… immer kleine Opfer

Ein Bericht von Thomas Gehrig über seinen Einsatz in Nairobi, Kenia

Es ist Montagabend und ich komme gerade aus der Praxisklinik  im Mathare Valley Slum”heim”. Die Eindrücke lasten noch auf mir. So hatte ich heute drei kleine Patienten (der Älteste war drei Jahre alt) mit teilweise massiven Verbrennungen. Wie kommt so etwas zustande? Wie kann so etwas passieren? An einem Tag?

In Mathare leben alle Menschen auf engstem Raum. Das Gebiet ist nicht vielgrößer als ein Neubaugebiet einer Großstadt und doch leben hier deutlich über 200.000 Menschen. Ich kenne keine exakten Zahlen, aber sechs bis acht Personen in einer Blech- bzw. Papphütte sind hier die Regel, nicht die Ausnahme. Dies entspricht bei uns einem kleinen Zimmer. Hier wird geschlafen, gewaschen, gekocht und gespielt. Abtrennungen sind dürftig, zum Teil findet man offenes Feuer, nicht isolierte Stromkabel und Kochnischen, die wackelig auf lehmigem unterspültem Boden stehen.

Und dann passiert es: Drei Mal an diesem Wochenende kommen Kinder an den Kochtopf und  verbrennen sich. Welche Schmerzen und Qualen damit verbunden sind, muss ich wohl nicht beschreiben. Auf den Bildern kann man das Ausmaß der Verletzungen erkennen.

Kleinkind mit Verbrennungen an Arm und Oberkörper

Kleinkind mit Verbrennungen an Arm und Oberkörper

In der Praxisklinik sind für uns folgende Fragen relevant: Welcher Anteil der Haut ist verbrüht und wie tief gehen die Verletzungen? Dies ist oft erst nach Tagen zu ermessen.

Wir müssen auch wissen ob die Kinder noch gestillt werden, wie groß der Flüssigkeitsverlust ist, ob die Kinder mangelernährt sind und ob sie Fieber haben. Außerdem gilt es festzustellen, ob weitere Kinder geschädigt wurden.

Ein Kind mit Verbrennungen am ganzen Körper

Ein Kind mit Verbrennungen am ganzen Körper

Erst nach ausführlicher Dokumentation erfolgt dann das sogenannte „Debridement“ – ein extrem schmerzhaftes Vorgehen zur Entfernung des infizierten oder geschädigten Gewebes. Hier ist es für mich schwierig bei den Kleinsten die richtige Dosis der Analgesie zu ermitteln. Eine längerfristige Einnahme von Antibiotika schließt sich an. Wir versuchen Gelenkversteifungen zu vermeiden. Dies gelingt jedoch nicht immer. Täglich werden die Kleinen von ihrer Mutter zu uns gebracht. Die Verbandswechsel erfordern Nerven – die Kleinen sind so sehr geplagt.

Die Diskrepanz zwischen der medizinischen Versorgung hier in Kenia im Vergleich zum europäischen Raum ist verheerend: Bei uns wüde jedes dieser Kinder mit dem Helikopter in eine Spezialklinik für Verbrennungen unter Notarztbegleitung verlegt werden. Ich weiß, das belastet jeden, der sich damit beschäftigt. Es belastet mich sehr und doch ist es hier, aufgrund der Wohnsituation, fast Alltag.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Projekte

Prostitution und Tuberkulose: Schicksale auf Cebu

Ein Bericht von Ute Arend über ihren Einsatz auf Cebu, Philippinen

Jede zweite Woche gehe ich spät abends mit einem Bruder der Steyler Missionare in das illegale Rotlichtviertel. Nur weibliche Ärzte sind hier willkommen. Die Mädchen werden in weit abgelegenen Bergdörfern angeworben unter dem Vorwand, eine Stellung als Hausmädchen zu bekommen. Hier werden sie dann gefügig gemacht, müssen als Prostituierte arbeiten und werden von den zahlreichen Zuhältern bewacht. Glücklicherweise haben sie eine gute gesundheitliche Kondition und benötigen eher Kondome als meine Betreuung und so sind es die Armen und Obdachlosen, die hier meine Hilfe brauchen.

Vor allem Krätze und andere Hautkrankheiten neben Bronchitiden und Arthrose gibt es zu behandeln. Wir gehen auch in eine große Halle, in der ca. 30 obdachlose Familien vorübergehend ein Dach über dem Kopf gefunden haben. Doppelbett neben Doppelbett ohne Matratze, ohne Privatsphäre, nur ein paar Kleidungsstücke. Ein Loch auf dem Gang ist die Latrine. Beim Schein einer winzigen Lampe finde ich ein stark unterernährtes Kleinkind von einem Jahr. Es wiegt gerade mal 4,1 Kilogramm, wie ich später erfahre. Bruder Paul übernimmt glücklicherweise die Kosten für die Einweisung in ein Krankenhaus. Zwei Wochen später sehe ich es erneut und es bekommt jetzt Milchersatz und hat etwas zugenommen.

Obdachlose Familie mit unterernährtem elfmonatigem Säugling

Obdachlose Familie mit unterernährtem elfmonatigem Säugling

Nie zuvor habe ich so viele Fälle von Tuberkulose gesehen; doch hier ist es Alltag. Besonders Lymphknoten- und Knochentuberkulose sind extrem stark vertreten. Jede Woche entdecken wir davon vier bis fünf neue Fälle, neben den vielen Patienten mit Lungentuberkulose. Viele Kinder sind darunter. Das ist schwer zu verkraften.

Eine junge 21-jährige Frau mit dem hübschen Namen Mona Liza zeigt mir schamhaft eine Schwellung ihrer rechten vierten Rippe, die sie schon seit einem Jahr bemerkt. Das Röntgenbild der Lunge ergibt einen Pleuraerguss und damit ist es klar, dass es Knochentuberkulose ist. Inzwischen ist sie zur Behandlung im Gesundheitszentrum. Die Behandlung der Tuberkulose wird hier zum Glück durch die WHO bezahlt, aber für die Röntgen-Diagnostik müssen zu 50 % die Patienten und zu 50 % die German Doctors aufkommen. Oft sind die Patienten so mittellos, dass sie es gar nicht bezahlen können. Dann wird ein Sozial-Screening durch unsere Schwestern durchgeführt und wir zahlen alles.

13-jähriger Junge mit Verdacht auf Wirbelsäulentuberkulose. Nach Sturz beim Basketballspiel sind der 10. und 11. Brustwirbel gebrochen.

13-jähriger Junge mit Verdacht auf Wirbelsäulentuberkulose. Nach Sturz beim Basketballspiel sind der 10. und 11. Brustwirbel gebrochen.

Ein anderes Beispiel ist ein 13-jähriger Junge, der sich im Dezember beim Basketballspielen eine Fraktur des 10. und 11. Brustwirbels zugezogen hat. Ob bereits eine Wirbelsäulentuberkulose vorlag, steht noch nicht fest. Der Junge hatte großes Glück, dass er nicht gelähmt ist, aber eine Operation konnte nicht bezahlt werden. Nun kämpfen wir verzweifelt um Spendengelder verschiedenster Organisationen, die eine Operation finanzieren könnten.

Überhaupt ist es extrem schwer mit ansehen zu müssen, wie immer wieder alles am Geld hängt. Wir versuchen zwar eine Grundversorgung einer großen Masse von Patienten hier in Cebu (ca. 25.000 Konsultation pro Jahr durch zwei Ärzte) zu gewährleisten, aber es sind immer wieder die Einzelschicksale, denen wir aus finanziellen Gründen nicht sofort helfen können und die uns unendlich psychisch belasten.

 

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Projekte

Ankunft in Chittagong – erste Impressionen von Luisa Stefanski

Bangladesch. Wie lebt es sich in einem Land, in welchem die Katastrophenmeldungen in den Medien sich nur abwechseln, aber anscheinend kein Ende nehmen? Ob Naturkatastrophen (regelmäßige Überschwemmungen) Fabrikbrände (wie zuletzt im November 2012), fast wöchentliche Generalstreiks seit März 2013 (mit Lähmung des kompletten wirtschaftlichen Potenzials) oder aktuell der Absturz eines neun-stöckigen Gebäudekomplexes bei Dhaka mit mehr als 500 Toten. Wie lebt es sich in dem Land mit der wahrscheinlich höchsten Bevölkerungsdichte weltweit? Dazu mit dem weltweit niedrigsten Stundenlohn für Näharbeiten und laut Transparency International mit einem der korruptesten politischen Systeme überhaupt?
Eine gewisse Beklemmung macht sich bei mir während den Vorbereitungen auf den Einsatz mit den German Doctors breit. Bei dem Problempotential stellt sich die Frage nach der Standortwahl für ein humanitäres Projekt nicht mehr.

Eindrücke aus Bangladesch 1

Eindrücke aus Bangladesch 1

Die Ankunft in Dhaka liefert mir bereits einige Antworten: überall Menschenmassen in Bewegung, zu Fuß, in Rickshas, Baby-Taxis, Autos oder Bussen. Am Straßenrand verwandeln die Händler den Ort zu einem andauernden Markt, der den Verkehr behindert. Der Eindruck einer nicht enden wollenden Geschäftigkeit wird vom Lärm noch unterstrichen. Die Armut hält sich hier nicht versteckt, die Slums sind nicht am Stadtrand verbannt, so viel Platz zum Verstecken gibt es nicht. Das ist keine Katastrophenmeldung, das ist einfach der Dauerzustand.

Eindrücke aus Bangladesch 2

Eindrücke aus Bangladesch 2

Ich steige in den Zug nach Chittagong ein, von den Dächern winken uns während der Fahrt Kinder zu. Die Mitfahrenden nehmen mich wahr und sie bringen mir unter unaufhaltsamem Gelächter etwas Bangla bei. Während der schlussendlich zehnstündigen Fahrt wird viel gelacht, gesungen und Essen herumgereicht. Die Menschen hier sind es, denke ich immer wieder, die den enormen Schatz dieses Landes ausmachen! Ich bin auf die Begegnungen in Chittagong gespannt.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Ein Leben zwischen Müllbergen II – Mikado spielen und Müll sammeln

Ein Bericht von Ute Arend über ihren Einsatz auf Cebu, Philippinen

Ein beißender süßlicher, im Hals brennender Geruch hängt in der Luft, der in alle Poren eindringt. Es ist unvorstellbar. Mittendrin in einem der Müllberge steht eine kleine Kapelle und daneben ein kleines Haus, wo Schweine geschlachtet werden (wir hören es jedes Mal quieken). Rechts und links von uns ist nur Müll, den Erwachsene und Kinder mit bloßen Händen und auf Gummilatschen durchwühlen und sortieren, nach Plastiktüten, Reifen, Pappe, Metall, Glas und was sonst noch zu gebrauchen ist. Direkt neben den Müllbergen fangen die Hütten an. Wenn es regnet, läuft ihnen das mit giftigen Chemikalien verseuchte Wasser in die Hütten hinein.

Mädchen mit Verletzung des rechten Fußes nach Verkehrsunfall

Mädchen mit Verletzung des rechten Fußes nach Verkehrsunfall

Hier treffe ich ein bildhübsches Mädchen von 14 Jahren mit einem völlig deformierten Fuß. Sie wurde 2009 bei einem Verkehrsunfall überfahren, erhielt jedoch keinerlei Entschädigung.

Der Fuß wurde plastisch gedeckt, ist aber völlig schief verheilt. Sie hat eine Schiene, die ihr eigentlich zu klein ist und drückt. Wir versuchen etwas zu polstern und suchen aus dem Müll!! einen alten Badelatschen. Eigentlich bräuchte sie eine neue Schiene, die aber keiner hier bezahlen kann. Die Druckstelle wird mit Povidon verbunden und sie geht glückselig lächelnd davon auf ihrer Krücke. Überhaupt, in all dem Elend: Die Kinder mit ihren wunderschönen großen Augen lachen, spielen eine Art Mikado mit Gummiringen, wenn sie nicht gerade Wasser schleppen, Wäsche waschen, Müll sortieren, egal wie alt und groß sie sind. Die Filipinos sind unendlich freundlich, lächeln einem immer zu und bedanken sich für alles, selbst wenn es nur ein guter Rat ist.

Sprechstunde auf der Dumpsite Umapad

Sprechstunde auf der Dumpsite Umapad

Nach einer langen Sprechstunde, es ist inzwischen schon dunkel geworden, machen wir noch einen Hausbesuch bei zwei Brüdern mit einem Schlaganfall. Irgendwo hinter drei dunklen Gassen geht es eine Hühnerleiter hinauf. Oben wohnen in drei Räumen von je ca. fünf Quadratmeter ich weiß nicht wie viele Personen. Pro Raum mindestens zwei Erwachsene und vier Kinder. Der Fußboden besteht aus Bambusstäben, da halten sich wenigstens kaum Läuse. Ein Tuch dient als Matratze und Zudecke zugleich und nur ein Kopfkissen auf dem Boden weist darauf hin, dass hier jemand schläft. Es gibt ein Regal, sonst keine Möbel. Es ist stockdunkel bis auf eine selbstgebaute Öllampe aus einer Flasche. In je einem Raum leben die zwei Brüder mit ihren Familien. Der eine Bruder ist Ende 30, bettlägerig wegen eines Hirnschadens und hat eine Epilepsie. Vier kleine Kinder hocken neben ihm. Die Ehefrau pflegt ihn. Woher kommt das Geld für Miete und Essen? Der andere Bruder, eher Anfang 30 hatte ebenfalls einen Schlaganfall und kann nur mühsam etwas Laufen, aber keine Hühnerleiter steigen. Das sind nur zwei Schicksale von vielen.

Hausbesuch bei Patient nach Schlaganfall

Hausbesuch bei Patient nach Schlaganfall

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Trommelnder Regen im Mathare Valley Slum

Ein Bericht von Thomas Gehrig über seinen Einsatz in Nairobi, Kenia

Nach Tagen der Arbeit in unserem Projekt war ich gestern und heute im Mathare Valley Slum unterwegs, um unserer „Social-Nurse“ Rose zu helfen und ihr bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Trotz medizinisch geschultem Blick, überwiegt in der Nachempfindung und im Nachdenken immer wieder das Staunen, das Entsetzen und das Fragen über Gründe der sozialen Kluft, die sich hier vor meinen Augen auftut.

Lebensbedingungen im Slum

Lebensbedingungen im Slum

Wir starten gegen Mittag. Die Gassen, Durchgänge, Winkel und Eingänge sind für einen Europäer zumindest beim ersten und zweiten Hinschauen nicht zu erfassen. Überall Treiben, Kleinsthandel, Kochen, Waschen, Kinder, immer wieder Kinder auf der Straße. Rose sagt, bei Nacht ist es hier für alle, aber besonders für Weiße viel zu gefährlich. Die Kinder lachen, spielen mit Blechdosen. In den offenen trüben Kanälen lassen sie Schiffe mit und gegen den Strom schwimmen. Überall Unrat, Schmutz, die Luft riecht süßlich-faulig, die Kinder fassen mich an, erstaunt Haut mit weißer Farbe zu fühlen. Männer sitzen beim Hütchenspiel neben Teigfladen, die in Öl ausbacken, hin und wieder auch trockenes Gemüse oder Trockenfisch (aus dem Victoriasee, wie auch immer hier hergekommen und Fett triefend).

Die Sonne sticht. Rose wirkt mit einer Größe von 160 cm und ihrem Gewicht wie die Mamma von Mathare. Sie hält an allen Ecken, hier ein Schwätzchen, da eins auf Suaheli. Sie ist beliebt. Wir treten ein in eine Hütte. Rose hat zuvor angeklopft. Im Inneren ist es dunkel, feucht, stickig, die Blechwände halten den Regen, den wir hier zurzeit Tag und Nacht haben (große Regenzeit) nicht stand. Der Raum, 3 m auf 3 m, enthält einen kleinen Tisch und ein paar Stühle. Alles so, dass es bei uns nicht mal den Spermüll beeindrucken könnte. Hier lebt Mathilde, 28 Jahre jung, mit ihrem Mann Augusto. Sie haben vier Kinder. Im Raum gibt es ein Bett mit fauliger Matratze. Alle Kinder schlafen auf dem Boden. Hier decken ein paar Linoleumfetzen nebst Pappe den nassen Untergrund. Das Valley wird täglich durch den Regen geflutet. Der Regen prasselt auf die Blechdächer. Regnet es nachts, bleiben alle wach, denn man hört sonst die Einbrecher nicht. Das Trommeln des Regens übertönt alles.

Mutter Mathilde und Vater Augusto sind HIV-positiv. Sie sind bei uns im Programm eingeschrieben und bekommen Anti-Retrovirale Medikation. Doch die Einnahme der Medikamente muss kontrolliert werden. Drei der Kinder sind HIV-negativ; die älteste, 12-jährige Tochter ist HIV-positiv. Sie kommt in das Alter, in dem hier Paare entstehen. Sie wird von Rose in aller Ruhe aufgeklärt, nur mit Kondom Geschlechtsverkehr zu haben. Wir nehmen ein paar notwendige Blutproben zur Überwachung der HIV-Therapie und verabschieden uns.

Mathilde weiß nicht, was sie kochen soll. Sie hat kein Geld, Augusto verdient nichts. Zwei ihrer Kinder sind im „Feeding-Programm“ der German Doctors und erhalten von uns Plumpinut – ein kalorienreicher Mix mit Vitaminen.

Spielende Kinder

Spielende Kinder

Zehn solcher Besuche an einem Nachmittag, zehn verschiedene Schicksale, unterschiedliche Familienkonstellationen (bis hin zu AIDS-Vollwaisen). Es lässt mich nicht los, ich schlafe die Nacht schlecht. Es ist heiß und feucht. Ich bin froh als noch vor Sonnenaufgang der Wecker klingelt. Warum frage ich mich, warum ist die Welt so ungerecht verteilt? Eine Antwort finde ich nicht. Es ist wohl wie es ist. Ein Morgenlauf im Sprühregen erfrischt. Ein neuer Tag wartet.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Bericht aus Dhaka – Über das Schicksal des kleinen Raju

Ein Bericht von Christoph Niederberger über seinen Einsatz in Dhaka, Bangladesch

Die Ambulanz der German Doctors im Slum Kilgoan 2

Die Ambulanz der German Doctors im Slum Kilgoan 2

Diese erste Woche, die ich mit Ärzte für die Dritte Welt in Dhaka erlebte stand für die Bevölkerung hier ganz im Zeichen des überaus tragischen Einsturzes des neunstöckigen Kleiderfabrikgebäudes 30 km außerhalb von Dhaka, mit bisher über 550 geborgenen Toten und noch sehr vielen vermissten Personen. Dieser Schock war in diesen Tagen auch in der Sprechstunde in den Armenvierteln und Slums von Dhaka, welche medizinisch von den  German Doctors versorgt werden, spürbar. Viele unserer Patienten und Patientinnen arbeiten selber in der Textilindustrie, der bei weitem bedeutendsten Exportbranche des Landes. Die schlechten Arbeitsbedingungen, meist 12 Stunden pro Tag bei miserabler Entlohnung mit immer denselben monotonen Tätigkeiten, führen häufig zu Schmerzen am Bewegungsapparat und stellen für etliche Patienten und Patientinnen auch eine psychische Belastung mit entsprechenden Beschwerden dar. In diesen Situationen sinnvolle Hilfe bieten zu wollen, lässt einen rasch die Grenzen des hier medizinisch Machbaren erfahren. Empfehlung für Arbeitsplatzwechsel, Verbesserung der Work-Life-Balance oder Weiterweisung zu einer psychosomatischen Betreuung funktionieren hier nicht. Wir können ihnen lediglich ein paar Schmerztabletten, die Empfehlung für eine gelegentliche Massage durch ein Familienmitglied und den Ratschlag, sich während der Arbeit immer mal wieder nur für ein paar Sekunden von der Nähmaschine zu erheben und den Rücken durchzubewegen, geben. Wenn dies aus unserer Sicht auch nicht viel ist und einem die eigene Hilflosigkeit immer wieder spüren lässt, so ist es dennoch erstaunlich, wie sehr es gerade diese Patientinnen und Patienten ungemein schätzen, dass sich überhaupt jemand ihre Beschwerden, Sorgen und Nöte anhört und zumindest versucht, ihre Misere etwas zu lindern. Die Dankbarkeit und Herzlichkeit unserer Patientinnen und Patienten uns gegenüber ist unbeschreiblich und lässt uns immer wieder spüren, dass man hier etwas Sinnvolles macht.

Slum Gandaria entlang der Bahngeleise, auf welchen ca. halbstündlich Züge durchbrausen

Slum Gandaria entlang der Bahngeleise, auf welchen ca. halbstündlich Züge durchbrausen

Die durch die German Doctors in Dhaka medizinisch betreuten Slumbewohner, die unter unvorstellbaren Bedingungen häufig entlang der Bahngeleise hausen, kämpfen tagtäglich darum, einigermaßen genügend Nahrung für sich und ihre Kinder auf den Tisch zu bringen (falsch! Einen Tisch haben alle diese Leute nicht; in ihren Slumhütten finden sich keine Möbel-stücke).

Der Spielplatz dieser Kinder im Slum Kilgoan 2 sind ebenfalls die Bahngeleise

Der Spielplatz dieser Kinder im Slum Kilgoan 2 sind ebenfalls die Bahngeleise

Immer wieder mangelt es ihnen an Geld für die Nahrungsbeschaffung, so wie der 17-jährigen Rima, die mit ihrem Mann, einem Teeverkäufer und ihren kranken Schwiegereltern in den Straßen von Dhaka lebt. Sie gebar im November 2012 ihren ersten Sohn Raju, konnte ihn aber aus gesundheitlichen Gründen nicht stillen. Da das minimale Einkommen des Mannes nie und nimmer dazu ausreichte, genügend Säuglingsmilch zu kaufen, versuchte sie mit stark verdünnter normaler Milch und Reiswasser den Jungen über die Runden zu bringen. Anfang März wurde der inzwischen fünf Monate alte Raju krank. Er begann zu husten und hatte Fieber, weshalb sie sich erstmals in der Slum-Ambulanz der Ärzte für die Dritte Welt meldete. Die erhebliche Mangelernährung des 3,4 Kilogramm leichten Jungen wurde augenblicklich erkannt und Rima wurde mit ihrem Sohn in die „Feeding-Station“ der German Doctors aufgenommen. Ganz erfreulich legte er unter adäquater Ernährung innerhalb von 10 Tagen um ein Kilogramm auf 4,4 Kilogramm, zu. Die Mutter wurde während dieser Zeit genau instruiert, wie sie ihren Jungen ernähren sollte und sie war zuversichtlich, dass sie es nun schaffen sollte. Allein, sie scheiterte rasch wieder an der Realität des Alltags: das äußerst spärliche Einkommen des Mannes reichte nach wie vor nicht, um die vierköpfige Familie und das Kleinkind zu ernähren (Die Säuglingsmilch kostet pro Woche 1100 Taka = 11 €, dies ist mehr als das wöchentliche Einkommen der Familie!). Am 28. April meldete sich Rima wieder in unserer Ambulanz, da es ihrem Sohn nicht gut gehe. Sie realisierte wohl selber, dass Raju eigentlich nicht krank war, sondern sie ihn einfach nicht genügend ernähren konnte und er deswegen wieder auf 3,7 Kilogramm abgenommen hatte.

Raju war an diesem 28. April einer meiner ersten Patienten und ließ mich mit aller Wucht erkennen, dass es in diesem Projekt um mehr geht als nur um eine ärztliche Sprechstunde für Benachteiligte, die sonst kaum einen Zugang zu einer basismedizinischen Versorgung haben. Es geht vor allem auch darum, zu versuchen, diesen Benachteiligten, um die sich sonst eigentlich gar niemand kümmert, beizustehen und mit ihnen nach Lösungen in ihrem tagtäglichen Kampf ums Überleben zu suchen.

Raju mit seiner Mutter nach sechs Tagen in der „Feeding-Station“

Raju mit seiner Mutter nach sechs Tagen in der „Feeding-Station“

Raju wurde erneut in die „Feeding-Station“  aufgenommen und er gedeiht prächtig: nach sechs Tagen adäquater Ernährung bringt er 4,4 Kilogramm auf die Waage. Jetzt folgt aber der schwierigere Teil: einen Weg zu finden, wie er auch zuhause eine geeignete und ausreichende Ernährung erhalten kann.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Ein Leben zwischen Müllbergen – Einsatz der German Doctors auf Cebu

Ein Bericht von Ute Arend über ihren Einsatz auf Cebu, Philippinen

Cebu-City, die ca. eineinhalb Millionen Einwohner zählende Metropole auf der gleichnamigen Insel präsentiert sich im Internet als moderne aufstrebende Metropole mit großen Hotels, Hochhäusern, modernen Einkaufstempeln, dem größten Hafen der Philippinen und einem enormen Wirtschaftswachstum, besonders im IT- Bereich. Seit nunmehr fünf Wochen arbeite ich hier für die German Doctors und erlebe ein völlig anderes Cebu mit unzähligen Slums, Straßenkindern, ganzen Familien, die auf der Straße, Friedhöfen oder Müllhalden leben.

Blick auf das Slumgebiet von Maharlika

Blick auf das Slumgebiet von Maharlika

Wenn ich früher in Afrika an den Slums vorbeigefahren bin, habe ich immer nur die anonymen Wellblechdächer der Hütten gesehen, doch jetzt bin ich mitten drin. Mit einer „Rolling Clinic“ fahren wir täglich zu zwei unserer unterschiedlichen Standorte. In den Slums sind meist kleine offene Kapellen unsere Sprechzimmer, aber wir arbeiten auch unter Zeltdächern und sogar in einem richtigen Mausoleum auf einem Friedhof.

Wartende Patienten vor einer kleinen Kapelle im Slumgebiet Sawsawan

Wartende Patienten vor einer kleinen Kapelle im Slumgebiet Sawsawan

Zuerst sind immer die Mütter mit ihren kleinen Kindern dran, manchmal bringen sie gleich drei davon mit Husten, Durchfall oder Hautkrankheiten mit. Erwachsene kommen ebenfalls mit Husten oder Hauterkrankungen, aber auch mit Diabetes und Hypertonie. Erstaunlicherweise gibt es hier kaum Herzinfarkte, dafür aber umso mehr Schlaganfälle bei bereits jungen Patienten. Bei zwei Patienten behandle ich einen diabetischen Fuß. Hoffnung auf Heilung hatte ich am Anfang kaum. Beide waren zuvor im Krankenhaus und ihnen sollte der Fuß amputiert werden. Sie haben daraufhin das Krankenhaus verlassen und sind zu uns gekommen. So wie es jetzt ausschaut, sind beide Füße gerettet und dass nur mit ganz einfachen Mitteln und unter unmöglichen hygienischen Verhältnissen. Beide strahlen mich jedes Mal an, wenn sie kommen und sind super glücklich.

Zu unseren Einsatzorten gehören neben fünf Slumgebieten vier Müllhalden, ein chinesischer Friedhof, ein Drop-in-Center, wo wir Obdachlose und Straßenkinder betreuen und ein Bergdorf etwas außerhalb von Cebu.

Seit 14 Jahren lebt die Familie mit vier Kindern auf dem chinesischen Friedhof in dieser Gruft

Seit 14 Jahren lebt die Familie mit vier Kindern auf dem chinesischen Friedhof in dieser Gruft

Außerdem sind wir alle zwei Wochen bei den Badjaos. Das sind besonders arme Fischer einer ethnischen Minderheit, die ihre Hütten direkt ins Meer bauen und auch eine andere Sprache sprechen. Da brauchen wir gleich zwei Dolmetscher und es ist ein hin und her bis eine Diagnose steht.

Einladung in eine Hütte bei den Badjaos

Einladung in eine Hütte bei den Badjaos

Überall erlebe ich sehr viele unterernährte Kinder. Sie wiegen teilweise kaum fünf Kilogrammund sind schon über ein Jahr alt. Nur die kleinen, teilweise faltigen Gesichter lassen erkennen, dass es keine Säuglinge mehr sind. Mühevoll versuchen wir sie mit Nutipac, einer Mischung aus gemahlenem Reis und Mungobohnen aufzupäppeln. Doch immer wieder kommen sie mit Durchfall und Atemwegerkrankungen und jeder Erfolg ist zunichte gemacht.

14 Monate altes Kleinkind mit Unterernährung und gleichaltriges, normal entwickeltes Kleinkind

14 Monate altes Kleinkind mit Unterernährung und gleichaltriges, normal entwickeltes Kleinkind

Ich betreue u. a. ein Zwillingspärchen von 17 Monaten. Beide wiegen gerade einmal 6,5 Kilogramm und sind 66 bzw. 68 Zentimeter groß. In all den Wochen ist es mir nicht gelungen, trotz fast durchgängiger Antibiotikagabe, eine schwere Lungenentzündung beider Kinder zu heilen. Die Kinder husten ununterbrochen; es ist schwer mit anzusehen, wie sie leiden. Ich versuche immer wieder die Mutter zu überzeugen, dass sie mit den Kindern in eine Klinik muss, aber da sind noch acht weitere kleine Geschwister. Niemand ist da, der diese in der Zwischenzeit betreuen kann. Der Vater muss arbeiten, sonst hat die Familie nichts zu essen. Als sie eine Woche nicht kommen, mache ich mir Sorgen und wir machen einen Hausbesuch. Wir halten vor einer winzigen Bretterbude, die mich an den Hühnerstall meiner Kindheit erinnert. Die Bretter waren aber damals besser und dicht, dass hier ist nur notdürftig zusammen gezimmert. Ich schätze die Größe der Hütte auf 2,5 x 2,5 Meter. Wir können durch das Fenster direkt hineinsehen. Ein Bett, zwei Regale, ein winziger Tisch, eine Uhr und ein paar Bilder an der Wand und hängende Wäsche. Drei Kinder liegen auf dem Linoleum auf einer ganz dünnen einlagigen Bastmatte; ein kleines Kind liegt auf dem Bett und alle schlafen fest. Die Mutter und ihre älteste Tochter sind beim Wäschewaschen auf dem Hof und eines der Zwillinge steht in einem Wagen daneben. In dieser Hütte leben 12!!! Personen. Ich möchte ihre Privatsphäre nicht verletzen und mache kein Foto. Aber der Anblick prägt sich mir ein. Jedes Mal, wenn wir zu den auf den Müllhalden lebenden Filipinos fahren, habe ich einen dicken Kloß im Hals.

Leben auf der Dumpsite von Umapad

Leben auf der Dumpsite von Umapad

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Projekte