„Here we are!“

Ein Bericht von Dr. Anno Diemer über seinen Einsatz auf Mindoro/Philippinen

Eigentlich wollte ich gar nicht nach Mindoro. Vielmehr hatte ich mich für einen anderen Einsatz beworben, aber daraus wurde zu diesem Zeitpunkt leider nichts. Dann ergab sich die Notwendigkeit der Arztvertretung ausgerechnet für das Manila-Mindoro-Projekt und für Januar-März 2015. Da ich für diese Zeit keine Verpflichtungen hatte, übernahm ich die Vertretung und war natürlich erst recht gespannt, vor allem auf die Ureinwohner von Mindoro, die Mangyans. Im Internet erfuhr ich, dass diese etwa 8 Stämme bilden und noch etwa 100.000 Personen zählen, also etwa ein Zehntel der Inselbevölkerung von Mindoro stellen. Und es musste eine extrem friedliebende Bevölkerung sein, die gleichwohl in der Geschichte von muslimischen Sklavenjägern, spanischen Eroberern und Goldsuchern – der Name „Mindoro“ soll vom spanischen „mina de oro“ = „Goldbergwerk“ abgeleitet sein – und anderen stets viel Gewalt erfahren hatte und daher in die Unzugänglichkeit des zentralen Gebirges, gut 2.600 m hoch, geflüchtet war. Bis heute hätten sie dort eine urtümliche Lebensform mit Jagen, Sammeln und etwas Trockenreisanbau und auch eine sehr einfache Bekleidung bewahrt.

Auf Mindoro bieten die German Doctors seit vielen Jahren Basismedizin an, außer den staatlichen Impf- und halbjährlichen Entwurmungskampagnen die einzige quasi hausärztliche Versorgung überhaupt. Von der rührigen Langzeitärztin Dr. Fe „Pinky“ kommt viel allgemeine und klinische Information. So erfahre ich, dass es auf Mindoro mehrere Nord- und Südrouten gibt, die von zwei “staff houses“ aus betrieben werden.

Mein Flug ist tadellos, das Finden des “accredited taxi“ etwas schwierig, und vor allem kennt sich der Fahrer in Bagong Silang nicht aus. Abholung durch einen entsprechenden Dienst ist wünschenswert! Auf der fast dreistündigen Fahrt viel Stau, einige Slums, viele Hochhäuser, viele Papst-Franziskus-Plakate, da sein Besuch erst ein paar Tage zurückliegt. In Manila habe ich eine Woche lang Dienst in verschiedenen Slums und in der Ambulanz des Health Center, wo die Ärzte auch wohnen. Das ist zu viel Wechsel, um die Bereiche besser kennenzulernen. Die Atmosphäre im Center ist sehr freundlich. Am 2. Tag erfahre ich beim Essen aber von einem blutigen Überfall durch radikal muslimische Angreifer mit über 40 toten philippinischen Elitesoldaten auf Mindanao, leider aber wenig Genaues, und danach scheint Nachrichtensperre zu sein. Am selben Tag gibt es eine echte Live-Gesangsdarbietung zu meiner und zur Ehre der beiden Kolleginnen Gudrun und Helga, die auch gerade angekommen sind, mit dem Mitarbeiterinnen-Chor des Centers, Dr. Pinky und schwungvoller Gitarrenbegleitung. Dann müssen wir Neuen über uns und unsere Motivation berichten und viele Fragen beantworten.

German Doctors Philippinen

Untersuchung auf der Rolling Clinic

Nach einer Woche geht es für mich nach Mindoro, zunächst in stundenlanger Busfahrt zum Hafen von Batangas an der Küste. Hier erwische ich die ehrwürdige, aber schon stark verrostete Fähre „Maria Oliva“ der „Montenegro“-Reederei. Da die See ruhig ist, haben wir eine gute Überfahrt, aber für spätere Fahrten ziehe ich die deutlich besser aussehende „Fast cat“ oder „Super cat“ doch vor. In Calapan auf Mindoro treffe ich sofort auf Rolando, den liebenswürdigen Fahrer vom Team der Nordgruppe, mit seinem schneeweißen Ford Ranger. Das staff house liegt nicht sehr weit weg, aber etwas versteckt. Hier begrüßt mich zuerst Leocelyn, die immer hilfsbereite und sehr aktive Stationsleitung und erprobte Köchin, während das übrige Team am nächsten Morgen komplett ist.

Mein Einsatz umfasst 2 Runden “rolling clinic“ im Norden von Mindoro von 5 bzw. 9 Tagen und eine Runde von 9 Tagen im Süden. Dann geht es zu 5 geht los. Der Weg ins Inselinnere von Calapan aus führt durch ein flaches, später bergiges Land der vielen Grüntöne – Reisfelder, Wiesen, Bananenpflanzen und Wald, manchmal der Gipfelgrat zwischen den Wolken. Es geht durch viele kleine Orte, vorbei an einigen großen Schulzentren mit Stiftertafeln – manchmal sehen wir viele Jungen und Mädchen in Schuluniform in und auf dem Dach von Jeepneys -, dann durch Bananen- und Kokosnußplantagen an den Fuß der Berge. Die Schwierigkeiten für den Fahrer nehmen zu, Rolando wird mit allen Tücken der rutschigen, steilen und steinigen und manchmal überfluteten Piste souverän fertig, um dann irgendwann mitten in der Natur vor einer weiß-roten älteren Hängebrücke anzuhalten: “Here we are!“ Dort gibt es nur eine winzige strohgedeckte Hütte mit einem Raum. Zunächst laufen wir alle über die schwankende und rostige, aber noch stabile Brücke, um im Dorf die frohe Kunde von unserer Ankunft zu verbreiten.

Rolling Clinic Philippinen

Auf dem Weg nach Baras im Norden von Mindoro

Etwa in Dorfmitte ein rechteckiger betonierter Spielplatz mit Basketballkörben, trotz der sommerlichen Temperaturen eifrige Tor- bzw. Korbjäger, die geschickt den allgegenwärtigen Kleinkindern, Schweinen und Hunden ausweichen. Rings umher kleine, teils offene Hütten, viele mit Geflechtmatten bedeckt. Teils sind die Dächer aus Wellblech und teils aus Cogongras und Palmblättern. Vereinzelt werben Plakate für Politiker von vorgestern, wir entdecken auch die bekannten weiß-grünen Plakate der German Doctors mit den Daten unseres Besuches. In diesem Iraya-Ort hatte Rebeca, meine Übersetzerin, Familienangehörige – willkommene Gelegenheit zu einem kurzen Wiedersehen. Kein Wunder, dass es keine Sprachhürden im Mangyanland geben würde! So oder ähnlich, wenn auch viel kleiner sah ich viele Dörfer dieser Menschen.

German Doctors auf Mindoro

Beschwerliche Fahrt

30 Minuten später ist die kleine Hütte mit Stoffbahnen, viel Tatkraft und Phantasie so umgerüstet, dass sie allen Anforderungen gerecht wird, und die Sprechstunde auf 4 qm kann beginnen. Viele Familien kommen mit drei oder mehr Kindern, die Frauen oft in traditioneller gemusterter Kleidung. Bei Jungen ab etwa 6 Jahren und den oft nur mit Hemd und einem Lendentuch bekleideten Männern ist eine große Machete, in einer Holzscheide sicher umgehängt, offenbar unverzichtbar. Parallel hören wir von draußen die kräftige Stimme von Cecile, die Unterricht für die interessierten Wartenden erteilt. Heute ist „Family Planning“ angesagt. In manchen Orten erinnert buntes Treiben mit vielen Zuschauern an einen Jahrmarkt, vor allem braucht sich der Zahnarzt nicht über Mangel an Interesse zu beklagen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig Missverständnisse es trotz der doppelten Sprachbarriere gibt, und froh, dank des ersten Einsatzes in Mindanao schon erste Erfahrungen mit der philippinischen Mentalität gemacht zu haben.

Schulung der Patienten

Fortbildung durch Rebeca

Das Krankheitsspektrum ist umfassend, an einigen Standorten aber gibt es auffallend viele Hautpilzerkrankungen, an anderen Malnutrition, also mittelschwere bis schwere Mangelernährung bei Kindern. Neben den vielen Luftwegsinfekten („cough and cold“) leiden viele Kinder unter Wurmbefall und Krätze; häufig sind ferner Asthmaerkrankungen in allen Lebensaltern und natürlich vielfältige Infektionen und viele chronisch kranke Patienten unter Dauertherapie. Die machen die wenigsten Probleme, unbefriedigend erscheint mir die Situation vieler Menschen mit Verschleißkrankheiten der Wirbelsäule und Gelenke, denen wir nur eine vorübergehende Linderung verschaffen können. Auf ihre schwere körperliche Arbeit sind sie nun einmal angewiesen, und wirksame physikalische Therapien oder Hilfsmittel sind nicht in Sicht. Einige berichten, dass sie bereits von einer Nachbarin Massage erhalten als willkommene Selbsthilfe. Bei den Dermatophyten und den dadurch ausgelösten Tinea-Erkrankungen der Haut verzeichnen wir auffallend viele therapieresistente Befunde und Rückfälle, die mit den Bordmitteln anders als früher leider nicht mehr wirklich kurativ behandelt werden können. Hier muss ich auf symptomatische Maßnahmen zurückgreifen.

Trotzdem gibt es überwiegend positive Erfahrungen. So sehe ich bei der ersten Nordrunde an einem Ort zwei schwer kranke Kinder, in Europa ein klarer Fall fürs Hospital. Das eine ist ein Säugling mit massiv superinfizierter seborrhoischer Dermatitis vor allem im Gesicht und Hals, das andere ein etwa 10-jähriger Junge mit schwerem Asthma. Hier muss alles, was vorhanden ist, auch zum Einsatz kommen. Die Eltern sind nur dazu zu bewegen, bei einer Verschlechterung ins Regionalhospital zu kommen – ein Tag Fußmarsch wäre das. . . Wie groß ist meine Erleichterung, als ich beide Kinder beim zweiten Besuch eine Woche später wieder sehe und beide gut gebessert vorfinde! An einem anderen Ort sehe ich eine Frau mit einer stark juckenden und massiven Hautflechte, langfristig nicht zur Rückbildung gebracht. Hier kann die Therapie noch intensiviert werden. Auch sie stellt sich bei der zweiten Runde wieder vor, obwohl nicht einbestellt – nur, um sich beim Team für die gute Behandlung zu bedanken: vor allem hat das Jucken aufgehört! Für dieses Treffen hat sie erneut den Fußweg von mehr als zwei Stunden auf sich genommen. Überhaupt haben wir ganz viel Dankbarkeit erfahren, auch jenseits der medizinischen Hilfe. Auf der Südroute treffe ich in einem kleinen Dorf eine Mangyanfrau, die selbst Stoffe am Webstuhl herstellt, und kann ihr ein schönes Stück zum gewünschten Preis abkaufen. Am nächsten Tag bekomme ich dann, überbracht von einer Frau aus dem RC-Team, ein von dieser Weberin selbstgemachtes Armband aus kleinen Perlen, verziert mit meinem Namen, das ich nicht bezahlen darf. . .

Mindoro

Das Dorf Latanyang im Norden

So sehe ich in meinem Einsatz weit über 1.100 Patienten, und auch unser Zahnarzt im Inselsüden, „Dr. Heinz“ genannt, ist gut ausgelastet. Sehr bereichernd finde ich die Zusammenarbeit mit ihm; gegenseitig können wir uns täglich spannende klinische Befunde am Patienten zeigen. Mich beeindrucken besonders die vielen kariös zerstörten Gebisse, durch Betelkauen total schwarze Zähne und bizarre Fehlstellungen. Ein herzlicher Dank auch an ihn und an die beiden großartigen Teams im Norden und Süden von Mindoro! Leider ist die letzte Woche für „Dr. Heinz“ und mich mühsam, da wir beide an einer heftigen Bronchitis erkranken. Dabei lerne ich den legendären Hustentee aus Lagundiblättern, das landesweit altbewährte Heilmittel der Philippinen, kennen: täglich frische Blätter pflücken, mindestens 10 Minuten ziehen lassen, heiß trinken – extrem bitter (da leider ohne Honig serviert), aber effektiv. Aber vielleicht muss eine gute Medizin ja auch bitter schmecken . . .

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Wer sind die Sextouristen?

Ein Bericht von Dr. Harald Kischlat, Vorstand der German Doctors, über seinen Projektbesuch auf den Philippinen

Bei meinem Besuch unseres Projektes in Cagayan de Oro, Philippinen, habe ich natürlich auch unser Malisa Home besucht, ein Heim für Mädchen, die von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung betroffen waren. Im Zusammenhang mit dem Malisa Home arbeiten wir eng mit der Selbsthilfeorganisation Tisaka zusammen. Die Frauen von Tisaka, zum größten Teil ehemalige Prostituierte, gehen jeden Abend durch die Straßen und in die Clubs, um den Mädchen, die dort ihren Körper verkaufen müssen, ihre Rechte aufzuzeigen und um zu verhindern, dass sie – aus vielerlei Gründen – selber anfangen, ihre Freundinnen, ihre Schwestern zu prostituieren.

Philippinen Sextourismus - Malisa Home

Das Malisa Home der German Doctors

Auf den Philippinen ist Sextourismus ein großes Problem. An einem der Abende während meines Besuchs begleiten wir die Frauen von Tisaka in einen der Clubs. Etwa 15 Mädchen und einige Jungs, die sich als Mädchen kleiden, kommen in einen der größeren „privat rooms“ und hören sich die Schulung von Tisaka an. Sie sind alle noch sehr jung, ein Großteil mit Sicherheit noch nicht volljährig. Der Club ist ein mieser, heruntergekommener, stinkender Laden. Im Erdgeschoss eine billige Bar mit Tanzfläche, auf der die Mädchen später am Abend tanzen werden. Im ersten Stock Zimmer verschiedener Größe, zum Teil mit Monitoren, alle mit Sofas, alle speckig, alles irgendwie eklig.

Damit die Frauen von Tisaka überhaupt die Chance haben, in einem solchen Club ihre Schulung abzuhalten, müssen sie recht früh am Abend da sein. Bei unserem Besuch sehen wir deshalb noch keine Kunden, sie werden erst später kommen. So bleibt die Frage, die mir die ganze Zeit im Kopf herumschwirrt, an diesem Abend unbeantwortet: Was sind das eigentlich für Männer, die hierhin kommen? Die dafür bezahlen, dass junge Mädchen ihnen in dieser Umgebung zu Willen sein müssen? Deren Geld der Grund ist, warum das alles passiert: Menschenhandel, Verschuldung, Sklaverei, Gewalt. Die zerstörten Seelen dieser Mädchen und Jungs sind dabei nur ein Abfallprodukt dieser Geldmaschine, deren Treibstoff die Gier und die krankhafte Lust von Männern sind. Was für Männer sind das, die als Sextouristen die Philippinen besuchen?

Sextourismus auf den Philippinen

Die Organisation Tisaka bekämpt die Folgen des Sextourismus auf den Philippinen

Am nächsten Tag treffe ich zufällig zwei dieser Männer. Wir fliegen zuerst von Manila nach Abu Dhabi, dann von dort nach Frankfurt. Beim Anschlussflug von Abu Dhabi sitzen die Beiden neben mir: Einer groß, mittelalt, über-übergewichtig und nicht sonderlich gepflegt, der andere im Rentenalter, gekleidet mit praktischer Reiseweste. Der eine, der Ungepflegte, kommt gerade aus Thailand zurück, wo er vier Monate im Jahr verbringt, der andere hat vier Wochen in Sri Lanka Urlaub gemacht. Der Schmierige duzt den älteren Herren gleich. „Woher kommst Du? Wo warst Du? Wie ist das Essen in Sri Lanka? Was sind die da alle? Hindus?“ „Nein, so Buddhisten.“ „Und die Mädchen? Wie kommt man an die ran? Selber nicht, ne?“ „Immer über die Typen, über die Taxifahrer und so.“ „Und ich sag’ Dir mal was, also, ich bin ja nicht schwul, aber die Ladyboys in Thailand sind auch nicht schlecht, die wissen ja am besten, was man als Mann so will…“

Mir reicht‘s! Ich beuge mich rüber und sage genau das. „Was denn?“ Ich erkläre, dass ich gerade bei einer Organisation war, die Minderjährige aus diesem Sumpf herausholt, und dass ich das nicht hören will. „Ah, bist wohl von `ner NGO? Ja, toll, die NGOs. Weißte, das sind No Government Organisationen. Die kenne ich, die Typen. Weißte, die haben immer die schicksten Häuser, und was die für Autos fahren, NGOs, ach erzähl mir doch nichts.“

Mal abgesehen davon, dass es ja nichts an seinem frauen- und damit menschenverachtenden Verhalten ändert, wenn NGOs tolle Büros oder große Autos haben, ist er damit bei uns eh an der falschen Adresse. Egal. Das Gespräch ist jedenfalls beendet. Der Rentner schaut etwas peinlich berührt in die andere Richtung, der Ungepflegte brummelt noch ein bisschen rum, hält aber auch bald ganz den Mund.

Das Deprimierendste daran ist, dass diese Männer – wie so unendlich viele andere – augenscheinlich zu dumm sind, zu begreifen, was sie tun. Dass sie glauben – weil sie es glauben wollen – dass es für die Mädchen nicht schlimm ist, sich jeden Tag den Wünschen unzähliger fremder Männer beugen zu müssen. Dass sie nicht sehen, dass es beim Sextourismus um Gewalt und moderne Sklaverei geht. Dass sie so wenig begreifen, dass sie sogar im Flugzeug bei einem Gespräch zwischen Fremden ganz einfach und locker darüber reden. So, wie andere über die billigen Ledertaschen-Imitate, die sie bei der Türkeirundreise so günstig erstanden haben. Dass sie einfach gar nichts von alledem kapieren. Und dass sie daheim in Speyer vielleicht ganz nette Nachbarn sind. Es ist – mit Verlaub – zum Kotzen.

Hat es irgendeinen Sinn, mit solchen Männern darüber ausführlicher zu reden? Ich weiß es nicht, aber ich kann es mir nicht vorstellen – erst recht nicht nach dem jüngsten Erlebnis auf dem Flieger. Wenn diese Männer Straftaten begehen, müssen sie dafür bestraft werden. Hoffentlich wird das immer häufiger passieren. Aber es hat auf jeden Fall Sinn, vor Ort, in den Dörfern Aufklärung zu betreiben, damit keine Familie mehr auf die falschen Versprechungen der Schlepper hereinfällt. Es hat Sinn, Tisaka weiter zu unterstützen, damit sie in die Clubs gehen, um die Mädchen und Jungs über ihre Rechte aufzuklären. Damit sie für sie da sind. Damit sie weiter ihr Drop-In-Center aufrecht erhalten können, in dem die Mädchen von der Straße wenigstens für ein paar Stunden Ruhe und ehrliche Zuwendung finden. Und es hat Sinn, unser Malisa Home weiter zu betreiben, damit es einen sicheren Ort für Mädchen gibt, die Opfer von Menschenhandel und solchen Männern geworden sind, wie ich sie zuletzt erleben musste.

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Auf Mindoro im Einsatz

Ein Bericht von Dr. Franz Marquart über seinen Einsatz auf Mindoro/Philippinen

Bei meinem zweiten Einsatz auf den Philippinen (erster Einsatz 2013 in Cebu) war ich 4 Wochen in Manila und 2 Wochen auf Mindoro. Auf Mindoro war ich für die “Nordtour” eingeteilt. Unser Quartier war in Calapan, dem Hauptort der Insel, wo wir in einem ordentlichen Haus mit eigenem Zimmer, mit WLan-Anschluss und mit Gemeinschaftsdusche wohnten.Das Team bestand aus Leocelyn, der Leiterin, Rachel, meiner Übersetzerin, Cecilia, zuständig für die Aufnahme, Elgean, zuständig für die Apotheke, und Rolando, dem Fahrer.

Wir hatten einen relativ neuen Ford-Geländewagen zur Verfügung, der sich bei unseren abenteuerlichen Fahrten in die Berge Mindoros bestens bewährte. Täglich steuerten wir andere Dörfer vor und in den Bergen an, die Anfahrtszeit betrug wegen der schlechten Straßenverhältnisse bis zu 2 Stunden. Unsere Konsultationsräume waren meist strohgedeckte Hütten, wo wir mit Vorhängen unseren Untersuchungsbereich abschirmten.

Einsatzarzt Dr. Marquart

Einsatzarzt Dr. Marquart

Auf Mindoro leben die Mangyans, eine indigene Bevölkerung, in sehr einfachen Verhältnissen. Soweit ich es beurteilen kann, ist die Regierung der Philippinen bemüht, deren Bildungsstandard durch den Bau von Schulen und die gesundheitliche Versorgung dieser Menschen zu verbessern. Auch die katholische Kirche, insbesondere die Steyler Missionare, engagiert sich hier.

Mangyans

Auf Mindoro leben hauptsächlich die Mangyans

Bei unseren Besuchen in den Bergdörfern waren wir immer von zahlreichen Besuchern, besonders auch Kindern, umringt, für die der Besuch des Arztes ein besonderes Ereignis darstellt. Die Aufnahme ist rasch überfüllt, die Kinder werden gemessen und gewogen, und die erwachsenen Patienten, meist Mütter mit ihren Kindern, warten geduldig, bis sie aufgerufen werden. Es gibt überwiegend Erkältungs-, Durchfall- und Hauterkrankungen, einige Kinder auch mit schwerer Unterernährung. So wog z.B. ein 2-monatiges Kind 2400g, die Mutter krank, wahrscheinlich Tuberkulose, zu Hause noch 8 Geschwister, die von der Großmutter versorgt werden. Bei den Erwachsenen gab es neben Wundversorgungen v.a. Schilddrüsenerkrankungen, Diabetes mellitus, chronisches Ekzem, COPD und auch einzelne Fälle mit Tumorverdacht. Insgesamt hatte ich aber den Eindruck, dass die Mangyans trotz sehr einfacher Lebensbedingungen ein gesundes Völkchen sind.

Unterernährung Philippinen

Immer wieder unterernährte Kinder

Auf Mindoro überraschte uns ein schwerer Taifun, den wir in unserem gemauerten Quartier trotz schweren Sturms und sintflutartiger Regenfälle sehr gut “abwettern” konnten. Die Mangyans wurden vor Taifun Hagupit von den Behörden aus ihren Bergdörfern evakuiert und in Schulen, Turn- und Basketballhallen untergebracht, wo wir sie ärztlich versorgten.

Taifun Hagupit

Nach Taifun Hagupit

Mein Fazit: Es war wieder ein höchst interessanter und bewegender Einsatz. Die Mangyans sind sehr freundliche, offene, dankbare Patienten, die sicherlich weiterhin unserer medizinischen Hilfe bedürfen. Hier lohnt sich der Einsatz, auch was die Zahl der Patienten anbelangt. Die Insel ist grün, die Natur prächtig, auch wenn wir viele Regentage ertragen mussten.

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Zwei besondere Patientinnen

Ein Bericht von Dr. Monika Euler über ihren Einsatz in Buda/Philippinen

Im Januar bin ich zum 6. Mal aus Buda auf der philippinischen Insel Mindanao zurückgekommen. Und wie immer, bin ich ein „bisschen geschafft“ und zufrieden in Frankfurt gelandet.

Heute, nach 6 Wochen Alltag in der stationären Gyn/Geburtshilfe in Deutschland, gehen mir immer noch zwei Patientinnen häufiger durch den Kopf. Zum einen war das die 16-jährige Erstgravida, die wir in Buda im Kreissaal mit regelmäßiger Wehentätigkeit aufnahmen. Begleitet wurde die junge Mutter, ein eher verängstigter Teenager, von dem Vater des Kindes, der kaum älter war. Ungewöhnlich, dass keine Mutter, Tante oder Schwiegermutter als Unterstützung im Kreissaal war. Das Mädchen, die werdende Mutter bekam ein kleines Mädchen und nahm ihr Kind direkt nach Geburt überglücklich in die Arme. Das ist durchaus nicht immer so. Beim ersten genauen Hinschauen stellten wir fest, dass das Neugeborene eine große und somit auch das Gesicht doch entstellende Lippen-Kiefer-Gaumenspalte hatte. Ich dachte nur: wie soll das gut gehen? Denn diese Diagnose ist gleichbedeutend mit: Stillen ja, aber über den Umweg des Abpumpens und des Fütterns mit der Flasche, präpariert mit einem speziellen Sauger. Gottseidank hatten wir einen Vorrat dieser Sauger, da der Kinderarzt auf Nachfrage vor meiner Anreise diese Sauger erbeten hatte. Zügig nach der Geburt habe ich eine erfahrene und engagierte Hebamme, die auf Station im Dienst war, gebeten, sich besonders um diese Patientin zu kümmern. Das heißt in erster Linie immer wieder die Milchpumpe an die Brust zu legen, damit die Milchbildung in Gang kommt und der Mutter das Füttern mit der Flasche beizubringen, ohne dass das Kind sich verschluckt, heißt, die Milch in der Lunge landet.

German Doctors auf den Philippinen

Die junge Mutter mit ihrer Schwester

Ehrlich gesagt habe ich nicht wirklich geglaubt, dass das klappen wird. Aber ab dem zweiten Lebenstag des Kindes verzeichneten die Schwestern auf Station eine stete Gewichtszunahme und das nur durch Muttermilch der eigenen 16-jährigen Mutter. Das ist selbst für deutsche Verhältnisse nicht die Regel – auch ohne Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. Ich war absolut begeistert, fast aus dem Häuschen vor Freude und überzeugt, dass diese kleine Familie es schaffen wird, das Kind bis zur Operation (dafür ist ein bestimmtes Gewicht und Alter Voraussetzung) durch zu bekommen. Jeden Tag aufs Neue habe ich mich über die Fortschritte gefreut, auch darüber dass die Patientin und ihre inzwischen eingetroffene wenig ältere Schwester sich darüber Gedanken machten, wie sie eine Milchpumpe finanzieren könnten.

German Doctors auf Mindanao

Meine rote Jacke blieb als Geschenk in Buda

Die andere Patientin – nach meiner Rückkehr erreichte mich eine Mail der Kollegin, die mich abgelöst hat, mit einem Foto von ihr. Ich hatte eh vorgehabt, die rote Jacke in Buda zu lassen und mich dann entgegen meiner üblichen Gewohnheit (nicht an einzelne Patientinnen irgendetwas zu geben) entschlossen, diese Jacke einer 15-jährigen Patientin zu geben, mit dem Auftrag, dafür gesund werden zu wollen. Eine Woche haben wir dieses Mädchen betreut, das in den Monaten zuvor schreckliche Dinge erlebt hatte, bevor klar wurde, dass sie die verordneten Medikamente nicht einnahm – aus Angst.

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Ein ganz normaler Arbeitstag

Ein Bericht von Dr. Christian Repp über seinen Einsatz in Kalkutta/Indien

Um kurz vor sieben klingelt mein Wecker. Nach dem gemeinsamen Frühstück mit den anderen Kollegen geht es raus vor die Tür. Dort stehen schon unsere Teams und die Einsatzfahrzeuge bereit. Es ist Freitag, das heißt drei Doctors fahren in die Foreshore Road und die anderen drei nach Bojerhat. Zum Einsatzbeginn wird jeder Doctor einem Team zugeteilt, woraus sich dann die jeweiligen Einsatzorte ergeben – der Rhythmus ist jede Woche gleich und es gibt zur Zeit insgesamt sieben verschiedene Ambulanzen. Die Foreshore Road, an der wir vier Mal pro Woche arbeiten, ist ein umfunktionierter Hühnerstall in einem recht zentral gelegenen städtischen Slum hinter dem Ufer des großen Flusses Hooghly. Bojerhat ist ein ärmliches Dorf am östlichen Rand von Kalkutta, zwischen Reisfeldern und Lederfabriken, die Reise dorthin ist etwas weiter und wird nur einmal pro Woche unternommen. Für mich geht es heute also wieder in die Foreshore Road. Unser alter Mercedes-Bus kämpft sich durch das morgendliche Verkehrschaos der Andul Road, das gesamte Team von ca. 12 Leuten sitzt hinten drin, die ganze Ausrüstung (Medikamente, Impfungen, Verbandsmaterial, etc.) ist auch dabei.

Ambulanz der German Doctors

Unsere Ambulanz in der Foreshore Road

Nach etwa einer halben Stunde erreichen wir die Ambulanz. Im Eiltempo werden die Kisten ausgeladen und alle Arbeitsplätze aufgebaut. Vor der Ambulanz warten schon sehr viele Menschen. Viele sind vermutlich schon seit Stunden dort um sich einen guten Platz in der Schlange zu sichern. Unser Mitarbeiter Vincent macht eine Durchsage über sein Megafon, um den Patienten die Abläufe zu erklären und schwer kranken Menschen evtl. das rechtzeitige Aufsuchen eines Krankenhauses nahe zu legen. Es bilden sich drei Reihen – Kinder mit ihren Müttern, Männer und Frauen. Danach kommt das Stempeln. Wir einigen uns darauf, dass wir mit 3 Ärzten heute ungefähr 120-130 Patienten versorgen können – je nach Kapazitäten am Nachmittag können noch mehr dazugenommen werden. Der Andrang ist von Tag zu Tag unterschiedlich. Leider sind heute vor allem bei den Frauen deutlich mehr in der Schlange, als wir vernünftigerweise schaffen können. Bei 40 ist also erstmal Schluss. Einem Kollegen fällt aber noch eine ältere Frau auf, die weiter hinten in der Schlange auf dem Boden sitzt und sehr krank aussieht, sie bekommt auch noch einen Stempelabdruck von mir und wird in der Schlange vorgezogen. Sofort drängelt sich noch eine Gruppe anderer Frauen um uns herum, alle fordern wild gestikulierend auch noch einen Stempel. Das Ablehnen fällt mir natürlich schwer, aber unsere Kapazitäten haben leider Grenzen und es gilt in Kalkuttawie auch sonst überall, dass eine vernünftige Versorgung nur möglich ist, wenn man sich auch genügend Zeit für jeden Patienten nehmen kann.

Registrierung der Patienten

Die Patienten werden registriert

Die ersten Patienten werden umgehend registriert und ich gehe mit meiner Übersetzerin Jhuma zu unserem Arbeitsplatz. Jhuma arbeitet schon seit vielen Jahren im Projekt. Ihre Motivation und Energie haben mich immer wieder beeindruckt, zumal sie sich alle 6 Wochen an einen neuen Doctor gewöhnen muss. Übersetzer sind nötig, weil die Patienten etwa zur Hälfte Analphabeten sind und fast niemand von ihnen Englisch spricht. Im Viertel um die Foreshore Road werden drei Sprachen gesprochen, was auch auf die Herkunft und den kulturellen Hintergrund der Patienten schließen lässt: Hindus aus der Region sprechen die örtliche Sprache Bengali, die vielen aus dem Nachbarstaat Bihar Eingewanderten sprechen einen Hindi-Dialekt, und viele Muslime sprechen hauptsächlich Urdu.

Meinen ersten Patienten heute muss ich gar nicht viel fragen. Er streckt mir seine linke Hand entgegen, sie ist geschwollen und mit einem schmutzigen Verband umwickelt. An mehreren Stellen schimmert Eiter durch. Aus einer kleinen Verletzung ist eine schlimme Handphlegmone geworden. In Deutschland würde man so jemanden sofort stationär aufnehmen, er würde sicherlich innerhalb weniger Stunden operiert werden. Aber in Kalkutta? Bei uns bekommt er ein orales Antibiotikum und einen frischen Verband. Außerdem schicken wir ihn in Begleitung einer unserer Mitarbeiter ins Medical College, die örtliche Uniklinik, wo er wenigstens ambulant einen Handchirurgen sehen kann – dort wird dann meist der Eiter drainiert, eine richtige Operation erfolgt in der Regel nicht. In Kalkutta gilt die Grundregel, dass Patienten nur stationär untergebracht werden, wenn sie sich nicht mehr allein auf den Beinen halten können.

Mein zweiter Patient ist ein 10jähriger Junge, der in Begleitung seiner Mutter reingehumpelt kommt. Schon seit 2 Monaten humpelt er, das rechte Knie tut ihm weh, am Knochen darunter ist eine harte Schwellung. Verletzt hat er sich nicht. Ich veranlasse sofort ein Röntgenbild in einem nahe liegenden Diagnostik-Zentrum, als unbefundeten „Wet Film“, damit der Junge schon in 2 Stunden mit dem Bild wieder zu uns kommen kann. Meine Kollegen und ich sind uns schließlich nicht sicher, ob der Befund im Röntgen einem Tumor oder einer Osteomyelitis entspricht. Wir entschließen uns gemeinsam zu einer Aufnahme auf unsere hauseigene Kinderstation, die von indischen Kinderärzten geführt wird und sich im gleichen Gebäude wie unsere Wohnung befindet. Dort kann auch leicht mal ein Spezialist dazugezogen werden. Ein paar Tage später stellt sich heraus, dass es sich „nur“ um eine Osteomyelitis handelte und der Junge mit oraler antibiotischer Therapie nach Hause entlassen wurde.

Nach diesen beiden Fällen war ich schon mal ziemlich geschafft. Unsere Möglichkeiten sind manchmal doch sehr begrenzt. Zum Glück kamen die nächsten Patienten mit Problemen, bei denen wir Doctors deutlich besser helfen können. Im Laufe des Vormittags sah ich noch viele Kinder, die meisten mit eher harmlosen Problemen – „cough, cold and fever“ oder Durchfall. Relativ häufig sind auch bakterielle Hautinfektionen und Scabies. Die wichtige Aufgabe besteht darin die Kinder herauszufiltern, die schwer krank sind und eine stationäre Versorgung benötigen. Doch bei denen ist es nicht immer leicht, die Angehörigen von der Notwendigkeit einer solchen Behandlung zu überzeugen. Viele Mütter sind an ihre häuslichen Verpflichtungen gebunden und können nicht mit ins Krankenhaus. Manche von ihnen willigen zunächst ein, gehen aber noch kurz raus um angeblich ihren Mann zu fragen und kommen dann nie wieder. Daher bekommen alle solche Patienten von uns auch Medikamente für eine ambulante Therapie mit.

Patienten der German Doctors

Ein Großteil der Patienten sind Kinder

Bei den weniger kranken Kindern werden die Impfungen überprüft, und je nach Bedarf werden Entwurmungen und Vitamin-Substitutionen durchgeführt. Fälle von Erblindungen durch Vitamin-A-Mangel und Rachitis durch die schlechte Ernährung und die fehlende Sonnenexposition in den engen Gassen der städtischen Hochhaus-Slums waren früher ziemlich häufig, werden aber auch heute immer wieder gesehen. Der ebenfalls häufige Eisen- und Zink-Mangel schwächt das Immunsystem und begünstigt Infektionen. Studien dazu haben gezeigt, dass eine gezielte Substitution die Morbidität und Mortalität von Kindern reduzieren und ihre körperliche und geistige Entwicklung begünstigen kann. Für deutlich mangelernährte Kinder besteht die Möglichkeit sie in ein Ernährungsprogramm aufzunehmen. Vor allem bei kinderreichen Familien oder jungen Müttern bespreche ich regelmäßig das Thema Familienplanung, hierfür stellen wir verschiedene Methoden der Kontrazeption zur Verfügung.

Eine kleine Patientin

Eine kleine Patientin mit „cough, cold and fever“

Am späteren Vormittag kommen vermehrt die erwachsenen Patienten dran. Viele von ihnen sind chronisch krank. Ihre Krankenakte bringen alle Patienten in Form von gelben Kärtchen mit, daraus erkenne ich dass viele schon seit Jahren bei uns in Behandlung sind. Ähnlich wie in deutschen Hausarztpraxen gibt es viele Fälle von Hypertonie, Diabetes und COPD. Vor allem die Häufigkeit von Diabetes erstaunt mich, dies ist in Indien auch genetisch bedingt. Viele Typ-2-Diabetiker sind noch relativ jung, und die meisten sind schlank. Immer wieder kommen auch Patienten mit Verdacht auf Tuberkulose, in verschiedensten Ausprägungen. Diese Seuche hat sich zwar in den letzten Jahrzehnten in ihrer Häufigkeit verringert, bestimmt aber immer noch das Schicksal vieler Familien. Für viele ist die Krankheit ein Stigma, so dass Symptome und Vorgeschichte oft verschleiert werden und Diagnose und Therapie deutlich erschwert sind. Für die Therapie sind letztendlich die örtlichen „TB-Doctors“ zuständig, wir sind hierbei vor allem für das Herausfiltern und Vermitteln zuständig. Bis zur Mittagspause habe ich schon drei Patienten mit chronischem Husten zur Sputum-Untersuchung geschickt, einen davon noch zusätzlich zum Röntgen. Um 13 Uhr setze ich mich schließlich mit meinen Kollegen zusammen. Zum Essen haben wir wie immer eine Lunch-Box mitbekommen, mit leckerem Chapati und verschiedenen Gemüse-Curries.

Mein erster Patient nach der Mittagspause wedelt mit seinem Röntgenbild, was ich am Morgen veranlasst hatte. Der Rikscha-Fahrer hat sich tatsächlich eine Mittelhandfraktur zugezogen, als das Taxi seine linke Hand gestreift hat. Ich bespreche mit unserer Verbandsschwester was sie für einen Gips machen soll und verschreibe noch ein paar Schmerzmittel für die nächsten Tage. Der nächste Patient ist auch Rikscha-Fahrer. Vor ein paar Tagen sei ihm beim Beladen seiner Rikscha ein riesiger Stoffballen auf den Kopf gefallen. Seitdem tut ihm sein Kopf ein bisschen weh, sonst habe er keine Probleme. Auch er wird mit Schmerzmitteln versorgt. Im Laufe des Nachmittags kommen auch mehrere Frauen, die über diffusen „Body Pain“ klagen. Wenn ich mir so anhöre mit welchen Tätigkeiten sie ihre Tage verbringen, wundert mich das kaum. Viele von ihnen sehen kaum jemals die Sonne, und manche wirken auch etwas depressiv. Außer Empfehlungen zur körperlichen Betätigung, Calcium-/Vitamin-D-Substitution und Schmerztherapie habe ich aber keine wirklich sinnvollen Optionen.

Ein 35jähriger Mann kommt zu mir wegen zunehmender Dyspnoe. Er hat eine bekannte rheumatische Herzerkrankung und ihm sind vor ein paar Tagen die Medikamente ausgegangen. Seine mitgebrachten Befunde sind schockierend. In seinem jungen Alter ist sein Herz schon so schwer geschädigt, dass er wohl nicht mehr viele Jahre zu leben hat. Ein operativer Klappenersatz mit den anschließend nötigen Therapien führt unter Slum-Bedingungen erfahrungsgemäß zum Desaster, so dass auch hier nur eine Weiterführung und regelmäßige Optimierung der medikamentösen Therapie möglich ist. Ein sehr trauriger Fall, der allerdings nicht ungewöhnlich ist – ich denke mir, wie einfach es gewesen wäre solch eine Situation zu verhindern, wenn man die auslösende Erkrankung im Kindesalter nur rechtzeitig behandelt hätte!

German Doctors in Indien

Mein Arbeitsplatz in der Ambulanz

Die größte Herausforderung des Nachmittags ist eine ältere Dame, die schon seit Jahren bei uns mit ihrem Diabetes in Behandlung ist. In der letzten Kreatinin-Kontrolle hat sich eine weitere Verschlechterung der Nierenfunktion gezeigt, so dass eine Therapie mit Tabletten nicht mehr möglich ist. Ich veranlasse also eine Umstellung auf Insulin und brauche eine gute halbe Stunde, um der Patientin die Therapie zu erklären und zu demonstrieren. Eine Insulin-Therapie im Slum birgt Probleme, an die man in Deutschland nicht denken muss: Wo kann man das Insulin kühl halten? Wie entsorgt man die Spritzen? Und wer aus der Familie kann ihr beim Aufziehen der Spritze helfen, da die Patientin nicht nur schlecht sieht, sondern auch Analphabetin ist? Ich bin etwas skeptisch, aber bei anderen Patienten hatte ich schon gesehen dass solche Probleme oft erstaunlich gut in den Griff zu bekommen sind. Gegen 16:30 Uhr ist kein Patient mehr vor der Ambulanz. Wir haben es in unserem Team tatsächlich geschafft, die ganze große Menschenmenge vom frühen Morgen zu versorgen. Jhuma und ich räumen unseren Arbeitsplatz auf und setzen uns zu den anderen in den Transporter, eine gute Stunde später bin ich zu Hause. Meine Kollegen aus den anderen Einsatzorten sind schon da, und wir tauschen uns über die interessantesten Fälle des Tages aus.

Unsere Patienten kommen insgesamt aus sehr armen Verhältnissen. Oft sind ganze Großfamilien von den Einkünften des Familienvaters abhängig, der sich oft bis zur völligen Erschöpfung als Tagelöhner oder Rikschafahrer durchschlägt. Die Frauen kümmern sich in der Regel voll und ganz um die Versorgung der Familien, viele sind aber noch nebenher auf dem Feld oder z.B. im Straßenbau tätig – schwerste körperliche Arbeit ist auch für Frauen nicht ungewöhnlich. Bei Kindern frage ich oft nebenbei, ob sie zur Schule gehen – manche ja, andere nein. Ich denke mir, dass ich vielleicht allein durch die Frage die eine oder andere Familie dazu motivieren kann. Ein Urteil kann ich mir aber darüber nicht erlauben, weil ich die genauen Hintergründe in der Regel nicht kenne. Bildung wird in Indien allgemein als großer Wert angesehen, aber in manchen Familien sind die Türen dahin einfach noch verschlossen. Religion spielt bei den meisten meiner Patienten eine große Rolle, so dass viele Missstände eher als schicksalhaft und gottgewollt interpretiert werden, als es in unserem Kulturkreis der Fall wäre. So bleibt meine Feststellung, dass es mir schwer fällt die Lebensumstände meiner Patienten richtig zu verstehen und nachzufühlen, trotz der ständigen Konfrontation damit. Ebenso habe ich mich oft gefragt, wie die Patienten uns Doctors wahrnehmen, mit unserer westlichen Medizin und unserem eher naturwissenschaftlich-mechanistischem Weltbild.

Die Standorte der Ambulanzen sind so gewählt, dass vor allem die untersten Bevölkerungsschichten von uns versorgt werden können. In einer sich rasch entwickelnden Metropole wie Kalkutta ändern sich daher die Einsatzorte auch immer mal wieder, das Projekt bleibt also immer dynamisch. Das Ziel für uns German Doctors wird sein, dass wir eines Tages in Kalkutta komplett überflüssig sind. An der Sinnhaftigkeit meines Einsatzes und unserer Arbeit habe ich jedoch nach abschließenden Überlegungen keine Zweifel. Indien hat gute Krankenhäuser und exzellent ausgebildete Ärzte. Es gibt jedoch kein Versicherungssystem, so dass die Bezahlung immer direkt durch die Patienten erfolgt. Daher ist es verständlich, dass viele Ärzte ihre Tätigkeiten zumindest teilweise auf lukrative Privatkliniken konzentrieren oder sogar ins Ausland gehen. Die Basisversorgung von armen Patienten ist für indische Ärzte mit finanziellen Einbußen verbunden, und daran kann sich in naher Zukunft auch nichts ändern, selbst wenn der indische Staat entsprechende Programme fördern sollte. Ein Großteil unserer Patienten in Kalkutta hätte aktuell ohne unsere Arbeit einfach überhaupt keinen Zugang zu medizinischer Versorgung.

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Manila, Mindoro und zurück

Ein Bericht von Dr. Marlies Möbbeck über ihren Einsatz in Manila/Philippinen

Am Samstag, den 13.09.2014, war es endlich für mich soweit! Mein Einsatz auf den Philippinen stand vor der Tür. Ich musste auf meiner Flugroute einen Zwischenstopp in Abu Dhabi einlegen. Von dort flog ich gemeinsamt mit meiner Kollegin weiter bis Manila. Dort angekommen, mussten wir uns um ein Taxi bemühen. Frau Dr. Pinki informierte uns im Vorhinein per E-Mail, dass wir leider nicht abgeholt werden können. Außerdem teilte sie uns mit, für welchen Preis wir uns ein Taxi suchen können. Doch mit dem uns vorgegebenen Betrag kamen wir nicht sonderlich weit…

Unser erster Arbeitstag war ein Montag. Es waren relativ wenig Patienten bei uns in Behandlung, sodass wir Zeit hatten um uns einzugewöhnen. Für uns war die andere Sprache, die fremde Umgebung und die Anwesenheit der Übersetzerin sehr ungewohnt und somit eine große Umstellung (in Deutschland kann man mit den Patienten direkt kommunizieren). Am Nachmittag hießen uns die Mitarbeiter dann herzlich Willkommen! Meine Einsatztage für Payatas Tres waren der Montag, Mittwoch und Freitag. Die Landschaft dort ist leider mit sehr viel Müll belastet. Dort konnten wir mehr Patienten behandelt als in Bagong Silan.

German Doctors Manila

Unsere Ambulanz in Manila

Am 06.10.2014 ging meine Reise in den Süden von Mindoro. Meine Kollegin hingegen behandelte im Norden weiter. Nach einer ca. achtstündigen Fahrt war ich endlich angekommen. Die Begrüßung vor Ort durch das Team war sehr herzlich.

Um in unser Einsatzgebiet in die Bergen zu gelangen, mussten wir jeden Morgen zwischen 1 bis 1,5 Stunden Fahrt auf uns nehmen. Die Patientendort haben uns jedesmal schon sehnsüchtig erwartet. Mit ihnen warteten aber auch die freiwilligen Health Worker auf uns, die ihre Arbeit richtig gut machen. Wir hatten dort täglich mit ca. 80 Patienten zu tun, wobei ein Großteil davon Kinder waren. Die häufigsten Erkrankungen dort waren unter anderem Hauterkrankungen, wie Skabies oder Pilzinfektionen, welche sehr häufig noch superinfiziert waren. Es kamen sehr viele Mütter mit ihren teilweise unter- oder mangelernährten Kindern und suchten bei uns Hilfe. Teilweise hatten die Kinder noch Durchfall oder Atemwegserkrankungen, ein Großteil derer war stark immungeschwächt.

Die Mütter waren schwer davon zu überzeugen, dass ihre Kinder im Krankenhaus besser aufgehoben wären, trotz dass wir Sie darüber informierten, dass die German Doctors alle Kosten übernehmen. Immer wieder hörte ich von den Müttern, dass im Krankenhaus die Betreuung sehr fragwürdig sei und sie sehr oft diskriminiert werden. Diese Tatsache macht mich sehr traurig!

German Doctors Rolling Clinic

Unterwegs mit der Rolling Clinic

Ich konnte nach 10 Tagen Arbeit eine Pause von 4 Tagen einlegen. Im Anschluss ging es wieder zurück nach Manila. Zum Schluss hatte ich noch eine Woche Aufenthalt in Bagong Silang. Diese Woche ging schnell vorbei! Ich habe die letzten Einkäufe getätigt, den Flug bestätigt und im Internet eingecheckt.

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African Ladies – Evelyne

Ursprünglich veröffentlicht auf sabinewaldmannbrun:

“Yes, I can!” That sounds a bit like Obama, but it was Evelyne’s motto even before Obama was elected president. When she was born in Mathare 27 years ago, her father was a caretaker at church, and when his daughter had finished class 4 in school, she got a sponsorship for joining a boarding school. Great chance to get a good education, but hard life for the girl, who only saw her parents twice a year from now on. When she was 15 years old, Evelyne moved back to Nairobi with her brother and went to highschool. Being a good student she got a sponsorship again to become a lab technician, which was less expensive then nursing school, her first choice. But the sponsor ran out of money and Evelyne could not finish her studies. 2008 her brother got sick and died. This was a time when she reached her limits, she…

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