die Konsultationen häufig in mit Plastikplanen abgedeckten Gemeindehallen ab. Aus Mangel an intakten Gebäuden behandelten wir mitunter auch in stark lädierten Kirchen oder in Privathäusern. Unterernährte Kinder überwiesen wir zur möglichst lang anhaltenden Ernährungshilfe an die NGO “Action contre la Faim”. Für akute chirurgische Eingriffe überwiesen wir an “Ärzte ohne Grenzen”, die in Tacloban stationiert waren. Es wurde mir von Patienten erzählt, dass aus ihrer Familie noch Mitglieder vermisst werden. Auch erzählten die Menschen, dass sie nach dem Typhoon über fünf Tage überhaupt keine Hilfe erhalten hatten und der Hunger und die Verzweiflung dann schwer zu ertragen gewesen waren. Jetzt kamen viele Relief-Güter von zahlreichen NGOs bei ihnen an. Sie waren sehr dankbar für die Hilfe, wie man auch bald auf vielen Plakaten lesen konnte. Imponierend erschienen mir ihre Fröhlichkeit, ihr Lebensmut trotz aller Verluste wieder aufzustehen, welcher wohl auch auf ihrem unerschütterlichen Vertrauen auf Gott beruht.

Mareike Stürmer untersucht Patienten
Mareike Stürmer mit einem Patienten

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Fluch oder Segen? von Dr. Özgür Dogan, Einsatzarzt auf Manila

Ein verstohlener Blick nach unten, ein kurzes Hochziehen der Augenbrauen nach oben. Ein paar Tage hat es gedauert bis ich verinnerlicht habe, dass diese Geste wohl für “ja” steht – im Gegensatz zum Türkischen, wo es als Ausdruck des gegenteiligen “neins” dient. Genauso der bestätigende Laut “o-o”, im Gegensatz hierzu die verneinende Bedeutung im Türkischen. Nur ein kleiner Einblick in eine gänzlich neue Welt, an die ich mich zunächst einmal herantasten musste. Die Mangyans als Einheimische Mindoros, welche abgeschieden tief im Dschungel in den Bergen leben, und teilweise noch nie einen Arzt zu Gesicht bekommen haben. Krankheitsbilder, die man sonst nicht in solcher Ausprägung zu Gesicht bekommt. Begrenzte Möglichkeiten, die ein völlig anderes Vorgehen verlangen als man es zu Hause tun würde. Theoretisch hat man die Möglichkeit, Patienten in ein öffentliches Krankenhaus in eine größere Stadt einzuweisen. Praktisch ist das oft nicht mehr als nur ein Akt der Verzweiflung, denn häufig ist es ein unglaublicher Aufwand für den Patienten, das überhaupt in die Tat umzusetzen. Und sei dies geschafft, mangelt es dann entweder an Möglichkeiten der Diagnostik oder scheitert spätestens an einer nicht realisierbaren Therapie. Ein vor Hunger schreiendes 4 Monate altes Kind, das krank und abgemagert aussieht und nicht mehr als ein Neugeborenes auf die Waage bringt, könnte in ein Ernährungsprogramm aufgenommen werden, müsste dafür aber für einige Zeit weg von der Familie. Die Mutter wird sich das überlegen und geht erst einmal wieder heim. Bei uns wäre das ein Fall für das Kinderschutzteam. Ein anderes Kind mit ausgeprägter Dyspnoe und sichtlichem O2-Bedarf bei Pneumonie hätte ich daheim auch nicht aus der Klinik gehen lassen. Hier wollten die Eltern es die nächsten Tage erst einmal mit einer oralen Antibiotikatherapie versuchen. Zwischendurch erscheinen Eltern und geben die Krankenkarten verstorbener Kinder zurück.

Dogan mit Kindern
Einsatzarzt Dr. Özgür Dogan während der Rolling Clinic

Eine steile Lernkurve habe ich hinter mir, sei es menschlich oder medizinisch. Menschlich, weil man in eine Welt eintauchen kann, die man für kein Geld der Welt so geboten bekommen könnte. Viele Gedankenspiele, viele Vergleiche. Kinder, die mit einem kaputten Flipflop eine Art Brennball/Völkerball spielen, wobei sie sich damit abwerfen, wegrennen, fangen, einen Parcours durchlaufen müssen; Kinder, die vor der Playstation sitzen, weil ihnen oft keine Alternative geboten wird. Alte Menschen, die unglaublich schwere Lasten auf kilometerweite Strecken tragen müssen – weil sie es müssen; Menschen, die durch Arbeiten weniger herausbekommen würden als wenn sie arbeiten würden. Kinder, die mit tiefen dreckigen Fleischwunden an den Füßen mit großer Freude durch den Matsch springen; Eltern, die über eine Krankheit im Internet gelesen haben und das nun abgeklärt haben möchten. Schwerkranke Patienten, die Tagesmärsche hinter sich haben und dann auch noch den ganzen Tag geduldigst warten und tiefe Dankbarkeit im Anschluss zeigen, auch wenn man gar nicht viel machen konnte; Eltern, die es ungeheuerlich finden, dass man mit einem fiebernden Kind nicht augenblicklich drankommt und von Kopf bis Fuß durchgecheckt wird.
2 Wochen lang fährt man mit der Rolling clinic jeden Tag in eine andere Barangay, ein anderes Dorf auf Mindoro, der kleinen Nachbarinsel von Manila. Sowohl im Süden als auch im Norden. Nach einem Monat wiederholen sich die Einsatzorte. Wenn ich meine Patienteneinträge einen Monat später fortsetzen wollte, konnte ich bereits merken, wieviel ich mittlerweile wieder hinzugelernt hatte und wie sehr ich manchmal mein Vorgehen von noch einem Monat zuvor wieder anzweifelte. Als Pädiater freute ich mich auch über geriatrische, gynäkologische, chirurgische, HNO-mäßige und dermatologische Fortschritte, die ich rasch bemerken konnte.

Abschied aus Manila
Abschiedsfoto mit dem Team in Manila.

Alles in allem war es eine sehr schöne Zeit, die ich nicht missen möchte. Ich bin sehr gespannt, ob und was sie mit mir macht, wenn ich wieder in der Klinik in Deutschland bin. Ich bin sehr dankbar für viele Momente, die mir noch immer Gänsehaut bereiten, wenn ich nur an sie denke. So wie der 20-jährige junge Mann, der auf die Frage, wieviele nächtliche Hustenattacken er im letzten Monat hatte, bloß antworten konnte, er wisse es nicht, er habe nie zählen gelernt.

Herzliche Grüße von Dr. Özgur Dogan

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Dr. Oliver Ostermeyer berichtet von seinem Einsatz auf Mindoro / Philippinen:

Nach der Ankuft in Manila ging es für uns zwei Tage später, mit ordentlich Jetlag im Gepäck, weiter nach Mindoro. Ich war für die Rolling Clinic South (es gibt auf Mindoro zwei Routen, die zeitgleich von zwei Rolling Clinic-Teams angefahren werden) eingeteilt und wurde dort von dem lokalen Team herzlichst empfangen.

RC South (1 von 47)

Schnell stellte sich in den folgenden Tagen eine gewisse Routine für mich ein. Das lag zum großen Teil auch an der guten Organisation des Teams aufgrund der langjährigen Erfahrung.

RC South (6 von 47)

In den folgenden Tagen starteten wir also immer um 7 Uhr morgens von unserem Staff House und erreichten im Schnitt nach 30 bis 90 Minuten unser jeweiliges Ziel. Dort erwarteten uns schon die lokalen Helfer aus dem jeweiligen Dorf, die rasch beim Aufbau halfen. Somit konnten wir nach ca. 1 Stunde sogleich mit der Untersuchung der ersten Patienten beginnen. Im Schnitt habe ich in den neun Tagen Rolling Clinic täglich ca. 90 Patienten gesehen, in der Spitze aber auch mal 120.

RC South (8 von 47)

Somit war zum Teil Beeilung angesagt. Zum Glück waren auch viele Patienten mit einfachen viralen Infekten vor Ort. Andernfalls sind sonst solche Patientenzahlen nicht zu bewältigen. Daneben fielen rasch die vielen hygienischen Probleme auf: bakterielle Hauterkrankungen, Krätze und Pilzbefall zeigten sich jeden Tag dutzendfach. Zudem waren auch vereinzelt deutlich unterernährte Kinder zu sehen.

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An jeder Station verteilten wir an die bedürftigsten Familien unsere Hilfspakete. Gerade die Mangyans, die in höhergelegenen Bergabschnitten wohnen, waren übermäßig hart vom Taifun betroffen. Viele haben einen kompletten Ernteausfall, müssen aber nicht selten zehn oder mehr Kinder ernähren. Vor diesem Hintergrund ist es leicht verständlich, dass hier auch in den nächsten Monaten zusätzliche Hilfe notwendig ist.

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Umso erstaunlicher war es bislang für mich, in so viele strahlende Kindergesichter zu schauen. Trotz der zum Teil einfachsten Verhältnisse, kann man vielen mit wenigen Mitteln rasch ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

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Frohe Weihnachten an Alle und viele Grüße aus Manila, Dr. Oliver Ostermeyer

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